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                                rezensionen


Frankfurter Kunstverein:                               






Keren Cytter

Der Frankfurter Kunstverein startet ins neue Jahr, große Projekte sind in Vorbereitung, doch die erste Ausstellung im Jahr widmet sich zunächst der Vorstellung einer jungen, in Deutschland bislang unbekannten Künstlerin. Keren Cytter wurde 1977 in Tel Aviv geboren, lebt und arbeitet derzeit in Amsterdam. Erst letztes Jahr hatte sie dort ihre Debüt-Ausstellung im Stedelijk Museum Bureau Amsterdam gehabt, einem Kunstraum ähnlich des Frankfurter Portikus.
Die Videoarbeiten, die nun im Frankfurter Kunstverein gezeigt werden, sind in den letzten 3 Jahren in Amsterdam und Tel Aviv entstanden, sie sind über die Etagen des Gotischen Hauses verteilt. Auf Keren Cytter aufmerksam wurde Kunstverein-Leiter Nicolas Schafhausen in Amsterdam bei der Vorbereitung der groß angelegten "Populismus"-Ausstellung, welche im Sommer gleichzeitig in Frankfurt, Amsterdam, Oslo und Vilnius gezeigt werden soll.

Die Darsteller und die Orte der Videofilme sind alle aus Keren Cytters realen Umfeld entnommen, die Geschichten sind wohl auch zum Teil real, aber so stark literarisch bearbeitet, dass sie eindeutig Fiktion geworden sind, wenn auch nach dem Vorbild des Lebens. Doch welche Geschichte ist das nicht? So meint auch Schafhausen: "Die Geschichten sind nicht zwangsläufig als Videos zu sehen." Das Medium ist weniger wichtig als die Geschichte selbst. So sind die Kurzfilme auch mit einfachsten Mitteln produziert, keine perfektionistische Material-Frickelei, sondern schlichte Videofilme, welche die teilweise rätselhaften, lyrischen Geschichten transportieren.

Die vier Filme der "Friends"-Serie beruhen auf wahren Begebenheiten, doch sind sie stilgerecht nach verschieden Genres inszeniert, so als "film noir" oder fiktionalem Dokumentarfilm. Benannt sind sie nach Freunden Cytters aus Tel Aviv, die in den Videos im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Die "Room"-Serie umfasst drei Filme, die alle in dem selben Raum entstanden; der Raum, in welchem Keren Cytter in Amsterdam lebt. Neben "The Milkman" und "Nothing" gehört "Desillisioned Love 2" zu der Trilogie. Der letztgenannte Film beruht auf einer Erzählung von George Simenon: Ein Mann entdeckt, dass seine Ehefrau ihn langsam vergiftet. Fragmente der Handlung wiederholen sich immer wieder und verdichten das Szenario, in der das vergiftete Essen an die Goldfische im Aquarium verfüttert wird, um den Beweis des heimtückischen Plans zu erbringen.

Die Ausstellung ist nicht einfach zu rezipieren, die Narrativität der Videos täuscht eine Erzählbarkeit vor, die am Ende im Nirgendwo endet. Doch Keren Cytter setzt ihre Arbeiten selbst in Frage und dekonstruiert sie noch im Ausstellungsraum. Darauf deuten die Wandtexte im ersten Stock des Kunstvereins. Anleitungen gleich, wie die Filme zu sehen seien, erklärt sie dort, dass die Filme der "Room"-Serie im gleichen Raum gedreht wurden oder dass die Farbigkeit der Typografie des einen Wandtextes sich zugleich auf den Film "Milkman" bezieht, aber auch in Korrespondenz zur bunten Glasdecke von Liam Gellick steht, die extra für diese Ausstellung wieder in den zweiten Stock eingebaut wurde.

Ein Teil der Arbeiten wird im Sommer weiter nach Zürich reisen, dort werden sie in der Kunsthalle gezeigt werden, ein Katalog dazu entsteht gemeinsam mit dem Kunstverein, wo die Ausstellung derzeit in vollem Unfange zu sehen ist.






Markus Schinwald: „Tableau Twain“

Der menschliche Körper bestimmt das Werk von Markus Schinwald. Die fetischhafte Inszenierung von Körpern und untragbare Modeskulpturen sind Themen seines Schaffens. Prothesen und mechanische Apparate versetzen die Protagonisten seiner Filme und Fotografien in marionettenhafte Zwänge, die den Körper zum Objekt werden lassen. Nun werden seine filmischen, fotografischen und installativen Arbeiten unter dem Titel "Tableau Twain" erstmalig in einer umfangreichen Einzelausstellung im Frankfurter Kunstverein gezeigt.

Die Video-Arbeit "dictio pii" ist ein absurd gefilmtes Kammerspiel, das Personen in unterschiedlichen Situationen in den leeren Fluren und Zimmern eines Hotel zeigt. „Dctio pii“ bedeutet „Ausspruch der Seligen“. In der traditionellen Darstellung der Kunstgeschichte stehen die Heiligen zwitterhaft zwischen den Geschlechtern. Wallende Kleider verhüllen die Körper. Eine tiefe Männerstimme, in einer Art innerem Monolog, begleitet die Figuren im Film. Eine weibliche Stimme fasst mit dem letzten Satz - "We are deranged" (Wir sind verwirrt) - die Szenerie zusammen.

