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Šejla Kameric: „Others and Dreams“

Wer in nächster Zeit durch Frankfurts Strassen wandert, kann auf folgendes Plakat treffen: Ein junge Frau ist dort abgebildet, die dem Betrachter ernst entgegenblickt, darüber stehen drei Fragen in linkischer Handschrift: „No teeth...?“, „a Mustache...?“, „Smel like shit...?“ mit der Antwort darunter „BOSNIAN GIRL!“.

Dies ist keine antirassistische Plakat-Aktion, wobei das durchaus hätte sein können, scheint doch die Abgebildete das derbe Vorurteil offensichtlich zu widerlegen. Dieses Plakat ist „Kunst im öffentlichen Raum“ und wird zeitgleich zur Eröffnung der Ausstellung „Others and Dreams“ in Portikus mit Arbeiten von Šejla Kameric überall in Frankfurt plakatiert.

Šejla Kameric, 1976 in Sarajewo geboren, ist eine Künstlerin die sich in ihren Arbeiten mit dem Krieg beschäftigt. Das kommt nicht von ungefähr, Kameric erlebte den Krieg in Sarajewo, der anfing als sie erst 16 war. Diese Zeit war richtungsweisend, dies gilt nicht nur für die drei Arbeiten, die jetzt im Portikus gezeigt werden. Während der Kriegsjahre begann sie in Sarajewo auch das Studium an der Akademie der Künste. Derweil ist sie als Künstler der „Post-War“-Generation gefragt und nahm in den letzten Jahren an verschiedenen internationalen Ausstellungen teil. Auf die Frage, ob sie sich nicht Gedanken mache, dass dieses intensive Ver-/Arbeiten am Bosnischen Krieg irgendwann zum „Label“ wird, so dass sie darauf festgelegt werden könnte, antwortet sie, dass es vielmehr um ein inneres „Label“ ginge, welches sie nicht mehr loslasse. Diese Erfahrungen würden sie immer begleiten und wären auch für ihr weiteres Arbeiten weiterhin prägend.

So auch bei der Arbeit „Bosnian Girl“ (von 2003). Mit dieser Arbeitet thematisiert sie die Vorgänge in der bosnischen Stadt Srebrenica 1995, bei dem die niederländische UN-Schutztruppe ein Massaker an der Zivilbevölkerung nicht verhinderte. Fast unbeachtet von der Öffentlichkeit blieb damals ein Graffiti im Zimmer eines niederländischen Soldaten: "Keine Zähne, einen Schnurbart und riecht nach Scheiße - ein bosnisches Mädchen". Von niederländischer Seite gab es nie eine Stellungnahme weder zu dem ursprünglichen Graffiti, noch zur Plakataktion der Künstlerin (sie selbst ist auf dem Plakat zu sehen), die mit „Bosnian Girl“ in mehreren europäischen Städten an die Öffentlichkeit trat. Dies sei auch nicht zu erwarten, so Kameric, nur ungern möchte man an die Ereignisse von 1995 erinnert werden. Diese Plakat-Aktion ist auch nicht als Anklage konzipiert, vielmehr ist sie typisch für Šejla Kamerics Verarbeitung von Erfahrungen der Vergangenheit. Ereignisse, die ihr Leben in Sarajewo bis heute berühren.

Aus diesen Quellen speist sich auch die Videoarbeit „Dream House“ von 2002. Zu sehen ist ein Flüchtlingsheim aus der Umgebung von Sarajewo, das vor verschiedene Hintergründe und Landschaften gesetzt wird, doch wie die Flüchtlinge selbst, scheint auch dieses Haus keine Heimat zu finden mit der es verwachsen und endlich zum Stillstand kommen könnte. Die dritte Arbeit besteht aus einer eigens für den Portikus entworfenen Publikation „Others and Dreams“. Die Ausstellung wurde von Nicola Dietrich kuratiert, die damit auch ihren Einstand feiert, erst vor wenigen Monaten war sie von der Kasseler Kunsthalle Fridericianum an den Frankfurter Portikus gewechselt.

