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                                rezensionen


Offenbach Galerien und Museen





"Imaginationen" - Malerei von Gabriele Saur-Burmester
im Kunst Raum Mato

Zwei Besucher sind in der Galerie und unterhalten sich mit der ausstellenden Künstlerin. Das Gespräch plätschert dahin, ob um die Quadratmeterpreise der Ateliers in der Mato-Fabrik, über gescheiterte Ausstellungsraumprojekte in Offenbach der vergangenen Jahre oder letztlich über Malerei an der Galeriewand. Während der Ausstellungszeiten von „Imaginationen“- Malereien von Gabriele Saur-Burmester, ist der KUNST RAUM MATO offen und die Künstlerin selbst ist anwesend. Eine Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit der Ausstellenden.

Gabriele Saur-Burmester hat wie alle der Künstler des KUNST RAUM ein Atelier in dem alten Fabrikgebäude. Gewohnt wird allerdings in Bad Vilbel, wo sie kunstpädagogisch arbeitet, schwerpunktmäßig in der Kinder- und Jugendarbeit. 1953 wurde sie in Schwäbisch-Gmünd geboren, sie studierte später Pädagogik, Psychologie und Kunst.

Insgesamt neun Arbeiten sind ausgestellt. Allesamt zeigen ihren aktuellen künstlerischen Ausdruck, sind von 2003. Sie hat sich aus der Abstraktion, welche expressive farbenfrohe Menschen- und Blütenfigurationen zeigten, weiterentwickelt, davon zeugt eine Mappe mit Arbeiten der vergangenen Jahre.

An den Wänden der aktuellen Ausstellungen gibt es immer noch die expressiven Malereien in Rot/Orange/Gelb-Tönen. Linie und Form, die der großen Geste des breiten Pinsels folgen, getropfte Farbmuster. Diese Abstraktion lassen Menschen oder Blumen erkennen, aber der Weg zu einer neuen Formensprache kündigt sich schon in ihnen an. Vom Durchbruch zum Neuen zeugen dann die drei jüngsten Arbeiten, welche gitterartige Strukturen zeigen. Es dominieren geometrische Formen: Linien, Quadrate und Rechtecke. Die Farben sind kühler und greller geworden.

Abstraktion und Konkretion gehen von zwei verschiedenen Grundkonzepten aus: Abstrakte Malerei reduziert; Gegenstände der sichtbaren Wirklichkeit sind auf ihre Grundelemente zurückgeführt. Konkrete Malerei steht dagegen in keinem Bezug mehr zur Wirklichkeit, sondern bildet selbst eine neue, eben 'konkrete' Realität. In diesem Sinne sind alle bildnerischen Mittel nur das, was sie tatsächlich sind (Bildträger und Farbe) und keine illusionistische Nachahmung der Umwelt.

Die aus dieser Wandlung resultierenden Formen sind in ihrer Gesamtwirkung so weit von den früheren Arbeiten Saur Burmesters nicht entfernt - Formaufbau und Strukturbildung sind aber doch verschieden. Die Farbe ist zu geometrisch gefassten und geformten Einheiten zusammengebaut und in der Fläche zu einer sich wechselseitig ergänzenden Einheit verbunden.

Die Bilder sind alle mit Acrylfarben gearbeitet. Ihre Versuche, die Fläche zu durchbrechen und einzelne Farbfelder in den Raum hervortreten zu lassen, künden bereits eine Auseinandersetzung mit der Farbe als raumbildendes Element an. Von dieser Auseinandersetzung künden auch die Bücher im Ausstellungsraum. „Ich beschäftige mich zur Zeit viel mit Klee“, so Gabriele Saur-Burmester im Gespräch. Weitere Fragen zu ihren Arbeiten? Hingehen und selbst fragen!











kunst schlacht
im Alten Schlachthof Offenbach

Ein DJ-Pult steht einsam in der Ecke der geräumigen Fabrikhalle. Deutsche HipHop-Platten sind in der Plattentasche. Drumherum hängt Kunst. Auf 1200 qm Fläche der Halle „T“ auf dem ehemaligen Offenbacher Schlachthofgelände stellt “Worldatelier.com” die Künstler Thomas Baumgärtel, Horst Baerenz, Ingrid Franzen, Michael Ecker, haste, hendoc, viagrafik, bomber, loomit, wow 123, daim, seak, neon, won abc, cemnoz, diok und esher aus.