Diese „verwirrten Heilgen“ sind gestützt durch unsinnige Prothesen und Deformationen verändern ihre Körper, der Film bekommt etwas albtraumhaftes. Die Verwandlung durch mechanische Apparate, Körperstützen, Ersatzteile wird in der Ausstellung fortgesetzt.

Zwillingsebenen so lässt sich „Tableau Twain“ übersetzen. Jedes Stockwerk zeigt zwei miteinander in Beziehung gesetzte Räume, die durch ein Mittelstück verbunden sind. Das Mittelstück im ersten Stock besteht aus zwei Ölgemälden des 19. Jahrhunderts, denen ein Restaurator kleine Änderungen beigefügt hat.
Der alten Frau beispielsweise, die würdig in ihrem Lehnstuhl ruht, wurde eine metallene „Doppelkinnstütze“ beigefügt. Feinfühlig ist das nicht, eher bitterböser Vorgeschmack auf die Retuschen, die den 24 respektablen Herren auf den Lithografien im anderen Zwillingsraum angebracht wurden. Auch diese wurde mit Ersatzteilen und metallischen Körperergänzungen bedacht.
Mitten im Raum ist eine sich stetig wippende Körperpuppe, eine Riesenmarionette, die vor dem Idyll einer gemalten“ Waldtapete gestellt wurde.

Schinwald deformiert nicht nur die abgebildeten Menschen, er deformiert auch die Kunstwerke, welche er auf Flohmärkten erstand und deren „Schöpfer“ längst in Vergessenheit versunken sind. Manchmal fühlt man sich an den Film „Freaks“ erinnert oder an die „Kuriositätenschauen“ des 19. Jahrhunderts, aus denen auch das Mittelstück der Zwillingsräume im zweiten Stock entlehnt sein könnten.
Empfangen wird man dort von drei Fotografien von sogenannten „Schlangenfrauen“, die in verkrümmter Haltung in die Räume gesetzt wurden. Eine Reminiszenz an die sogenannten Hysterikerinnen-Fotografien des 19. Jahrhunderts. Deren extreme Körperhaltungen bei Ausbrüchen wurde mit Gestellen fixiert, so dass das typische Krankheitsbild auch für die damalig lange Dauer der Belichtung des Fotomaterials eingehalten werden konnte. All diese Verformungen und Deformationen sind ästhetisch in Film, Raum oder Bild zu irritierenden Kunstwerken verdichtet.

Ende September wird dem Kunstverein gegenüber, in der Kunsthalle Schirn, noch mehr von Schinwald zu sehen sein. Er ist einer der 10 Künstler, die Künstlerfilme extra für die Ausstellung „3‘ produziert haben, die es ab dem 30. September dort zu sehen gibt.







Morrison, Byrne und Willhelm im Kunstverein

Für einen Monat sind drei Einzelausstellungen im Frankfurter Kunstverein zu sehen. Danach wird Adorno in einer großen Themenschau gehuldigt, doch zuvor sind es Bernhard Willhem, Alex Morrison und Gerard Byrne, deren Arbeiten auf den Etagen des Kunstvereines verteilt sind.

Im Erdgeschoss liegen auf Holzgerüsten die Textilarbeiten Willhelms (geb. 1972). Der junge Designerhat Kleidung konstruiert, die zwitterhaft zwischen Mode und Objekt steht. Sehr bunt, teilweise untragbar, zitiert er das Thema des Karneval in Form und Muster. Präsentiert sind ausgewählte Entwürfe, Modefotos, Zeitschriften, Dokumentationen von Fashion Shows und das künstlerische Umfeld, in dem Willhelm sich bewegt.

Im zweiten Stock kann sich der Kanadier Alex Morrison (geb.1972) ausbreiten. Im Foyer begegnet man sogleich den Zeichnungen der Serie “Every House I've Ever Lived In (Drawn from Memory)”. Sie zeigen deutlich in welche Richtung Morrison arbeitet. Er konstruiert aus der Erinnerung; aus tatsächlich gelebten, authentischen Geschichten, die er in seinen Arbeiten ästhetisch formt. In dieser Eingangsarbeit geschieht dies dadurch, dass er alle Häuser und Wohnräume, in denen länger gelebt hatte, aus seiner Erinnerung heraus, schematisch skizziert. So sind es fragile übereinanderlappende Architekturgebilde, die die Wand wie ein Muster geräumig überziehen.