(09/04)






Inventory, Scott King und Donald Urquhart
kuratiert von Wolfgang Tillmans

"Kunst, die als Werbung funktioniert und umgekehrt. Das war das Prinzip Warhol. Das Prinzip Tillmans scheint ähnlich zu funktionieren." So klang es in einer Rezension als der Fotograf Wolfgang Tillmans 1995 im Portikus in Frankfurt ausstellte. Junge Menschen und musikalische Subkulturen waren auf den Fotos festgehalten, direkt ohne Rahmen an die Wand gepinnt. Derzeit ist Tillmans (*1968) ein weiteres Mal im Portikus vertreten, diesmal aber als Kurator. Das passt, schließlich ist er seit letztem Jahr Professor an der Frankfurter Städelschule und das Portikus ist mit der Städelschule nah verwandt.

Im Portikus stellt Tillmans nun Künstler vor, deren Arbeit er selbst seit mehreren Jahren verfolgt, die aber in Deutschland bislang wenig oder gar nicht zu sehen waren. Mit Inventory, Scott King und Donald Urquhart präsentiert er drei künstlerische Positionen aus London, die keinesfalls dem Boom der "Young British Art" der 1990er Jahre zuzuordnen sind, sondern gerade in ihrer Unterschiedlichkeit eine ganz andere Londoner Szene repräsentieren. Kunst aus dem Clubmilieu. Kunst von Unten, sozusagen im Widerstand gegen Kunstmäzäne wie Saatchi, welcher die britischen Künstler der letzten Jahre zu Popstars aufbaute.

So entdeckte Tillmans Donald Urquharts (*1963) Zeichnungen als schlichte Kopien an der Wand eines Londoner Clubs. Diese Zeichnungen sind skurril anmutende Verbindungen mit Anleihen ans viktorianische Zeitalter und verschiedenster literarischer Motive. Fetischhafte Motive karikieren das bürgerliche Zwangskorsett als auch homosexuelle Rollenbilder. Scott King (*1969) verschmelzt in seinen Arbeiten die Rhetorik von politischer Propaganda mit Referenzen aus der Pop- und Medienwelt. King war lange Jahre als Creative Director der Designzeitschrift i-D aktiv. Während in i-D jugendliche Stilträume kreiert wurden, nimmt er selbst Abschied von Jugendträumen: Neben dem Abbild vom Punk-Sänger Sid Vicious listet er auf, warum er kein “Sex Pistol“ geworden ist.

Die Künstlergruppe “Inventory” wird an mehreren Videobildschirmen und durch ausgelegte Magazine vorgestellt. Auf zwei Bildschirmen werden urbane Experimente zwischen “Flash-Dance” und “Flash-Mob” gezeigt. Junge Leute schlendern in eine britische Einkaufsgalerie, auf ein Zeichen drängen sie sich eng aneinander, Schulter an Schulter, mit den Armen fest verhakt und lassen sich als großer Mob durch die Passage treiben, bis aufgeregte Sicherheitsbeamte sie nach draußen drängen. Mehrere Male an unterschiedlichen Orten passiert dies und immer wieder sind es verstörte Sicherheitsbeamte, die verzweifelt versuchen Ordnung herzustellen, obwohl nur etwa 15 Leute friedlich durch die großen Hallen kreisen oder vor dem Eingang der Läden zu tanzen beginnen.

Gibt es Freiräume in der Stadt oder ist man zum Durchschnittsverhalten gezwungen? Was passiert, wenn man versucht gegen die Masse zu schwimmen? Beim Doku-Video von “Inventory” erscheint als gesetzliche Instanz ein Polizist, doch kann er letztlich das Tanzen verbieten? “Inventory” wurde 1995 gegründet und versteht sich selbst als ein kooperatives Unternehmen. Weitere Videos sind “Ostalgia“, in welchem ein alter Mann liebevoll seinen grasgrünen Trabbi pflegt und zuletzt der Film “Sleepwalkers“ über ein Festival im englischen Newalk, wo amerikanische Kultur zelebriert wird. Tausende von Briten, die dort ihre Harley Davidson vorführen, Spare Ribs essen und Square Dance tanzen.