In der Ausstellung sind Leinwände, Skulpturen, auch Grafiken zu sehen. Viel Graffiti, wie schon bei der Ausstellung im Klingspormuseum im Frühjahr (zu deren Realisierung man damals beigetragen hatte) aber nicht nur. Ingrid Franzen, Horst Baerenz und chaste zeigen beispielweise Malerei. Michael Ecker baut matttransparente Kunststoffobjekte. Der Holzbildhauer Hendoc fertigt Sitzobjekte aus Eiche und Nußbaum, schnitzt dreidimensionale Graffitis und Darstellungen des weiblichen Körpers in Holz.

Näher am Graffiti-Gedanken ist der längst etablierte Thomas Baumgärtel. Vor etwa zehn Jahren hatte er begonnen, eine Banane neben die Eingänge von Orten zu sprühen, in denen Kunst gezeigt wurde. Zunächst wurde dies als Sachbeschädigung angesehen, die Bananen wurden meist entfernt. Bis heute hat sie sich immer mehr verbreitet, ist in Köln und Düsseldorf, in Frankfurt, Berlin, Paris, London und New York an Galerien und Museen zu finden, und so manche Newcomer Galerie ist mittlerweile besorgt, wenn dies Markenzeichen für seriöse Kunst nicht bald am Haus zu finden ist. In seinen jüngsten Bildern verwendet er kleine gesprühte Bananen als Rasterpunkte, mit denen er seine Bilder alltäglicher Gegenstände, vom Wasserhahn bis zum weiblichen Akt aufbaut. Hunderten von dicht nebeneinander und übereinander geschichteten Bananenformen formen das Bildmotiv.

Die Mehrzahl der Künstler der “Kunst Schlacht” stammt aus der Graffiti-Szene. Der ein oder andere Künstler hat sich mittlerweile so vom Graffiti entfernt, dass die Arbeiten nur noch wenig damit zu tun haben. Aber sie sind oder waren Graffitisprüher und bringen so neue Einflüsse, wie beispielsweise Grafik oder Internetdesign, in die Kunst mit ein. Gezeigt wird, dass “Graffiti” auch als Malerei auf Leinwand bestehen kann.

Graffiti kommt aus den USA, in New York fing alles an. 1983 dann versuchten sich die ersten Deutschen an der damals noch unbekannten Kunstform. Schnell breitete sich das Phänomen aus, vor allem in Großstädten wie München, Frankfurt, Hamburg, Mainz, dem Ballungsraum Ruhrgebiet oder Berlin, das heute als Sprayer-Hauptstadt gilt. Für die breite Öffentlichkeit bleiben sie alle anonym. Hinter Namen wie etwa Bomber (der in Frankfurt als Pionier gilt), verbergen sich Menschen, die nur innerhalb der Szene bekannt sind. Dabei hat jede Stadt ihre eigenen lokalen Größen, die versuchen, einen eigenen Stil zu entwickeln.

Diese Szene lebt in ständiger Gefahr, von der Polizei gefasst zu werden. Denn sie sprühen ihre Werke meist auf Wände, die ihnen nicht gehören. So war won abc einst der meistgesuchteste Trainbomber (=Zugsprüher) und wurde 1996 durch einen zu Abschreckungszwecken spektakulären Gerichtsbeschluss hart für seine illegale Tätigkeit bestraft, was aber gegenteilig die Wirkung hatte, dass sein Ruhm in der Szene wuchs. Heute ist er Absolvent einer Münchner Kunstakademie. Sprüher wie daim, viagrafik, seak, tasek, esher, daddy cool, stohead und loomit leben heute zudem (meist) legal von ihrer Kunst oder von Grafik-Design und stellten beispielsweise 2002 bei der großen Graffiti-Art-Ausstellung “urban discipline” in Hamburg ihre Arbeiten aus.










Claudia Weber
im Kunst Raum Mato

Nach Farbe riecht es. Ist es Acryl? Ist es Öl? Beides könnte es sein, denn Claudia Weber verwendete diese Farben in ihren ausgestellten Malereien. Doch vielleicht riechen gar nicht mehr diese Bilder, sondern der Raum selbst oder der Duft hängt in der Fabrik, strömt aus einen der vielen Künstlerateliers heraus. Ein Atelier wie Claudia Weber selbst eines in der Alten Mato Fabrik hat. Doch zur Zeit sind ihre Arbeiten nicht im Atelier, sondern im Kunst Raum, der neueingerichteten Produzentengalerie des Hauses.

18 Arbeiten hängen dort. Ältere Arbeiten, die stärker Farbflächen nebeneinander setzen und ganz Neues, eindeutig ist eine Hinwendung zum Grafischen, zum Zeichen spürbar. “Mir ist wichtig, dass das Zeichen einen Wert bekommt.”, beschreibt es die Künstlerin. “Es geht darum, die Zeichnung in die Malerei einzubinden“.

