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                                rezensionen


Fotografie Forum International






Bruce Gilden: “Go”

“Go” ist ein japanisches Brettspiel. Ähnlich bekannt wie Schach bei uns. Ziel im Go ist die Eroberung von Gebiet. Die Züge werden mit Gewaltbegriffen benannt. Es geht um Gebietsinvasion, Angriff, Verteidigung, um das Gefangennehmen und Schlagen von Steinen, um "lebende" und "tote" Steine. Vom Gegner vollständig umzingelte Steine sind gefangen. Alle Steine haben denselben Wert, ein Stein allein ist schutzlos.

“Go“ so heißt auch die Ausstellung des Magnumfotografen Bruce Gilden. In diesem Werk erforscht er die dunklere Seite Japans, das brutalisierte Alltagsleben auf den Straßen Tokyos und Osakas. Angriff und Verteidigung. Bis du oben oder unten? Ob protzender Boss der japanischen Mafia, James Dean ähnliche Motorrad-Rocker, verhärmte Bettler, alternde Transvestiten. Ein falscher Zug kann jedes dieser Leben endgültig vernichten. Und all diese undurchsichtigen Praktiken des japanischen Untergrunds wurden eingefangen durch die Schwarz-Weiß-Fotografien Gildens.

Dabei ist er mit seiner Kamera erstaunlich nah am Geschehen. Close-Ups durchziehen die Ausstellung, so dass viele der Bilder etwas filmisches haben, kaum wie Realität, die oft Distanz zum Objekt fordert. Nein, man ist mitten drin in einer Welt Japans, die nun so gar nicht dem Klischee von “Technolgiewahn meets Teezeremonie” entspricht. Bei seinen Ausflügen auf die Straßen fallen Widerstände und Schranken, Personen werden fotografisch erwischt, "Face to Face" konfrontiert: ungeschminkte Begegnungen, paradoxe Bildsprünge und Perspektivenwechsel.

Seit nunmehr 25 Jahren ist der amerikanische Fotograf Bruce Gilden für seinen einzigartigen Stil im Bereich der 'Street Photography' bekannt. Seine Bilder werden seit 1977 von internationalen Museen und Galerien ausgestellt und seine Arbeiten befinden sich in unzähligen Sammlungen. Seine Straßenporträts sind mit roher Energie aufgeladen, erinnern an Film Noir Gangsterfilme.

Mit dem Zahnstocher im Mund fixiert ein Mann mit Hut den Betrachter, die Hand greift in die Innenseite seines Mantels. Was wird er zücken? Drogen, Geld oder wird er gleich ein Waffe auf uns richten? Schnell weiter zum nächsten Bild. Die finstere Miene des auffällig gekleideten Bosses, dem ein Bodyguard eine Zigarette anzündet. An den Obdachlosen eilen Passanten vorbei. Ein gehetzter Subway-Pendler nimmt gleich zwei Stufen auf einmal. Gilden lässt die Motive bewusst für sich selbst sprechen, in all ihrem Tempo, ihrer Eindringlichkeit und Härte.

Besonders schön die Detaillaufnahmen. Ausschnitte, die wenig zeigen und doch viel erzählen von Ungerechtigkeit und Schmerz. So die Fotografie von dem Fuß eines Mannes. Nur dieser Fuß lugt in der rechten unteren Bildmitte hervor. Der Rest des Bildes ist Schwarz. Nacht. Doch das angeblitzte Stück Körper zeigt die dreckige verbrauchte Oberfläche der Haut. Die verwachsenen Zehennägel, die im dem abgebrochenen weit hinaus wachsenden Nagel am großen Zeh ihren größte Dramatik finden.

Die Bilder zeigen sogenannte “Freaks“: Außenseiter. Doch nicht entstellend, sondern mit dem Blick für Schönheit im Grauen. Die Personen bewahren Würde, erzählen Geschichten, deren Ende jedoch ungewiss bleibt.







Jonathan Torgovnik
Bollywood Dreams: Eine Reise durch Indiens Filmindustrie


"Bollywood" -- zusammengesetzt aus Bombay und Hollywood -- ist ein Kosename für indischen Film und Filmmusik. Bei einem Budget von etwa $300 Mio. werden jährlich 800 Filme gedreht, zumeist romantische Musik- und Tanzfilme.