(OP, 05/ 2004)








FRIEDRICH JÜRGENSON / CARL MICHAEL VON HAUSSWOLFF

Man stelle sich vor: 1959 sitzt der schwedische Filmemacher, Maler, Wissenschaftler, erfolgreiches Multi-Talent Friedrich Jürgenson in seinem heimischen Garten, um mit dem Tonband Vogelstimmen aufzuzeichnen. Beim Abhören entdeckt er merkwürdige Störgeräusche. Auch bei späteren Tonband-Aufzeichnungen entdeckt er Geräusche, die dort nicht hingehören. Schon 1915 gab es erste Theorien, dass man über elektromagnetische Wellen Stimmen Verstorbener empfangen könne. Als Friedrich Jürgenson auf das Phänomen stößt, beginnt eine akribische Erforschung und Archivierung dieser Störgeräusche. In seinem Buch "Sprechfunk mit Verstorbenen" begründet er seine Erkenntnisse und benennt als Absender für diese Stimmen verstorbene Menschen, welche aus dem Jenseits auf diesem Wege den Kontakt in die irdische Welt suchen.

Der "Jürgenson-Effekt" bei den es sich um Äußerungen von Verstorbenen oder Geistwesen handeln soll, wurde auch auf Fernsehbildern, Videos und Computerdruckern beobachtet. Es gibt natürlich auch immer andere Erklärungsmuster für diese merkwürdigen Resultate. Bei den Tonbandstimmen wird beispielsweise vermutet, dass diese sich aus Fragmenten “verirrter Radiosendungen" und Induktionsphänomenen speisen würden oder sie seien ein Ergebnis eines "Hineinhören" von Stimmen ins Rauschen der Sender.

Der schwedische Künstler Carl Michael von Hausswolff präsentiert jetzt das Werk des längst verstorbenen Friedrich Jürgenson im Portikus. In dem in zwei Räume geteilten Ausstellungsraum ist der vordere Raum ganz Jürgenson gewidmet. Ein Regal steht darin voller Tonbänder, von oben bis unten aneinandergereiht, durch einzelne Sendegeräte unterbrochen, in die man per Kopfhörer hineinhören kann. Aufgenommene Musiksendungen, Rauschen, Knacken sind zu hören. So auch auf der CD mit den “Tonbandstimmen“, die im Ausstellungsraum ausgelegt ist.

Sind es die Toten, die da zu uns sprechen? Immer wieder sind Menschen von Automechanismen zu kreativen Ergebnissen inspiriert worden. Victor Hugo hat Tintenkleckse zu wunderbaren Zeichnungen weiterverarbeitet. Die Psychoanalytik nutzt Assoziationen zu Tintenklecksabdrücken als Untersuchungsmethode. Ist das Jürgensons Rauschen nicht anderes als ein Audio-Tintenklecks?

Im zweiten Raum stellt Hausswolff ein eigenes Archiv vor. Aufnahmen eines Radargerätes von verschiedenen Plätzen der Welt. Das Radargerät steht im Vorderraum, ein bewegtes farbiges Bild ist im Hausswolffs Raum an die Wand projiziert. Diese Projektion wird dann später als Fotografie fixiert in das Archiv eingereiht. Dieses Radarbild ist abstrakt. Es zeigt, was da ist: Die Radarabmessung des Raumes. Doch in die abstrakte Form lassen sich auch andere Dinge hineinsehen, wie bei den Tintenklecksen oder bei Jürgenson mit seinen Tonbändern. Der menschliche Geist verbindet gefundene Strukturen und formt daraus was Eigenes. Die Archive im Portikus bieten Möglichkeiten, ob der Besucher die dann auch für sich nutzen kann, das ist eine ganz andere Geschichte.

(OP, 04/ 2004)






BAS JAN ADER 1970-74

Letztes Jahr während der Manifesta sah man im Portikus in einem Video, wie der Künstler Hans Schabus in einem kleinen, selbstgebauten Segelboot namens "forlorn" durch die Abwässerkanäle Wiens schipperte. Seine scheinbar unendliche Reise durch die Kanäle berührte Fragen nach Flucht und Nicht-ankommen. Schabus referierte mit dieser Arbeit auf Bas Jan Ader, einen holländischen Konzeptkünstler der 70er Jahre, der bei einer Atlantiküberquerung mit einem kleinen Boot spurlos verschwand.