Das Malen von Bildern hat seit den Höhlen von Lascaux die Zeiten überdauert, es gestattet uns die direkte Konfrontation, das Erkennen und die emotionale Auseinandersetzung mit unseren Möglichkeiten und Grenzen. Zwei neue Arbeiten heißen auch „Hommage an Lascaux“. Sie bestehen aus jeweils zwei aneinander gesetzten Leinwände. Die Eine hat einen durch Gips strukturierten Leinwanduntergrund in Lila-Grau-Tönen. Ein bisschen erinnert es tatsächlich an eine Steinwand. Auf diese sind Zeichen gesetzt, eine rote Sonne oder Farbflecken. Die schmale Leinwandtafel daneben ist nahezu einfarbig gehalten. Allerhöchstens einen Zeichenspur, rhythmische Reihung von Fleckung, läuft darüber. Neben der Fülle der Zeichen auf der Leinwand links, kann sich das Auge des Betrachters auf dem schmalen Gegenstück ausruhen.

Claudia Weber selbst, ist gerade mit dieser Wand besonders zufrieden. Es sind die ganz neuen Arbeiten die dort hängen. “Ich wollte eigentlich nie so bunt malen.”, so Weber. Kein Wunder für jemand der ursprünglich aus der Grafik kommt, wo Schwarz und Weiß dominieren, Linien statt Flächen. In der Malerei arbeitet sie nun mit beiden: Farbflächen, die gegen gezeichnete Linien gesetzt sind. Und zudem hängen im Kunst Raum Mato auch ältere Arbeiten und sogar Grafiken, die bezeugen, wo die Wurzeln Webers liegen.

Claudia Weber, 1961 in Büdingen geboren, hatte an der Goethe-Universität Frankfurt Kunstpädagogik mit Schwerpunkt Grafik studiert, zudem ein Gaststudium an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und Malerei bei Klaus Schneider in Frankfurt.










"700 Jahre Bilderbogen? 50 Jahre Klingspor Museum.
Vom Bilderbogen zur Bildsequenz".

im Klingspor-Museum

Seit 12 Jahren gibt es die Sendung “Bilderbogen” im Hessischen Rundfunk (HR). Und dessen historisches Vorbild feiert nun sein 700-jähriges Jubiläum. Was läge näher als beim Offenbacher Klingspor-Museum für Buch- und Schriftkunst anzufragen, eine gemeinsame Ausstellung zum Bilderbogen-Jubiläum zu konzipieren. Dieses, ebenfalls im Jubiläumsjahr (das 50.), ist wohl derzeit im Umbau begriffen, doch Museumsleiter Dr. Stefan Soltek hat das Unmögliche möglich gemacht und so konnte die Ausstellung im gerade noch rechtzeitig fertig gewordenen Obergeschoß des Museums letzte Woche eröffnet werden. Aber nicht nur dort. Die Kooperation mit dem HR drückt sich auch dadurch aus, dass ein zweiter Teil in der Goldhalle der Rundfunkanstalt gezeigt wird. Allerdings sollte man sich mit dem Besuch dort beeilen, denn diese wird nur bis Ende Mai dort installiert sein, während man die Ausstellung im Offenbacher Museum noch bis Ende Juni besichtigen kann.

Wenn wir heute Massenmedien hören, denken wir an Fernsehen, Radio oder Zeitung. Vor 150 Jahren wäre hingegen der Bilderbogen ebenfalls ein solches gewesen, mit der Erfindung der Fotografie nahm der Niedergang des Bilderbogens seinen Anfang, mittlerweile in seiner Medialität komplett ersetzt durch Zeitungen.
Das Erzählprinzip der Bilderbögen hat sich hingegen in den Medien, Künstlerbüchern, Kunstwerken und natürlich in Comics (als direkte Fortentwicklung) erhalten.

So werden in den Räumen des Klingspor-Museums nicht nur die historischen Originale aus der Sammlung des Hauses gezeigt, sondern auch Bilderbogen, Bücher und grafische Folgen, die dieses Prinzip der Bilderzählung und das zeitliche Moment des Ablaufs der Bilder bis in die Jetzt-Zeit transportieren.