Jonathan Torgovnik, 1969 in Israel geboren, später in New York studiert, hat das Phänomen Bollywood seit 1998 intensiv fotografisch dokumentiert. In der Ausstellung „Bollywood Dreams“ des Frankfurter Fotografie Forums, lässt Torgovnik in seinen Bilder hinter die Kulissen indischer Filmkultur blicken: Porträts der Stars beim Dreh, die Kinos und ihre Besucher, Proben für die aufwendigen Tanz-Szenen, ohne die ein indischer Film nicht auskommt. Aktivitäten hinter den Drehkulissen und die phantasievolle Kinowerbung auf der Straße.

In Bollywood wird kommerzielles Kino gemacht. Fast alle Filme folgen dem gleichen Muster. Es sind üppig ausgestattete Melodramen und Liebesgeschichten, aufgelockert durch Tanz- und Gesangseinlagen und gewürzt mit Actionszenen, in denen sich der Held zu bewähren hat. Ein Kino, das sehr erotisch ist, aber trotzdem familientauglich bleibt und keine religiösen Gefühle verletzt. Sex ist dagegen tabu, dafür gibt es eine sanfte Variante von "Wet Sari"-Fantasien. Dagegen ist Singen und Tanzen ein stetes "Muss". Eine goldene Produzentenregel weiß, dass fünf Songs das Minimum sind. Filmschauspieler sind die wahren Superstars in Indien. Sie werden von Ihren Fans nahezu vergöttert, und für Kinotickets geben die Inder oft mehr aus als für Essen und stehen stundenlang für die heißbegehrten Tickets an. Die Filme sind meist länger als drei Stunden. Was aber keinen der der etwa 14 Millionen Inder täglich davon abhalten würde ins Kino zu gehen. Es ist eher so, je mehr Kino es für ihr Geld gibt, umso besser.

Die Bilder der Ausstellung lassen sich in drei Kategorien unterteilen: Bilder der Filmindustrie, der Dreharbeiten und der Schauspieler, mit ihrem ausgeprägten Starwesen. Dann gibt es Bilder zu den indischen Kinos, und deren Mitarbeitern, wie den Besitzern oder Filmvorführern, die Innenausstattung der Gebäude und natürlich des Publikums. Zuletzt folgen Bilder, die zeigen, welchen Präsenz das Kino im indischen Alltag hat, ob als Werbung, welche in Schichten übereinander an die Wände der Städte plakatiert ist, oder die handgemalten Kinoplakate, wie sie noch in Südindien (Madras) üblich sind.

Weitere Fotografien zeigen eine aussterbende Form des Kinos. Es sind reisende Filmtheater, wie das Anup-Kino, die das Kino auch in ländliche Regionen Indiens bringen. Dieser Truppe ist auch Torgovnik gefolgt. Im Zeitalter des Satellitenfernsehens können nun jedoch überall die neusten Filme empfangen werden. Aufgrund der niedrigen Eintritte und zusätzlicher Steuerabgaben ist der Profit gering und bedroht das Metier vor entgültiger Schließung. In 50 Jahren werden es vielleicht nur noch Torgovniks Fotografien sein, die an die Zeiten des Wanderkinos erinnern, als Reminiszenz an einen wichtigen Bestandteil der Indischen Kinogeschichte.

Letztes Jahr wurde Togorvnik mit dem Graphic Photo Annual Award und dem American Photogaphy Award ausgezeichnet. Seine Bilder wurden u.a. in Newsweek, New York Times-Sunday Magazine und Smithsonian veröffentlicht. Torgovnik's Buch "Bollywood Dreams: A Journey through India's Cinema Culture" erscheint im Phaidon Verlag und kann ab Mai 2003 über das Fotografie Forum international bestellt werden.








Emanuell Raab: “Nachtland”

Tagsüber ist so manches hässlich, was nachts in Schönheit erstrahlt. Angeleuchtet von den Lichtquellen der Nacht. Tiefschwarz sind die Nächte im urbanen Umfeld recht selten. Irgendwo brennt immer ein Licht. Der Flughafen, die Straßenbeleuchtung, Lkws die nachts Waren transportieren. Und die angestrahlten Orte entwickeln, wie Theaterbühnen im Scheinwerferlicht, eine ganz andere Dramatik als bei Tage. Das Tageslicht ist ein Gleichmacher. Doch der Spot in der Nacht setzt Akzente, neue Farben, aufgeladene Atmosphären. Selbst triste Industrieorte können ganz märchenhaft erscheinen. Zumindest wenn man dem Blick Emanuel Raabs folgt, dessen Arbeiten der Fotoserie “Nachtland” in der Kommunalen Galerie im Leinwandhaus gezeigt werden.