Raumerfahrung der anderen Art gibt es im Video "Homewrecker". Es zeigt Morrison beim Skateboarden in der eigenen Wohnung, die auf diese Weise sukzessive zerstört wird. Morrison, selbst Skateboarder, setzt sich in seinen Videos, Fotografien und Zeichnungen immer wieder mit urbanen Situationen auseinander, die durch eine verfremdete Nutzung - z. B. durch Skateboard-Fahren -, eine neue Perspektive erfahren. In einem weiteren Raum im Raum wird in einer Video-Installation eine Party der Zerstörung inszeniert, in bester Art wie es einem auch MTV in medialisierter Weise in TV-Formaten wie “Jack-Ass” präsentieren würde.
Morrison erzählt fast tagebuchartig Geschichten. Er schafft eine vordergründig authentische Dokumentation von Jugendkultur, gleich einer beobachtenden Teilnahme, so dass man gut aufpassen muss, nicht zu vergessen, dass er als Künstler bewusst auswählt, was er präsentiert. Denn leicht verfällt man dem Trugschluss ihn schlicht und einfach unter trendigem “MTV-kompatiblen” Skateboard-Künstler einzuordnen. Das wäre zu einfach gedacht. Es ist ein Spiel mit diesem Label, aber gleichzeitig die Gefahr von diesem festgelegt zu werden.

Der dritte Stock ist mit den Foto und Videoarbeiten des Dubliner Gerard Byrne (geb.1969) versehen. Immer wieder werden in seinen Arbeiten Mediengeschichte und ihr Einfluss auf unsere kulturellen Background hinterfragt. Zum Beispiel in der Serie 'In the News' öffnen sich zwischen unzusammenhängenden Fotografien verblüffende Verbindungen und Assoziationen. Nur durch Byrnes Erklärungen werden die Verbindungen und Hintergründe teilweise offenbar, die man ohne diese selbst nicht hätte erkennen können. Byrnes letztes Projekt “Playboy” basiert auf einer Diskussion, gedruckt in einem Playboy aus den Siebzigern. Dieser Meinungsaustausch wurde mit Schauspielern nachgestellt. Ein Mitschnitt dieser Neuinszenierung wird in vier Versionen im Kunstverein gezeigt. In dieser fiktiven Zeitreise wird aus damaliger Perspektive die brennende Frage nach neuen sexuellen Lebensstilen erörtert.

(OP. 08/ 2003)







Adorno. Die Möglichkeit des Unmöglichen

Es ist nicht das erste Mal, dass mir im Frankfurter Kunstverein Rubics Zauberwürfel einfällt. Wahrscheinlich liegt dies an der bunten Farbfeld-Deckeninstallation die seit Jahren das Obergeschoss ziert. Doch selten war diese Assoziation so stark, wie bei der Adorno-Ausstellung “Die Möglichkeit des Unmöglichen“, die nun eröffnet wurde.

Die Ausstellungs-Exponate, Kunst der 50er Jahre bis in die Gegenwartskunst, werden über die Etagen hinweg mit Zitaten aus Theodor W. Adornos Ästhetischer Theorie ergänzt. Dies schafft neue Kontexte. Doch wenn Adornos Werk wie ein Zauberwürfel wäre, dann wäre dieser noch rein in seinen Farben. Rot, Grün, Blau, Weiß, Gelb: ein geschlossenes Feld, fast abwehrend dem Benutzer gegenüber. Adornos Philosophie ist nicht einfach zu konsumieren.

Bei dieser Ausstellung hat man den Würfel genommen und die geschlossenen Flächen aufgebrochen, die Farbfelder gemixt. Ein bisschen Kunst hier, ein paar Zitate dort und all die neuen Kontexte machen es neuer, bunter, poppiger. Doch wer wird sich die Mühe machen, all die Farben wieder einander zuzuordnen, weiß man doch, dass genau jenes der schwierige Teil ist. Ist man nicht versucht, ein paar mal nach links und rechts die Kontexte weiterzudrehen, gar neue Theorien zu bilden, die aber nur noch entfernt etwas mit der Ausgangssituation zu tun haben?

Rubics Würfel findet sich tatsächlich in der Ausstellung als Exponat wieder. Die Assoziation ist also gar nicht so weit hergeholt. Allerdings ist er körperlos, zu sehen als 16mm-Filmloop in Jonathan Monks “High School Boogie Woogie” (2002). Die Farben werden stetig gemischt. Einen Würfel im Realen gibt es auch, wird doch das Filmbild in einem begehbaren Kubus aufgeführt. Der Cube im Cube im Cube des Kunstraumes. Dessen Wände sind dann tatsächlich auch weiß und lassen den Kunstwerken Raum für sich zu sprechen. Besonders laut tun das diese, die speziell für die Ausstellung neu geschaffen wurden.
Thomas Demands überdimensionale C-Print-Fotografie “Simulator” (2003). Diese zeigt eine fiktive Maschine, in der oben eine Frage eingefüllt werden könnte und unten fällt -plumps- eine Antwort raus. Ein Anspielung auf Adornos eigenes “Labor”, das von ihm gegründete “Institut für Sozialforschung“. Adorno als "Experimentalbausatz" für neue Kunst, dies ist durchaus spannend anzuschauen.