Ausgangspunkt (und zwar für beide Ausstellungen) ist ein Genesiszyklus im mittelalterlichen Psalterium. Die Schöpfung als "archetypischer" Erzählstoff, ein Bilderbogen der Welt schlechthin, beinhaltet schon dort alles, was für den Bilderbogen genretypisch bezeichnend ist. "Reichillustrierte Erzählung mit knappem Text" so definiert Gero von Wilpert in seinem Sachwörterbuch der Literatur den Bilderbogen. Frühe handbemalte und -beschriebene Blätter wurden bei Jahrmärkten und Volksfesten verkauft, später auch im Buchhandel. Sie zeigten Sensationsberichte und Nachrichten, aber auch Religiöses, Politisches, Belehrendes und Belustigendes.

Das älteste Original-Exemplar der Ausstellung zeigt ein Blatt von 1800. Es zeigt eine Nomenklatur von Tieren. Es gibt aber auch weitere typische Blätter die Darstellungen von Ländern, Tieren, Trachten und Volksgruppen zeigen und es gibt allerlei Satyrisches, wahrscheinlich am prominentesten in der Figur Wilhelm Buschs vertreten. Bilderbögen Buschs sind in der Goldhalle des HR zu sehen, eingebettet in andere Bilderbögen des 19. Jahrhunderts. Im Dialog dazu ist eine Reihe von Fernsehbildschirmen postiert. Anhand von Zusammenschnitten der “Bilderbogen“-Sendung wurde daraus die elektronische Fortentwicklung des papiernernen Vorbildes. Als Exkurs zum “Comic” ist die interaktive Arbeit “Rapunzel” vom Berliner Künstler Fritz Best zu sehen. Bildszenen sind als Storybords aufgestellt und luden bei der Ausstellungseröffnung zum "interaktiven" Bildermachen ein.











Maren Flößer
im KUNST RAUM MATO


An den Wänden hängen quadratische Leinwände, immer mehrere sind zu einer sich aufeinander beziehenden Serie gehängt. Die Farbskala ist reduziert, arbeitet mit Schwarz und Weiß, zudem Grau und Rot. Auf den Bilder ist stets ein Buchstabe platziert. Eine Serie ergibt einen Begriff, so wie die Serie, nach der die Ausstellung benannt ist “Play Time”.

Die Serie stammt von 2002. Der Untergrund ist in Weiß gehalten, während die Buchstaben formatfüllend in Grau das Motiv dominieren. Ganz zart darüber gelegt sind Kratzungen. Figurative Formen wurden in die noch feuchte Acrylfarbe gesetzt. Sie sieht man erst auf den zweiten Blick. Doch nachdem man sie entdeckt hat, wechselt die Wahrnehmung ständig zwischen dem Buchstaben, der als Zeichen gerade auf die Entfernung durchaus funktioniert, und dann wieder zur Malerei als Farbmuster, auf der die Figuren wandern. Fast wie ein Vexierbild. Es ist auch die Entscheidung, ob man ein Bild aus der Buchstaben-Gruppe herausnehme, es allein betrachtet oder ob die Gesamtheit der Serie als eine Arbeit gesehen werden soll. Solcherlei Wortserien hängen mehrere im Raum. Die Farbe ist dick aufgetragen, die Oberfläche von Rissen und Brüchen durchzogen, als hätte Alterung die Oberfläche aufspringen lassen. Reines Pigment gibt dieser Oberfläche zudem eine fast pudrige Materialität.

Neben der Malerei sind drei Objekt-Gruppen im Raum verteilt. “Schwarz-weiße Gesellschaft”. Bei der Eröffnung drängten sie vom Hof in den Innenraum. Nun sind im Raum postiert. Schlanke hohe Holzfiguren, in Schwarz und Weiß eingefärbt, gesichts- und gliedlos. An ihren Körpern ist noch die grobe Bearbeitung des Holzes  zu sehen. In der Gruppenformation bekommen diese gelängten Figuren etwas liebevolles, fast wie dürre Pinguine stehen sie da, mit ihren Schifferplatten unter dem Arm. Diese Schiefernplatten sind ihre Datenträger. Nicht solch modern elektronischen, wie man sie heute gern in den Computer steckt, sondern Schiefer, Material altmodischer Tafeln, auf denen früher Nachrichten festgehalten und ausgetauscht werden konnten.

Während diese Figuren früher eher isoliert standen und Einsamsein demonstrierten geht es Maren Flößer heute mehr um die Gruppe, die Wirkung der Masse. Ebenso ist in der Malerei ein Fokus zur Wahrnehmung der Serie, statt nur des Einzelbildes zu verzeichnen. Die Gruppen und Serien kommunizieren untereinander und ebenso mit dem Betrachter, zumindest wenn dieser das zulässt.