Jetzt ein Jahr später werden nun im neuen Portikus im Leinwandhaus Arbeiten von genau diesem Bas Jan Ader gezeigt. Ader, 1942 in Winschoten, Holland geboren, lebte ab 1963 in Kalifornien. Vor dem Hintergrund einer sich an der Westküste etablierenden Kunstszene entstanden zwischen 1967 und 1975 zumeist seriell angelegte filmische und fotografische Arbeiten, die den Vorgehensweisen der Konzeptkunst entsprechen. Ein wesentlicher Teil dieser 16mm-Filme, Fotografie und Videos besteht aus Selbstinszenierungen des Künstlers, in denen sich dieser beispielsweise mit dem metaphorischen Begriff des "Fallens" oder dem romantischen Topos der "Suche" auseinandersetzte.

Als Bas Jan Ader 1975 im Alter von 33 Jahren bei der Realisierung seines mehrteiligen Ausstellungsprojektes "In Search of the Miraculous" ums Leben kam, hinterließ er ein nur fragmentarisches Werk. Er hatte versucht, in einem kaum 4 m langen Segelboot den Atlantik von Kape Cod der USA nach Holland zu überqueren. Das rätselhaftes Verschwinden hat dabei die posthume Rezeption seiner Arbeiten maßgeblich mitbestimmt. Im Portikus wird diese letzte unvollendete Werkphase bewusst ausgelassen. Die Ausstellung zeigt Arbeiten, die in den Jahren zwischen 1970 und 1974 entstanden sind.

In den Arbeit begegnet man stetig einer genauen Untersuchung des Phänomens des “Fallens”. In einem seiner schwarz-weißen Super-8-Filme von 1971 hängt Ader im Baum. An einem ganz dünnen, schwingenden Ast über einem kleinen Bach. Wie kam er dort hin? Und warum hängt er dort? Er hängt und hängt. Dann fällt er. In den Bach und bleibt liegen. Seine Hände konnten den Griff nicht mehr halten, deshalb musste er fallen. In “Fall II” endet eine Fahrradfahrt wie selbstverständlich in einer Amsterdamer Gracht. Der Fall wird bei Ader zum Alltäglichen stilisiert und hinterfragt derart die Grenzen von Absurdität und Normalität. Entweder fällt er selbst oder lässt Dinge fallen, weil er z.B. deren Gewicht nicht mehr halten kann. Ein Ausloten von Grenzen und Zuständen. So auch in seinem Film "Too sad to tell you": Der Künstler weint vor laufender Kamera, doch das wirkt nicht intim oder bekennend, sondern vielmehr wird der persönliche Gefühlsausdruck "traurig" abgearbeitet.

Weitere Dokumente seiner Performancen sind die ausgestellten Fotografien. Wenn Ader sich am Meeresufer fotografieren lässt, wie er, mit dem Rücken zum Betrachter, auf den Sonnenuntergang hinaus sieht, dann erinnert dies stark an Kasper David Friedrichs "Mönch am Meer". Obwohl im Portikus gerade das Mythifizierende nicht erzählt werden will, so drängt es sich dem Betrachter stetig auf. Und man fragt sich, ob nicht das Verschwinden Aders letztlich der gelungenste seiner Selbstversuche war.

(OP 08/03)






Neueröffnung des Portikus mit Fotografien von Louise Lawler

Der Portikus ist tot. Lang lebe der Portikus. Nachdem man erst vor wenigen Wochen die Schließung des kleinen Frankfurter Ausstellungsraumes wehmütig, aber rauschend gefeiert hatte, wurde jetzt der provisorische Übergangsort eröffnet. Näher an den anderen städtischen Kunstinstitutionen, direkt am Dom in den Gewölbehallen im Erdgeschoss des gotischen Leinwandhauses, dort hat der Portikus nun sein temporäres Domizil gefunden.

16 Jahre hatte man hochwertige zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen in dem Containerbau hinter der Fassade der zerstörten Stadtbibliothek gezeigt. Dieser Ausstellungsraum musste den Plänen für einen Neubau des Literaturhauses weichen und soll in Zukunft auf der Maininsel ein dauerhaftes Zuhause finden. Doch in der Übergangszeit wurden jetzt die Räume der ehemaligen Galerie Timm Gierig umgebaut. Wieder hat man eine vorhandene Architektur zur Grundlage, in die es den Ausstellungsraum zu integrieren galt. Während es am alten Ort der namensgebende Portikus, die weiße historisierende Fassade war, muss man nun mit dem gotischen Gewölbe und den massigen Holzbögen konkurrieren.

