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                                rezensionen







 “Das lebendige Museum“- MMK

Was macht ein Museum, zu einem “lebendigen“? Oft wechselnde medienwirksame Ausstellungen? Ein ausgefeiltes Veranstaltungsprogramm, Vorträge, Filmvorführungen und eine aktive Museumspädagogik? Das Konzept des Museums wird regelmäßig hinterfragt, die Konzepte reichen von Wissensarchiven über Musentempel der Hochkultur bis zum Kinderzimmer des Populären mit Mitmachpädagogik. Immer wieder wird dieser Ort anders definiert und inszeniert.

Lebendiger soll es bitte schön sein! Das konnte man nun im Frankfurter Museum für Moderne Kunst haben. Die letzte Ausstellung hieß “Das lebendige Museum”. Für 6 Wochen waren dort fünfzehn Arbeiten internationaler Künstler ausgestellt, deren Hauptbestandteil lebende Personen gewesen sind.

Viel lebendiger ging es kaum noch: sie hingen an der Wand, lagen regungslos auf dem Boden oder spülten unentwegt Gläser. Ein Supermann, der in Denkerpose ausharrte. Da wurden Wände immer wieder neu schwarz, dann weiß gestrichen. Dazu kamen sich mysteriös bewegende Möbel und ein GoGo-Tänzer. Diese Museumsexponate waren weder angestaubt, noch “tot“, sondern ungemein lebendig. Diese lebendigen Ausstellungsobjekte (oder sagt man da besser Ausstellungssubjekte?) ließen sich grob in drei Kategorien unterteilen: Es gab klassische Performance-Arbeiten, wo der Künstler selbst der Performende war, dann gab es Konzept-Arbeiten, bei denen Menschen als Material fungierten und es gab interaktive Arbeiten, bei denen der Museumsbesucher angesprochen wurde selbst mitzumachen und zum Akteur zu werden.

Johann Lorbeer fiel in die erste Kategorie: Der Künstlers als Performer. Insgesamt drei Arbeiten von ihm waren im Museum installiert, doch lebendig wurden sie erst, wenn er in eines der in die Wand gedübelten Kostüme einstieg, die dort gleich Prothesen den Körper gegen alle Gesetze der Schwerkraft in den Raum schweben, bzw. die Wand herunterlaufen ließen. Besonders die letzte Arbeit (“Proletarisches Wandbild”) irritierte den Besucher schon beim Eintritt in den ersten Museumsraum, wenn vertikal hoch über dem eigenen Kopf Johan Lorbeer im grell-orangenen Straßenkehrerkostüm freundlich “Hallo” sagte.

Selbst aufgefordert waren die Museumsbesucher bei den “One Minute Sculptures”. Weiße Podeste mit kurzen Anweisungen, gleich einer Turnanleitung, ließen jeden selbst zum Performer werden. Und sei es nur für eine Minute. Besonders passend da dies vor der Wand mit Warhol-Werken passierte. Warhol, der einst den Satz “jeder kann für 15 Minuten Berühmtheit erlangen” prägte. Jetzt durfte jeder 1 Minute Kunstwerk im Museum sein. Die Hemmschwelle zum Mitmachen war bei der Videoarbeit von Paul McCarthy wahrscheinlich am höchsten. Um sie zu erleben, mussten sich die Besucher als Pinocchio verkleiden: Kostüm, Maske und riesige rote Clownschuhe hingen draußen vor der Tür eines kleines Sperrholzcontainers. Nur kostümiert durfte man den Raum betreten. Überraschend hier, wie viele Besucher letztendlich bereit waren sich auf diese mühevolle Prozedur einzulassen und sich das durchaus verstörende Video anzuschauen.

Eine konzeptuelle Arbeit war Tania Brugueras viel diskutierte documenta-Installation "Untitled (Kassel)". In einem dunklen Raum wurden die Zuschauer geblendet, im selben Moment hörten sie das bedrohliche Klicken eines durchladenden Gewehrs. Des Moment der Bedrohung war allerdings weit geringer im Vergleich zu der Installation in Kassel. So musste das bedrohliche Klicken erst als ein solches identifiziert werden, vielleicht schwächte auch die Nachbarschaft zu all den anderen interaktiven Arbeiten die Installation Brugueras.
Viel harmloser kam Tobias Rehbergers Gruppe “Three Boys, Four Girls“ daher, sieben junge Menschen, die modisch gestylt nichts anderes tun, sich als Gruppe, gleich einem “tableaux vivants”, im Museum zu inszenieren. Sie waren eines der Hauptziele der das Museum in den sechs Wochen rege besuchenden Schulklassen.
Während Perre Josephs nachdenklicher “Superman” nur stumm alle Fragen der besuchenden Schüler ignorierte (was ja Teil des Konzepts war), durften Rehbergers "Boys" und "Girls" alles tun, wozu sie Lust hatten, solange sie dabei als Gruppe erkenntlich zusammenblieben, also gab es hier die nötige Ruhe und Muße, um sich mit den Besuchern zu unterhalten oder Fragen zu beantworten.