Gestalterisch und inhaltlich sehr unterschiedliche Bildlösungen dokumentieren und reflektieren heutige Lebensräume, die durch wachsende Urbanisierung, gekennzeichnet sind. Diese Ausstellung zeigt mit großformatigen Farbaufnahmen auf Aluminium Raabs nächtliche Streifzüge; dokumentieren wie aus urbanen Unorten emotional aufgeladen Räume werden. Allerdings ohne zu weit in eine Bildtiefe zu führen, denn die Fotografien schließen den Raum, machen ihn flach. Der Blick bleibt distanziert und die Bildmotive sind menschenleer. Nur die Orte und Dinge alltäglicher Tristesse verweisen auf menschliche Existenz derer, die am nächsten Tag mit gleichgültigen Blick diese Orte passieren.

Die großformatigen Farbfotos wirken teilweise merkwürdig künstlich und konstruiert, obwohl sie genau dies nicht sind. Die Orte wirken fast unwirklich, wie Miniaturmodelle. Doch sie sind weder digital bearbeitet, noch künstlich beleuchtet, sondern sie sind ausschließlich in ihren eigenen, natürlichen Lichtquellen erfasst. Und immer wieder zeigt Raab Fabrikgebäude und Lagerhallen, die Stätten der Arbeit und der Produktion: Ein nächtlich erhellter Containerumschlagplatz, ein Supermarkt, mit seiner Leuchtreklame, eine fast strahlend gelb erleuchtete Tankstelle, eine düstere Brückenunterführung oder nächtliche Natur, Wiesen und Bäume, von Schatten durchwirkt.

Diese "uneigentlichen Orte" ohne Schönheitsanspruch, diese Verlegenheitslösungen und Hinterhof-Antiidyllen bannt Raab, konzentriert den Blick des Betrachters auf sie, macht sie zur Bühne für Abwesendes. Der Fotograf ermöglicht somit einen visuellen Lernprozess, indem er den Betrachter zwingt, dort hinzublicken, wo er in der Regel wegblickt oder die Augen schließt und nun dabei Schönheit erfährt. Hier zeigt sich eine subjektiven Fotografie jenseits des immer noch allgegenwärtigen Dokumentarismus.

Emanuel Raab, 1957 in Bautzen geboren, studierte Fotografie und Film an der Fachhochschule für Gestaltung in Darmstadt und ist seit 1984 freischaffend; zahlreiche Ausstellungen, Medienkunstprojekte, Publikationen. Seit 2001 Professor für Fotografie und Bildmedien an der Fachhochschule Bielefeld.








Dieter Leistner

Der in Mainz lebende und an der Fachhochschule Würzburg lehrende Architekturfotograf  Dieter Leistner wird 50 Jahre. Aus diesem Anlass zeigt die Kommunale Galerie und das Fotografie Forum International eine Retrospektive dieses international anerkannten Fotografen. Seit 1982 arbeitet Leistner freischaffend und hat für zahlreiche Architekten und öffentliche Auftraggeber fotografiert, darunter O. M. Ungers, Gottfried Böhm, Richard Meier und Hans Hollein. Unter den festgehaltenen Gebäuden sind Banken, Schwimmbäder, der Deutsche Bundestag und zahlreiche Museen.

Leistner interpretiert den jeweiligen Bau mit seiner Fotografie, er inszeniert, arbeitet jedoch am liebsten mit vorhandenem Licht. Um die richtige Lichtsituation zu finden, nimmt er geduldig Wartezeiten in Kauf, bis Atmosphäre und Architektur zusammenstimmen.

Bereits mehrfach ausgestellt wurden Beispiele aus der Serie "Aufblicke". Sie zeigt Aufblicke im Gebäudeinneren, man findet darauf überraschende, orthogonale Ansichten. Die Arbeiten sind unabhängig von Aufträgen entstanden und verfügen über einen hohen Abstraktionsgrad. Unter seiner fotografischen Perspektive wandeln sich die Räume zur reinen Form, zu eleganten Bögen, Kreisen und Winkeln. Dort, wo die Ausschnitte am stärksten auf markante Baustrukturen reduziert sind, erinnert das Resultat fast an Werke der konkreten Kunst.

Im Treppenaufgang hängt eine Serie von 1993: Opulente Schwimmhallen, ob das Stadtbad im Berliner Neuköln oder das Münchner Volksbad. Die Bäder wirken wie Kathedralen, menschenleer und merkwürdig erhaben.