<>Manche Exponate sprechen nicht so leicht für sich, über die muss dann gesprochen werden. Werke, die für eine Geisteshaltung stehen, die Adorno entspräche. Sarah Morris Farbfelder-Malereien (2001). Oder “the lights going on and off” von Martin Creed, eine Arbeit mit der er vor zwei Jahren den begehrten Turner Price erhielt. Im Wechsel von 30 Sekunden geht das Licht an und aus. Das träge Auge bleibt für Bruchteile blind, bis man sich an den neuen Lichtzustand gewöhnt hat.
<>
<>Mimesis, der Selbstvernichtungsdrang der Kunst, allerlei Adorno-Zuschreibungen werden da genannt. Diese Werke funktionieren vielleicht sogar als Projektionsflächen für die Zitate, die daneben an der Wand stehen. “Alle Kunstwerke und Kunst insgesamt sind Rätsel...” so ist Adornos Ästhetische Theorie zitiert. Wenige Spezialisten werden in der Lage sein aus den Einzelteilen des magischen Würfels wieder ein sinnvolles Ganzes zu bilden, der Rest bleibt bei den bunten Mixflächen hängen, in denen man sich durchaus, spielerisch unterhalten, verlieren kann.

(OP, 10/2003)








Emotion Eins

Ich finde die Kunstwerke der neuen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein ganz wunderbar. Sie sind spannend, intelligent, kritisch und natürlich sehr unterschiedlich. Das bleibt nicht aus, wenn man 31 Künstler in einer Ausstellung zusammenbringt. Aber: Bei etwa der Hälfte der Arbeiten ist mir nicht ganz klar, warum sie bei einer Ausstellung mit dem Titel „Emotion Eins“ zu sehen sind. Mit Emotion wird gemeinhin gefühlsbetontes assoziiert. Die „Eins“ im Titel nimmt dieses spontane Gefühl gleich schon zurück. Eine gezählte Emotion ist eine kontrollierbare. Und genauso kontrollierbar und verkopft gibt sich die Ausstellung im Frankfurter Kunstverein.

Viele der Werke (insbesondere die Videoarbeiten) erinnern weit mehr an Sozialstudien. So zeigt die Litauin Egle Rakauskaite in einem Doku-Video, den Alltag einer illegal in die USA eingereisten Litauerin, die dort als Billiglohnkraft eine alte Frau in Chicago pflegt.
Mark Raipere filmt zehn estische Gefängnisinsassen. Sehr würdevoll inszeniert, kann man beobachten wie jeder einzelne sich vor der Kamera in Szene setzt.
Laura Horelli berichtet in ihrem Video von dem Leben ihrer Großmutter, die als Tänzerin 1936 bei der Olympiade teilnahm und später Ärztin wurde.
Die Iranerin Seifollah Samadian zeigt in ihrem Film den Iran im Ausnahmezustand, allerdings nicht wegen einer politischen Krise, sondern weil sich die iranische Fußballmannschaft zur WM 1998 qualifiziert hatte. Im Freudentaumel bilden sich Autokorso und die zurückkommende Mannschaft wird in der Sportarena enthusiastisch gefeiert.
Javier Téllez arbeitete zusammen mit Patienten in einer psychatrischen Klinik in Dublin, dabei konnten die Patienten eigene Kurzdialoge in Sprechblasen schreiben. In dem stummen Videos werden die Texte laut und erzählen deutlich von den Befindlichkeiten der Patienten.
Gavin Turks „Nomad“ zeigt einen dreckigen Obdachlosenschlafsack, innendrin liegt kein Mensch, sondern eine Bronze.

Florian Wüst thematisiert in seiner Video und Rauminstallation nach eigenen Worten die „Konflikte zwischen kritischen Subjekt und dem Staat“, indem er verschiedene bundesrepublikanische Texte der 50er von einer Schauspielerin sprechen lässt, darunter frühe Texte zur Atompolitik und einen Text von Ulrike Meinhoff. In einem anderen Video lässt er ein in der Mc Carthy-Ära entstandenes Verhör von J. Robert Oppenheim (Erfinder der Atom-Bombe) nachspielen. Die Wand ist mit Schwarz-Weiß Zeichnungen überzogen, in denen Stilisierungen von bekannten „Atom-Ikonen“ zu finden sind, beispielsweise die des ersten Atomkraftwerkes der BRD.

Pure Emotion kommt im Musikvideo von Benny Nemerowsky Ramsay auf. Der stellt sich dort als 4-köpfige Boyband dar. „Super-Pop-Star-Search“ lässt grüßen. Jeder Bandmitglieder ist er selbst, die synchron tanzend den schmalzigen Song trällern. Der ganze Videoraum im zweiten Stock funktioniert wunderbar als Medieninszenierung, indem sich mehrere Videoarbeiten abwechseln und die 15 Minuten, die diese Arbeiten in Anspruch nehmen, erstaunlich kurzweilig werden lassen.

Im restlichen Haus sind sich die (überproportional vielen) Videoarbeiten etwas im Weg, überlagern sich im Ton, so dass die Spieluhrartige Musik zu Mark Raipers Gefängnisinsassen, ebenso Vanessa Beecrofts gefilmte Performance überlagert, sowie sämtliche anderen Arbeiten im Raum. Nichtsdestoweniger: Wenn man den Ausstellungstitel etwas außer acht lässt, dann kann man dort eine sehr spannende Ansammlung künstlerischer Arbeiten erleben.