Das Ergebnis ist erstaunlich gelungen. Nicht nur das jetzt viel mehr Raum, z.B. für einen Lesetisch mit Publikationen vorhanden ist, erstaunlich ist zudem, dass der eigentliche Ausstellungsraum stark an den alten Portikus erinnern lässt. Ganz im gleißenden weiß, obwohl viel kleiner, ist es eindeutig ein Portikus. Dieser wurde als Raum im Raum in die vorhandene Architektur eingefügt. Kein Container, doch containerartig von außen anzusehen, sind Holzplatten zu einem provisorisch wirkendem Kubus zusammengebaut. Innen ist wieder der gleiche hellgraue Boden und statt des verglasten Oberlichtes geben nun fünf den Raum längs durchziehende Neonröhren das Licht.

Der Frankfurter Künstler Tobias Rehberger war für die Innengestaltung der Räumlichkeiten zuständig. Gleich unabhängig voneinander arbeitenden Funktionsinseln hat er hat dort noch ein Büro und ein Lager integriert. Alles ist sehr schlicht mit einfachsten Mitteln gearbeitet, nur kontrastiert doch einzelne neonfarbene Akzente. Olafur Eliasson entwickelte das Lichtdesign.

Die Ausstellung, die zur Neueröffnung gezeigt wird, greift den Faden der eigenen Geschichte auf. Louise Lawler, die amerikanische Fotografin, hatte die letzte Ausstellung im Container gestaltet. Die dreiteilige Fotografie-Serie “Probably not in the Show” zeigte bekannte Kunstwerke vor der Hängung im Museum, teilweise noch verpackt abgestellt. Schon dort war das Bild im Bild Thema der Arbeiten. In der neuen Präsentation “Add to it” geht sie eine Ebene tiefer. Ihre eigene Ausstellung im alten Portikus ist das Motiv der aktuellen fünfteiligen Fotoarbeit. Angeschnittene Blicke auf den Ausstellungsraum, eine Reduktion die abstrahierend ist. Das Weiß der Wand in der Fotografie ist durch das Weiß der Wand im neuen Raum gedoppelt. Das gleiche mit dem Grau des Bodens. Stets ist es wie ein Déjà-vu, denn der jetzige Raum erinnert so an das Alte, als ob man eine Miniatur geschaffen hätte. Die Fotos Lawlers sind der Katalysator, der dieses nicht vergessen lässt, ständig an das Vergangene anknüpft und das Neue somit vertraut macht.

(OP 07/03)







Louise Lawler: "PROBABLY NOT IN THE SHOW"

"PROBABLY NOT IN THE SHOW". Der Titel der Portikus-Ausstellung mit Fotografien Louise Lawlers passt haargenau. Wenn man den Portikus betritt, kann man erst mal überrascht sein, über die Abwesenheit von Dingen, die man möglicherweise zu sehen erwartete. Denn wer durch die Plakate angelockt, die überall in der Stadt plakatiert sind, nach den Dingen sucht, die ebendiese Plakate versprachen, der findet wenig vor. Insgesamt vier fotografische Tafeln hängen in dem Raum. An den Arbeiten an sich ist gar nichts auszusetzen, die sind wunderbar. Aber nachdem man an den vier Arbeiten vorbei gelaufen ist, diese angeschaut und registriert hat, ist es dann recht schnell mit der Kunstbetrachtung vorbei und das irritiert.

Beim Abbau der großen Gerhard-Richter-Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art hat Louise Lawler in dem Chaos des Abbaus fotografiert. Drei Richter-Zitate sind davon im Raum gehängt. Richters “Emma” von 1966 ist darunter. Lawlers Fotografie zeigt das Bild, mit dem die Treppenstufen herunterlaufende Akt auf den Boden stehend an einer Wand gelehnt. Die Diagonale der Treppe wird plötzlich ungewohnt zur Vertikalen. Das vierte Foto zeigt Duchamps “Flaschenständer“, in einem Aktionshaus platziert, wie es nun auf einen Käufer wartet.