Erickson Krüger, Kunststudent, war für sechs Wochen einer der "Boys". Er erzählt, dass man sich gerade am Anfang wie ein “Äffchen im Käfig” gefühlt hatte. Besonders dann, wenn geführte Gruppen (egal, ob vom Museum oder Lehrer mit Klassen) kamen und referierten, während sich alle Augen auf die eigene Person richteten. Mit der Zeit hätte man sich allerdings daran gewöhnt und getan, wozu einem zumute war. Er habe viel gezeichnet und gerade Kindergartenkinder wären dann dazu gekommen, um mitzuzeichnen. Erstaunt war er über den Zustrom von Schülern: "Ich habe noch nie so viele Schulklassen auf einmal gesehen wie hier!". Fragen, die die Schüler immer wieder stellten, waren die der Bezahlung: Ob dieses eine Maßnahme des Arbeitsamts wäre, ob sie überhaupt bezahlt würden, wenn ja, wie hoch, ob sie studieren würden. Oder: Ob den Akteuren nicht langweilig sei, man selber würde das viele rumsitzen nicht aushalten wollen. Genauso gab es entsetzte Fragen, ob dies wirklich Kunst sein soll. Gerade an On Kawaras Datums-Bilder schieden sich die Geister.

Hier könnte man sich natürlich fragen, warum war gerade diese Ausstellung für Schulklassen so attraktiv? Die Frankfurter Kunsthalle Schirn, in der zur Zeit eine Ausstellung (“Auf eigene Gefahr“ bis Anfang September) mit ähnlichen Konzept läuft wird wahrscheinlich genauso zum Ziel der Schulklassen werden. Einer der Gründe mag sein, dass es nicht unbedingt Kunstlehrer sind, die dorthin den Ausflug planen, sondern vielmehr Klassenlehrer, die den Wandertag ins Museum verlegen. Diese interaktiven Ausstellungen ersparen den Zwang sich einer Führung des Museums anzuschließen und der Lehrer ist zudem nicht in der Pflicht, die Klasse durch das Haus zu lotsen, vielmehr werden die Schüler freigelassen, alles auf eigene Faust zu erkunden. Gleich einem Abenteuerspielplatz, welcher früher ja selbst Ziel von Wandertagen war. Wird das Museum zum Freilaufgehege der Schulen?

Es ist durchaus schwierig dieses zu kritisieren, schließlich plädierte man doch selbst für mehr Raum für Ästhetische Erfahrung, weg vom Frontalunterricht, hin zum erkundenden Lernen. Ein Museum welches sich selbst erschließt. Doch diese unterhaltsamen gefälligen Ausstellungen, so lebendig sie auch sein mögen, sind in ihrer Form als Publikumsrenner in der Rezeption sehr anstrengend. Nicht wegen der vom Museum ausgewählten Inhalte, sondern des Andranges und Lärmpegels wegen, welcher gerade vormittags in den Häusern herrscht. Fast als wäre ein Wunsch zum Fluch geworden! Oder weil man plötzlich merkt, dass diese Musentempel nie dazu konzipiert waren, größere Besuchermengen gleichzeitig zu fassen. Die Heiligen Hallen erlauben wohl stille Bewunderung, verdammen allein durch ihre Architektur und Akustik, die geräuschvolle Benutzung der Räume.

Nicht unerwähnt sollte dabei bleiben, dass es durchaus zu schönen ruhigen Momenten im “Lebendigen Museum” Gelegenheit gab, zu stillen Stunden und zu versteckten Kunstwerken. "Double Shell" von Massimo Bartolini ist so eines. Der Museumswärter im ersten Raum hielt etwas verborgen, was er kurz und ungefragt den vorbeischlendernden Besuchern offenbarte. Die geschlossene Hand öffnete sich und gab eine ausgehöhlte Perle frei. Ein schönes Sinnbild der stummen “unsichtbaren” Museumswächter, die gleich einer Auster, am besten die Perlen des Hauses kennen und hegen. Eine Arbeit, die sich nicht an Besuchermassen richtete, sondern den direkten Dialog, das intime Gegenüber einforderte.







Deutschemalereizweitausenddrei im Frankfurter Kunstverein

Die Malerei scheint wiederentdeckt! In Frankfurt haben zwei Ausstellungen zur Malerei ihre Pforten geöffnet: Zeitgleich zur Ausstellung der Frankfurter Kunsthalle Schirn “Lieber Maler, male mir... Radikaler Realismus nach Picabia” ist nun im Frankfurter Kunstverein eine Ausstellung zu sehen, die der zeitgenössischen Malerei nachspürt. “deutschemalereizweitausenddrei” heißt sie und zeigt aktuelle Positionen vorwiegend jüngerer in Deutschland lebender Künstler und Künstlerinnen. Die Auswahl der Arbeiten schließt jedoch auch Positionen nichtdeutscher Künstlerinnen und Künstler ein, die speziell den Diskurs in Deutschland beeinflussen.