"nation"

"nation" heißt die neue Ausstellung im Frankfurter Kunstverein und zeigt Arbeiten von ca. 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern. Spätestens seit der Französischen Revolution wird moderne Gesellschaft als nationale thematisiert. Bis heute ist der nationale Staat die anerkannte politische Organisationsform der Gesellschaft, gleichzeitig aber hat sich der Begriff der Gesellschaft von dem der Nation gelöst.

Wer denkt, dass man nun mit nationaler Kunst im Sinne von “Leitkultur” versorgt würde, der hat weit gefehlt. Vielmehr soll erörtert werden, was eine solche “Nation” ausmachen kann und inwiefern sich dies positiv, wie negativ in unserem Alltag, den Medien, der Politik ausprägt. Die Künstler äußern sich in ihren Arbeiten aktuell zu diesem Thema, von einem Spannungsfeld zwischen “Nationalismus, politischer Populismus, aber auch Transit und Binnenexotik” kündet die Pressemitteilung des Kunstvereins. Dabei sind u.a.: Thomas Bayrle, Marc Bijl, Heather Burnett, Sarah Morris, Marcel Odenbach, Shirana Shahbazi, David Zink Yi, Brian Jungen und Nina Könnemann.

Es werden viele Fragen gestellt, Szenenarien dokumentiert und Phantasmen kommentiert. Malerei, Zeichnung, Skulptur, Mixed-Media-Installationen, Fotografie und Video sind die verwendeten Medien. Antworten gibt es hier jedoch keine. Eine Sehnsucht nach dem “Politischen” in der Kunst weht durch die Räume des Kunstvereins. Lang ist es her, dass jemand Kunst und Gesellschaft in Verbindung brachte. Doch anscheinend fragen die Künstler wieder danach. Diese Fragen präsentieren sich manchmal wie ein ästhetischer Rückgriff in die 70er Jahre. Selbst Hippie sein, selbst gegen Kriege demonstrieren. Jetzt dieses Jahr durfte auch diese junge Generation wieder auf die Strasse und man erinnerte sich der alten Zeichen und Symbole.

Das Peace-Zeichen, der Palästinenser-Schal, der Bundeswehr-Parka tauchen wieder auf. Vielleicht nicht im Original, aber in veränderter abstrahierter Form. Wie z.B. in der Installation “Die göttliche Linke” von Josephine Meckseper. Ein Video zeigt einen Zusammenschnitt von Anti-Bush-Protesten in Berlin und New York, doch wirken die Aufnahmen als seien sie 20 Jahre alt, davor liegt eine Art Wohnzimmerteppich, das Muster ist den Palästinensertüchern entnommen, die einst von den Friedensbewegten getragen wurden.

Nation ist sowohl Kollektivbewußtsein und Staatsform. Diese Typisierung ist aber nicht nur Selbstbeschreibung, sondern auch Mittel zur Herstellung der behaupteten Differenz. Vorstellungen und Darstellungen sind Bestandteil der Wirklichkeit. Solche Vorbilder der “nationalen Identität" sind ebenso Thema der künstlerischen Untersuchungen. Besonders treffend in der Arbeit von Keith Farquhar “Pitch ‘n ‘ptt”. Sie zeigt Kaschmirpullover der Firma Pringle, welche Markenzeichen schottischer Identität sind. Diese Pullover wurden von Farquhar verändert, teilweise belebt, bzw. regelrecht malträtiert, im Gegensatz zu ihrer üblichen harmlosen Nutzung als Kleidungsstück der britischen Oberklasse.

So führt der Umgang mit dem Begriff der Nation zu einer Selbstthematisierung angesichts einer globalisierten Gesellschaft. Mit vielleicht düsteren Ausgang. Denn ist diese Gesellschaft nicht eine gestrandete? So scheint es fast, betrachtet man die im Abgang begriffene mit Teer übergossene “Lara Croft” im Treppenhaus. Die Installation von Marc Bijl zeigt sie gleich einer “Pechmarie” noch den Atem Che Guevaras einhauchend, der ihr real als Che-Zigarette in den Mund gesteckt wurde, während an der Wand hinter ihr “La rivoluzione siamo noi” mehr vom Untergang einer Utopie kündet, statt kraftvoll die Revolution auszurufen.

(OP 05/03)







"deutschemalereizweitausenddrei"

Die Malerei scheint wiederentdeckt! In Frankfurt haben zwei Ausstellungen zur Malerei ihre Pforten geöffnet: Zeitgleich zur Ausstellung der Frankfurter Kunsthalle Schirn “Lieber Maler, male mir... Radikaler Realismus nach Picabia” ist nun im Frankfurter Kunstverein eine Ausstellung zu sehen, die der zeitgenössischen Malerei nachspürt. “deutschemalereizweitausenddrei” zeigt aktuelle Positionen vorwiegend jüngerer in Deutschland lebender Künstler und Künstlerinnen. Die Auswahl der Arbeiten schließt jedoch auch Positionen nichtdeutscher Künstlerinnen und Künstler ein, die speziell den Diskurs in Deutschland beeinflussen.