Maren Flößer, 1965 in Hamburg geboren, studierte Malerei und Grafik in Hamburg. Es folgten Aufenthalte in New York, San Francisco und London. Seit 1996 arbeitet und lebt sie in Frankfurt.









"Ausgezeichnet"
im Klingspor-Museum

Das Buch als Kulturbuch schien in Gefahr. Man beklagte, "dass das Buch im Augenblick zu den entbehrlichen Gegenständen des täglichen Lebens gehört. Man treibt Sport, man tanzt, man verbringt die Abendstunden am Radioapparat, im Kino- ist neben der Berufsarbeit vollkommen in Anspruch genommen und findet keine Zeit, ein Buch zu lesen", so Samuel Fischer. Die Klage klingt so aktuell, dass man kaum glauben mag, dass sie 1926 geäußert wurde. Von einer Bücherkrise wird ja auch heute immer wieder gern gesprochen, besonders dann, wenn es jemand wagt, an der Buchpreisbindung zu rütteln. Das Buch ist tot, es lebe das Buch! Fast eben so lange und vielleicht auch gerade deswegen, gibt es Einrichtungen zur Förderung des Buches. 1929 wurde zu Goethes Todestag, dem 22. März, der "Tag des Buches" eingeführt. Und im gleichen Jahr richtete Karl Klingspor (1868-1950), dessen Privatbibliothek und Schriftgießerei mit ihren Erzeugnissen den Grundstock des Klingspor-Museums bilden, einen Wettbewerb um die Schönsten Bücher eines Jahres ein.

Dieser Wettbewerb hat ebenso Krieg wie die Trennung der beiden Deutschen Staaten überdauert. Alljährlich beruft die Stiftung Buchkunst eine Fachjury, um die aus den Verlagen eingereichten Bücher zu bewerten. Die prämierten Bücher werden auf der Frankfurter Buchmesse ausgestellt und beurkundet. Aus dem Fundus der rund 4.500 prämierten Bände, die in Frankfurt und Leipzig archiviert sind, hat die Stiftung Buchkunst jetzt drei Ausstellungen eingerichtet. In Frankfurt am Main werden ausgewählte Pressendrucke gezeigt, in Berlin die Fotografie und im Offenbacher Klingspor Museum die Typografie im Buch.

Typographie steht schon an sich für ein gewisses formales Regelwerk und Strenge. Denn so schön oder ästhetisch das Gedruckte sein mag, man muss es auch leicht und flüssig lesen können. Diese Liebe zum geformten Text, findet sich auch in der Ausstellungspräsentation von "Ausgezeichnet. Typographie in Deutschen Büchern" im Klingspor Museum wieder.

Die Ausstellung selbst ist aufgebaut wie ein Buch und die Räume fungieren als Texte. Der erste Raum ist Umschlag und Titel. Oder genauer gesagt, hier werden in Vitrinen ausgewählte Buchbeispiele aus fünfzig Jahren gesamtdeutscher Typographiegeschichte am Beispiel von Buchumschlägen und der Titelillustration gezeigt.
Im zweiten wird dieser Aufbau, der sich am Buch orientiert, fortgesetzt. Dort liegen in fünf Vitrinen aufgeschlagene Bücher unterteilt zu Kapitelanfängen, Inhaltsangaben oder Mikrotypographie. Der große Ausstellungsraum des Museums wird zum Buchinhalt, zum Text. Nicht nur symbolisch, sondern real durch die Ausstellungsarchitektur. In dem langgezogenem Raum stehen acht Vitrinenreihen linksbündig quer zur Wand. Beim Eintreten verdeutlicht ein Plakat, dass jede dieser Vitrinenreihen, für ein Textzeile steht. Sie orientieren sich in ihrem Rhythmus an einem Text von Cees Nooteboom, der dort auf dem Plakat geschrieben steht und so beginnt." Ich bin in der Stimmung zu staunen, was Schrift ist, diese einzigartigen an Strichen befestigten Halbkugeln,...". Wer diesem Text real folgt und die Vitrinen Reihe für Reihe abgeht, sieht, dass diese chronologisch die prämierten Bücher beinhalten.

Bücher aus fünfzig Jahren, aus Ost und West. Und im Hintergrund rattert und tackert dabei stetig, aber leise, das Geräusch einer Druckermaschine durch den Raum, eine Soundinstallation von Torsten Grosch und Haike Rausch. Die Ausstellung als Buch, der Raum als Text und daraus ergibt sich eine Zeitreise durch 50 Jahre Typographie.








*** Die Artikel sind manchmal nicht in dieser Form gedruckt worden. Gekürzte oder veränderte Passagen sind in den Texten hier noch enthalten.


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