Ein Jahr lang ist Nicolas Schafhausen, Direktor des Kunstvereins, quer durch die Republik gefahren, um Bilder für “deutschemalereizweitausenddrei” zu suchen. Vor allem in Berlin wurde er fündig. Die meisten der insgesamt 61 MalerInnen sind um die 30 Jahre alt, viele von ihnen stehen noch am Anfang ihrer Karriere. Die dabei entdeckten Arbeiten sind dabei so unterschiedlich wie möglich.

In dieser Malerei herrscht kein Diktat. Nirgends. Es gibt nichts verpflichtendes, alles ist gleichermaßen möglich. Insofern ist aktuelle Malerei demokratisierend, als sie alte Werte, wie „Kunst kommt von Können“ einebnet, denn nicht jeder, der hier malt, ist das was man traditionell als Maler verstanden hätte. Was sie alle eint, ist aber dennoch gerade die Malerei. Weniger der Gestus, die Mittel oder das Material; vielmehr: Malerei als Idee, als Haltung.

Wenn man sich nun mit den ausgestellten Arbeiten auseinandersetzt, entdeckt man immer wieder gewisse Ähnlichkeiten mit Arbeiten der Abstrakten, Expressiven, Realisten, Konstruktivisten, selbst Impressionisten. Jeder Laie wird jedoch feststellen können, dass es sich hier nicht nur um eine bloße Wiederaufnahme handelt. Die heutigen Künstler und Künstlerinnen zeigen, dass wir an der Malerei wieder etwas interessant finden können, was wir vielleicht lange gar nicht interessant fanden. Es lässt sich dennoch nicht verleugnen (und hier findet sich auch die Brücke zur Ausstellung in der Schirn), dass es derzeit eine Neigung zum Figurativen und zum realistisch Abbildenden gibt.

"Was bedeutet Malerei heute?" ist eine der zentralen Fragestellungen der Ausstellung. Die verstärkte Hinwendung zur Malerei, gerade der jüngeren Generation, lässt aufkommen, welches Interesse sich mit diesem Medium verbindet. Fazit des Kunstvereins: Ob figurativ oder abstrakt, die aktuellen Positionen sind politischer geworden und zeigen sich als eine Art Bestandsaufnahme des Jetzt.

Doch das „Jetzt“ lebt vom „Zuvor“ und „Danach„. Unter dem Druck des stetig Neuen werden wir gezwungen, Traditionen aufzubauen. Der Verweis auf frühere Kunststile ist möglicherweise eine schlichte Konsequenz aus der Feststellung, dass man es in der Kunst (wie überall) immer mit dem Neuen zu tun haben muss. Um das zu ertragen und um sich auf dieses Neue einzulassen, flüchtet man schnell in etwas, was einem vertraut erscheint. Und dann tauchen sie auf, wie bei dieser Ausstellung im Kunstverein, die Motive aus der eigenen Kindheit, die 50er und 60er Jahre oder die vertrauten Medienbilder der Gegenwart.

Deutsche Malerei, dieser provokativ gewählte Titel, ist zudem ein Mythos. Der Mythos ist eine urheberlos gewordene Erzählung. Die Brüder Grimm stilisierten z.B. das Märchen zu einer allgemeinen mythischen Größe, indem sie keinen Literaten aus Frankreich als Urheber angaben, sondern das Volk, das Kollektiv. Interessant ist nun die Frage, welche Märchen erzählt uns heute die Malerei und die jungen Künstler? Welche ausgewählten Geschichten werden inszeniert? Letztlich besteht der Gewinn von neuen Tendenzen, Richtungen in der Kunst darin, für eine jeweilige Gegenwart neue Traditionen zu schaffen. Selbst wenn die äußeren Bedingungen eine Konstruktion sind, was man im Frankfurter Kunstverein durchaus weiß. Genauso, dass es die deutsche Malerei als solches nicht geben kann, und die Bilder eigentlich nicht für 2003 stehen können, da sie in den letzten 2-3 Jahren gemalt wurden.

Kunstvereinsleiter Nicolaus Schaffhausen und Co-Kurator René Zechlin haben, anders als die eher thematischen Ausstellungen in der Vergangenheit nun eine Schau konzipiert, die sich explizit einem Genre widmet und in Folge auf eine Diskussion der aktuellen Situation der Malerei hoffen lässt.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen mit einem Text von Ingo Niermann. „deutschemalereizweitausenddrei“ bis zum 13. April 2003 im Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg. Öffnungszeiten: Di - So von 11 -19 Uhr.
“Lieber Maler, male mir... Radikaler Realismus nach Picabia ” bis 6. April in der Kunsthalle Schirn, Römerberg. Öffnungszeiten: Di, Fr- So 10-19 Uhr, Mi-Do 10-22 Uhr.
 


*** Die Artikel sind manchmal nicht in dieser Form gedruckt worden. Gekürzte oder veränderte Passagen sind in den Texten hier noch enthalten.


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