Ein Jahr lang ist Nicolas Schafhausen, Direktor des Kunstvereins, quer durch die Republik gefahren, um Bilder für “deutschemalereizweitausenddrei” zu suchen. Vor allem in Berlin wurde er fündig. Die meisten der insgesamt 61 MalerInnen sind um die 30 Jahre alt, viele von ihnen stehen noch am Anfang ihrer Karriere. Die dabei entdeckten Arbeiten sind dabei so unterschiedlich wie möglich.

In dieser Malerei herrscht kein Diktat. Nirgends. Es gibt nichts verpflichtendes, alles ist gleichermaßen möglich. Insofern ist aktuelle Malerei demokratisierend, als sie alte Werte, wie „Kunst kommt von Können“ einebnet, denn nicht jeder, der hier malt, ist das, was man traditionell als Maler verstanden hätte. Was sie alle eint, ist aber dennoch gerade die Malerei. Weniger der Gestus, die Mittel oder das Material; vielmehr: Malerei als Idee, als Haltung.

Wenn man sich nun mit den ausgestellten Arbeiten auseinandersetzt, entdeckt man immer wieder gewisse Ähnlichkeiten mit Arbeiten der Abstrakten, Expressiven, Realisten, Konstruktivisten, selbst Impressionisten. Jeder Laie wird jedoch feststellen können, dass es sich hier nicht nur um eine bloße Wiederaufnahme handelt. Die heutigen Künstler und Künstlerinnen zeigen, dass wir an der Malerei wieder etwas interessant finden können, was wir vielleicht lange gar nicht interessant fanden. Es lässt sich dennoch nicht verleugnen (und hier findet sich auch die Brücke zur Ausstellung in der Schirn), dass es derzeit eine Neigung zum Figurativen und zum realistisch Abbildenden gibt.

"Was bedeutet Malerei heute?" ist eine der zentralen Fragestellungen der Ausstellung. Die verstärkte Hinwendung zur Malerei, gerade der jüngeren Generation, lässt aufkommen, welches Interesse sich mit diesem Medium verbindet. Fazit des Kunstvereins: Ob figurativ oder abstrakt, die aktuellen Positionen sind politischer geworden und zeigen sich als eine Art Bestandsaufnahme des Jetzt.

Doch das „Jetzt“ lebt vom „Zuvor“ und „Danach„. Unter dem Druck des stetig Neuen werden wir gezwungen, Traditionen aufzubauen. Der Verweis auf frühere Kunststile ist möglicherweise eine schlichte Konsequenz aus der Feststellung, dass man es in der Kunst (wie überall) immer mit dem Neuen zu tun haben muss. Um das zu ertragen und um sich auf dieses Neue einzulassen, flüchtet man schnell in etwas, was einem vertraut erscheint. Und dann tauchen sie auf, wie bei dieser Ausstellung im Kunstverein, die Motive aus der eigenen Kindheit, die 50er und 60er Jahre oder die vertrauten Medienbilder der Gegenwart.

Deutsche Malerei, dieser provokativ gewählte Titel, ist zudem ein Mythos. Der Mythos ist eine urheberlos gewordene Erzählung. Die Brüder Grimm stilisierten z.B. das Märchen zu einer allgemeinen mythischen Größe, indem sie keinen Literaten aus Frankreich als Urheber angaben, sondern das Volk, das Kollektiv. Interessant ist nun die Frage, welche Märchen erzählt uns heute die Malerei und die jungen Künstler? Welche ausgewählten Geschichten werden inszeniert? Letztlich besteht der Gewinn von neuen Tendenzen, Richtungen in der Kunst darin, für eine jeweilige Gegenwart neue Traditionen zu schaffen.
Selbst wenn die äußeren Bedingungen eine Konstruktion sind, was man im Frankfurter Kunstverein durchaus weiß. Genauso, dass es die deutsche Malerei als solches nicht geben kann, und die Bilder eigentlich nicht für 2003 stehen können, da sie in den letzten 2-3 Jahren gemalt wurden.
Kunstvereinsleiter Nicolaus Schaffhausen und Co-Kurator René Zechlin haben, anders als die eher thematischen Ausstellungen in der Vergangenheit nun eine Schau konzipiert, die sich explizit einem Genre widmet und in Folge auf eine Diskussion der aktuellen Situation der Malerei hoffen lässt.

(OP, 01/03)






Marcel Odenbach:
"
Auch wenn der Fahrer ein anderer ist, der Lastwagen bleibt der Gleiche"

Heutzutage sind Videoinstallation gängige Praxis in der zeitgenössischen Kunst, aber diese war noch ziemlich ungewohnt als Marcel Odenbach seine frühesten Videoarbeiten in der Mitte der 70er Jahre produzierte. Marcel Odenbach, 1953 in Köln geboren, lebt auch heute noch in Köln und unterrichtet als Professor an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, wenn ihn nicht seine zahlreichen Ausstellungstätigkeiten über alle Kontinente hinweg an andere Orte führen. Er prägte seit den siebziger Jahren die deutsche Video-Kunst entscheidend mit. Manche seiner filmischen Bildmittel sind heute Allgemeingut der Medienkunst geworden.