Längst nicht nur fertige Architektur wird von Leistner festgehalten. Auch Bauprozesse oder Baustellen sind Thema seiner Arbeit. Da ist eine kleine Serie zur Frankfurter Zeilgalerie: Fotos, die das Untergeschoss, wie eine vorzeitliche Ausgrabungsstelle erscheinen lassen, die auf Jäger verlorener Schätze zu warten scheint. Eine zweite Baustellenserie zeigt großformatige Fotografien des Rohbaus vom SWR in Mainz. Betonwände und Lattenzäune sind durch die gegeben Lichtverhältnisse zartblau getönt, so dass die unfertigen Räume etwas poetisches erhalten. Die Fotos Leistner erwecken Mythen und Assoziationen, die man in den postmodernen Bauten in Natura kaum noch nachzuvollziehen kann. Doch so kreiert das Bild etwas, was der Architektur versagt bleibt. Architekt und Fotograf treten in einen wortlosen, aber spannenden Dialog, der bewirken kann, dass sich durch die publizierte Fotografie eines Gebäudes die Sichtweise der Besucher vor Ort verändert.

Seine konsequente Arbeit brachte ihm zahlreiche Ehrungen ein, darunter die Berufung in die Deutsche Gesellschaft für Fotografie, die Aufnahme in den Art Directors Club New York und die Verleihung des Award of the 8th Photographic Art Exhibition in Beijing, China (1998). Als Hochschullehrer prägt er seit 1983 die bildnerische Sprache einer ganzen Generation. Die Architekturfotografie bewegt sich zwischen Dokumentation und Interpretation, zwischen Abbildung und künstlerischer Freiheit. Er legte jedoch immer Wert darauf, keine reine Dokumentarfotografie zu betreiben, sondern Formen aus dem Gebäude mit der Kamera freizulegen.








„Constructing Memory and Space“:
Fotokunst aus den späten sechziger bis achtziger Jahren


Ist Fotografie Abbild oder Bild? Kunsthandwerk oder Kunstwerk? In den 60er Jahren wurde Fotografie als eigenständiges Kunstmedium entdeckt. Das Fotografie Forum International zeigt nun Fotoarbeiten aus den 60er bis 80er Jahren aus der Sammlung der DZ Bank. Zu sehen sind Werke europäischer Künstler, die verschiedene Methoden wie Bildsequenzen, Bildmanipulationen und Kombination mit Texten angewandt haben. Die meisten der ausgestellten Künstler sind nicht als Fotografen bekannt geworden, sondern als Maler, Konzept- oder Performancekünstler. Die Fotoarbeiten sind die Ergebnisse der Probe eines Umgangs mit dem Medium Fotografie.

Dies gilt auch für die Fotocollage „Sunday morning, Mayflower Hotel, New York” des Malers David Hockney. Ein Hotelzimmer wird uns gezeigt. Der Blick in den Raum, insbesondere auf Details wird deutlich betont, dadurch, dass einzelne Fotos wie ein Mosaik zusammengefügt oder übereinander geklebt sind. Es ist ein Kaleidoskop des Mikrokosmos Hotelraum. "Der Betrachter erfaßt nicht alles auf einen Blick, sondern vielmehr Schritt für Schritt und setzt sich daraus das Bild seiner Umwelt zusammen.", so Hockney über seine Fotoarbeit. Zentral hängt diese Fotoarbeit in den Räumen des Leinwandhauses und entspricht bestens dem Titel der Ausstellung „Constructing Memory and Space. Bei Hockney erschließt sich ein Raum, der auch Veränderungen in der Zeit enthält. Die Fotocollage zeigt nicht einen eingefrorenen Moment einer einzelnen Fotografie, sondern sie dokumentiert die Zeitspanne des Fotografierens. Das schrittweise Abtasten der gewählten Situation erfolgt so im Sinne von "fotografischen Augen-Blicken".

Dieser prozesshafte Einsatz der Fotografie wäre vor den 60er Jahren umstritten gewesen. Die Sechziger sind eine spannende Zeit für die Fotografie. In der Land Art, dem Happening und der Performance wird sie vermehrt zur Dokumentation genutzt. Damit bleiben diese flüchtigen Ereignisse der Nachwelt erhalten. Mit diesem Paradigmenwechsel wird aus Kunsthandwerk Kunst. Ein Foto ist nicht nur ein Bild, es steht für eine Idee. Künstler wie Valie Export, Christian Boltanski, Sigmar Polke oder Peter Hutchinsson kann man daran vergleichen, wie unterschiedlich der Umgang mit dem Medium Fotografie erprobt wird. Diese Experimente ändern die Stellung der Fotografie im Kunstkontext. Vom sekundären Dokumentationsobjekt schafft sie den Sprung zum gleichberechtigten Partner. Sehr typisch steht dafür die Fotoserie „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ von Joseph Beuys. 1977 auf der Dokumenta 6 brachte Beuys durch seine „Honigpumpe am Arbeitsplatz” Kunst, Leben und Politik symbolisch in einen Kreislauf und hielt 100 Tage lang Seminare der „Freien Universität” ab, wo er mit Besuchern seinen alternativen Begriff von Wissenschaft als „utopische Öffnung des Geistes und der Gesellschaft” diskutiert.

Erhalten bleibt uns die Fotoserie, die mehr ist als ein Beiwerk. Es ist ein eigenständiges Kunstwerk, welches die Spur des längst Entschwunden in sich trägt.









Kathy Grove

Wer kennt sie nicht? Die Klassiker der Kunst. Bilder, wie Manets "Picknick im Freien", Picassos "Les Demoiselles D'Avignon" oder Matisses "Tanzende". Bilder, die allein schon den Erfolg von Kunstausstellungen sichern, die uns von Kalenderblätter bekannt sind oder als Reproduktionen Arztpraxen verschönern. Frauen stehen oft im Zentrum dieser Kunstwerke: badende, tanzende, posierende, Madonnen, Vamps und Evas. Was passiert, wenn man plötzlich diese zentralen Figuren aus den Kunstwerken entfernt?

Die amerikanische Fotografin Kathy Grove, 1948 in Pittsburgh, Pennsylvania geboren, setzt sich in ihren Fotografien mit Frauenbildern in der Kunstgeschichte auseinander. Wer Stereotypen zerstören will, muss sich genau überlegen, mit was diese ersetzt werden können oder ob sie überhaupt ersetzt werden sollen. Kathy Grove entfernt sie kurzerhand. Der Frage nach Sein und Schein, gängigen Stereotypen, und letzten Endes von Wahrnehmung und Erinnerung geht die Ausstellung "The Other Series" mit 31 Fotografien von Kathy Grove im Frankfurter Fotografie Forum nach.

Die Fotografie gilt eigentlich als Medium der Reproduktion, ihm spricht man Wahrhaftigkeit zu, da es Realität abbildet. Die Malerei hingegen ist subjektiv, sie interpretiert, denn der Pinselstrich des Malers erschafft das Bild. Kathy Grove arbeitet mit Fotografien von Gemälden, aber auch von Fotografien. Es sind Bilder von Bildern. Doch sie retuschiert den Bildinhalt und wie ein Maler interpretiert sie die Vorbilder auf ihre eigene Weise. Sie bietet damit dem Betrachter zudem eine Vorlage zur Weiterinterpretation des so neu entstandenen Werkes. Denn was ist, wenn man einem Bild den Bildmittelpunkt raubt?

Es bleibt Dürers Adam ohne Eva. Vermeers Soldat blickt einsam zum Fenster. Eine metallene Wanne von Degas scheint auf den Benutzer zu warten. Pierro della Francescas Christuskind schwebt in der Luft, wo doch zuvor das mütterliche Knie Halt gegeben hat.
Zwei Möglichkeiten bieten sich dem Betrachter: Zum Einen werden der Bildhintergrund, die Staffagen, die Statisten zum Zentrum des Bildes. Die Bildaussage verändert sich. Auch fallen einem plötzlich vorher unbemerkte Kleinigkeiten auf. Zum Anderen beginnt das Rätseln, was fehlt. Ist es eine Frau oder gleich mehrere? Wie sah das Original aus? Diese Frage kann schnell beantwortet werden. In den Ausstellungsraum liegt ein Ordner mit den Originalabbildungen bereit.

Eine Fotografie entzieht sich dem gängigen Muster der abwesenden Frauen. "Migrant Mother", 1936 aufgenommen Dorothea Lange, ein Klassiker der Fotografie. Die Mutter mit ihren Kindern bleibt wohl, dennoch wird uns das Original entzogen. Gleich einer Schönheitsoperation wurden Falten und Schmutz retuschiert. Das vorher ausgemergelte Gesicht erstrahlt im neuen Glanz. Verjüngt und weichgezeichnet, gleich einer Werbefotografie, lächelt sie nun dem Betrachter entgegen.
Die Fotografien entstammen dem Musée de L'Elysée in Lausanne und entstanden zwischen 1987 und 2001
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*** Die Artikel sind manchmal nicht in dieser Form gedruckt worden. Gekürzte oder veränderte Passagen sind in den Texten hier noch enthalten.


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