Der Kunstverein Frankfurt präsentiert nun eine Einzelausstellung Odenbachs auf zwei Etagen, in der sowohl einzelne Frühwerke aus den 70ern, als ein Überblick seiner Videoinstallation der 90er bis hin zu aktuelle Arbeiten gezeigt werden.
Themen seiner Videoarbeiten entnimmt er der Welt, vor dessen harten Realitäten er nicht die Augen verschließt: Deutschland und seine Geschichte. Migration und Minoritäten. Religiöser Fanatismus und Terrorismus. Wiedervereinigung. Die Frage nach dem Deutschsein in einer global vernetzten Welt.
Es sind oft willkürliche, dokumentarische Elemente der Zeitgeschichte, Archivaufnahmen, Aufnahmen Dritter und ihre sehr persönlichen ikonographischen Deutungen, die sich in seinen Werken vereinigen, um ein ästhetisches Panorama seiner eigenen Epoche aufzuzeigen. Odenbachs Videoarbeit versieht jedes eingesetzte Stilmittel mit Erinnerungen oder Sinnbildern - eine ins moderne Medium übertragene Historienmalerei.

Er selbst beschreibt diese Inszenierungsform als die Gegenüberstellung von subjektiver und objektiver Kamera. Behält man dieses Statement im Kopf, erkennt man es bei den Arbeiten schnell wieder.
Zum Beispiel bei "The Idea of Africa" (1998). Hier sind zwei Projektionen nebeneinander an die Wand geworfen, in der Mitte überlappen sie sich zu einer schmalen Schnittmenge. Die eine Screen zeigt ausschließlich vorgefundenes Dokumentationsmaterial deutscher Kolonialzeit, welches Aufnahmen von Jugendlichen eines Video-Workshops in Afrika gegenüber steht. Durch die Montage der Filmbilder lässt Odenbach die Kolonialgeschichte Afrikas mit den heutigen Lebensverhältnissen zu einem kulturhistorischen Panorama verschmelzen.
Odenbachs Installationen sprechen für sich; eindeutig, fast schon zu festgelegt, sehr moralisch. Man kann einiges über formale Präzision lernen, auch über das Denken in vollendet ausgesuchten Zusammenhängen, aber die spontane Begeisterung will sich nur in wenigen Momenten so richtig einstellen.

Die Installation "Innere Sicherheit" (2001/2) im zweiten Stock wäre jedoch positiv hervorzuheben. Das Video wird auf eine große von der Decke hängende Alu-Jalousie projiziert. Durch die Jalousie wird die Doppelung der Projektion auch auf die dahinterliegende Wand geworfen. Hier setzt sich Marcel Odenbach kritisch mit Glücksvorstellungen und Heilversprechen religiöser Gemeinschaften auseinander. Dabei verdichten sich Schnitt, Sound und physisch räumlicher Inszenierung zu einer eigenen Sprache, die man dann sogar sinnlich erfahren kann, wenn man seine frontale Kinobesucherposition verlässt und hinter die Jalousie tritt und sich in den Raum zwischen die beiden Projektionsflächen begibt. Man ist dann ganz verwoben in die Bilder religiöser Eiferer, symbolträchtiger Bilder, wie dem aus der Hand fallenden Samen und kitschigen Sequenzen eines Heimatfilmidylls.

Die acht Videoinstallationen und neun Bänder des Videoprogramms erzählen vom Künstler, von Deutschland und von der Welt.

(OP, 10/02)







"fresh and upcoming": Henning Bohl

"Ihr kriegt uns hier nicht raus", eine Hymne aus Berliner Hausbesetzerzeiten der 80er Jahre; die Band "Ton Steine Scherben" sangen den Refrain. Weiß der 27 jährige Städelstudent Henning Bohl, welch aufgeladenen Satz die Transparente seiner Demonstranten zeigen? Bohl ist der derzeitige Gastkünstler der Reihe "fresh and upcoming".

Mitten im Raum steht eine Holzkonstruktion aus hellen zusammengezimmerten Holzlatten, irgendetwas zwischen Hochstand und Barrikade. Eine der Wandflächen ist bis zum gotischen Gitterwerk mit ebensolchen Holzlatten versehen worden. Es gleicht stark vergrößerten, an die Wand genagelten Blattgerippen. Stark abstrahiert sind die Zwischenräume lila angestrichen oder mit schwarzer Folie beklebt. Die anderen drei Wände zieren Papierarbeiten von DinA4 bis Postergröße. Es sind farbige Aquarelle oder Zeichnungen von hölzernen Blockhäusern und comicartige Waldszenerien, die Situationen aus der westdeutschen Protestbewegung der 80er zu zeigen scheinen. "Henning Bohl verknüpft in der Ausstellung mit Installationen, Collagen und Zeichnungen aus dem Kontext der Friedens- und Umweltbewegung mit der nüchternen Formensprache des Konstruktivismus", nennt es der Kunstverein.

"Ihr kriegt uns hier nicht raus", sangen die Protestler einst. Unsere Sache wird uns überleben! Doch aus Berlins besetzten Häusern sind längst Luxus-Wertanlagen geworden und von der Startbahn West - Frankfurts Protestgut der 80er - entschweben die Protestierenden von damals heute gen Geschäftstermin oder mit der Familie in den gemeinsamen Urlaub. Wie prägt sich dieses auf die Feindbilder der heutigen Jugend aus? Zurückgeblieben ist der Verlust von sozialen, politischen und ökologischen Utopien! Die 68er waren die letzte Generation, die nichts vom Ozonloch wusste.

Seit der Friedens- und Ökologiebewegung der 80er Jahre sind gesellschaftliche Protestbewegungen immer mehr einer globalen Relevanz unterworfen. Demokratische Forderungen verkommenen zur Sprechblasenrhetorik. Bohl produziert ein ästhetisch bildbares Äquivalent. Es ist die Visualisierung von stereotypen Hüllen. Die Zeichnungen sind keine Matrizen der damaligen Fernsehnachrichtenbilder mit dokumentarischen Anspruch. Vielmehr zeigen sie eine durchaus kitschige Collage der Bilder, die einem in Verbindung zu den Ereignissen der Zeit (Hüttendörfer, Gründung der Grünen, RAF, Barrikaden im Wald, Greenpeace) durch den Kopf gehen mögen.

Im Zuge des Retro-Hype der 80er werden die Demonstranten der Startbahn West zu zum Untergang verdammten jugendlichen Öko-Hippies. Menschen in Rückzugsgefechten. Die erwähnten Hüttenbauten existieren in Bohls Arbeiten nur noch als netzartige Struktur. Zusammengeklappt und ihrer Funktion enthoben, verwandelt sie sich zur abstrakten Formen. Junge Frauen unter Bäumen, überschattet von den Konstruktionen, die aus dem Bild in den Raum plastisch herausragen. Menschen flüchten durch Wälder. Zwei andere Frauen haben Maschinengewehre geschultert. Die Globalisierung ist ihnen auf den Fersen und wird sie bald einholen und unterpflügen. Doch derzeit fliehen sie noch.

(OP, 10/03)






"fresh and upcoming": Jennifer Tee

"fresh and upcoming", so heißt eine neue Ausstellungsreihe im Frankfurter Kunstverein. Jeden Monat neu wird neben der Hauptausstellung ein junger, noch unbekannter Künstler vorgestellt. Oft in dem Stadium zwischen Abschluß an einer Kunstakademie und der Etablierung am Kunstmarkt.

Jennifer Tee so heißt die Gastkünstlerin des Monats März, die diese Ausstellungsreihe mit einer Performance eröffnete. Die niederländische Künstlerin, 1973 geboren, ist Absolventin der renommierten Rijksakademie in Amsterdam und erhielt letztes Jahr für die Performance den Preis der Akademie.

Trommeln sind zu hören, wenn man den kleinen hinteren Raum des Kunstvereins betritt. Im Eingang wird im Glas ein Getränk gereicht, das sei mongolisch, wie man später erfährt. Mit identitätsstiftenden Versatzstücken wird man auch weiterhin im Raum umgeben: Ein Zelt, Keramikfiguren, zudem eine Gebirgsskulptur und die Künstlerin selbst.

Das Zelt steht raumfüllend in der Mitte. Schwarzer Stoff bedruckt mit einem weißen Erdball, gelb und roten Sternen, Menschen, Vögeln und Hunden. Ein Kosmos, der sich ständig im Rund des Zelts wiederholt. Auf der Eingangsseite des Raums stehen auf einem Sims chinesische Keramikfiguren. Mädchen, deren Augen mit Wachs oder Stoff verschlossen wurden. Auf der gegenüberliegenden Seite, gleich nach dem Zelt, steht eine skulpturale Gebirgslandschaft. Berg und Krater, mit Wachs übergossen. Und in der hinteren Ecke auf einer Stoffschaukel, die über den Köpfen der Besucher hängt, sitzt mädchenhaft Jennifer Tee.

Zu den Trommeln gesellen sich weitere Musikinstrumente. Die Künstlerin zieht an einem Seil und über eine Seilwinde hebt sich das Zelt, wie eine Tortenhaube langsam nach oben und enthüllt drei mongolische Musiker, die auf traditionellen Instrumenten spielen. Etwa 10 Minuten ist der Raum mit Musik und Gesängen gefüllt, bis sich der Zeltkosmos wieder nach unten senkt und die Musik verstummt.

Der Betrachter als Teil der Ausstellung. Die Installation umgibt die Betrachter. Diese umgeben das Zelt und die Musiker. Und die Musik durchdringt alles und lädt den Raum atmosphärisch auf. Sucht man aber in der Fülle von Requisiten nach einem narrativen Faden wird man auf sich selbst zurück geworfen, denn die Installation verschließt sich hermetisch, die Bedeutung bleibt unsichtbar. "Jennifer Tee beschäftigt sich mit Ritualen und Mythologie in verschiedenen Kulturen sowie deren Rezeption und Transformation in der heutigen Zeit", so der Kunstverein. Diese Sinnsuche obliegt dem Betrachter.

(OP, 02/02)



*** Die Artikel sind manchmal nicht in dieser Form gedruckt worden. Gekürzte oder veränderte Passagen sind in den Texten hier noch enthalten.


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