Das Konzept von Lawlers Arbeiten ist nicht neu, schon lang arbeitet sie danach. Mit einer Fotokamera zeichnet sie auf, in welchen Umfeldern Kunstwerke präsentiert werden. Ihre Aufnahmen veranschaulichen, wie situative und institutionelle Rahmen den Gebrauch von Kunst verändern, denn die dokumentierten Kunstwerke werden nicht im Zustand der Inszenierung als Museumsobjekt gezeigt, sondern irgendwo am Rand abgestellt. Sie wählt Details oder schneidet die Kunstwerke an, um dem Weiß der Wand viel Raum auf ihren Fotos zu lassen. Ihr Stil ist sachlich und nüchtern, sie verwendet die Kamera wie ein Detektiv, der auf der Suche nach Beweisen ist.

Lawlers unaufdringliche Bilder sind Zeugnisse einer längst abgeschlossenen Entzauberung und vielleicht haftet ihnen deswegen eine leise Traurigkeit an. Und man fragt sich, wenn man die beinah achtlos gestellten Kunstwerke betrachtet, wie kommt Kunst zur ihrer Bedeutung? Nur über den Weg ihrer institutionellen Rahmenbedingungen? Über den Markt? Über die Medien? Warum wirkt eine Malerei banal, wenn sie noch an der Wand lehnt und in dem Moment, wo sie den Platz an der Wand findet, akzeptiert man das Bild als Kunst und ist vielleicht beeindruckt von dessen Wirkung auf uns.

Das Kunstwerk im museellen Umfeld zu fotografieren ist kein Einzelfall. Da wären etliche Künstler zu nennen, die an diesem Thema arbeiten. Besonders frappant ist der Vergleich mit Thomas Struth, der in Museen Besucher bei der Betrachtung der Meisterwerke fotografiert hat. Es ist eine Dokumentation der Überhöhung des Bildes zum Träger des "Wahren, Schönen, Guten". Genau andersherum verfährt Lawler, die versucht den Glorienschein der Kunstwerke zu dekonstruieren, indem sie die Werke in dem Zustand der Warteschleife, funktionslos und uninszeniert, vorführt. Es sind Waren. Waren des Konsums, Sammelobjekte, wie der Flaschentrockner Duchamps. Oder es sind Waren der Kulturindustrie. Wir zahlen um Kultur zu zelebrieren, das Ticket zum Museum verspricht eine Erlösung von der Banalität des Alltags.

(OP, 04/2003)








Pascale Marthine Tayou: "Erection"

Der Portikus ist geschlossen. „Close“ steht in großen Buchstaben auf Holzwänden zwischen den Säulen der klassizistischen Fassade zu lesen. „Close“ meint aber auch nah. Man muss nah rankommen, um festzustellen dass der Eingang zu ist. So wird das Wort zum Spiel der Bedeutungen. Geschlossen wird der Portikus ja auch in nächster Zukunft, um dem neuen Literaturhaus zu weichen.

Bald wird klar, die Installation „Erection“ des 1967 in Yaoundé, Kamerun, geborenen Pascale Marthine Tayou ist auf mehrere Bedeutungsmodelle ausgelegt. Es gibt lokale Ansätze, aber auch einen globalen Kontext. Schaut man sich nämlich um, wenn man vor dem geschlossenen Portikus steht, müssten einem als nächstes die 54 Fahnen auf dem Dach, auf den Verkehrsinseln gegenüber und sogar an dem Balkon des hinter dem Portikus gelegenen Krankenhauses auffallen. Fahnen, vermeintlich afrikanisch, doch die mit Kennerblick schnell als Fälschungen entlarvt werden könnten. Es sind modifizierte Versionen afrikanischer Flaggen, bearbeitet von Studenten der Frankfurter Städelschule.

Die Flaggen, welche die 54 Staaten Afrikas repräsentieren, können weiterhin als Symbole der einzelnen Länder gelesen werden: Ghana, Eritrea, Benin oder Kenia. Womit nebenbei das Konzept nationaler Identität, für welches die Flagge letztlich steht, nachhaltig in Frage gestellt ist. Die originären afrikanischen Flaggen selbst sind ja schon Produkt Überstülpung westlicher Konventionen und Symbole. Nach der Bearbeitung durch die Studenten, sie stammen selbst aus anderen Städten Deutschlands, Europas, der Welt und bringen verschiedenste kulturelle Prägungen ein, kann schließlich kaum noch zu sagen, wie „afrikanisch“ die Installation des Kameruners TAYOU noch ist.

Doch genau dies ist ein Lösungsmodell des Ganzen. Wie „afrikanisch“ ist denn Afrika selbst? Sind nicht wir, wie diese Ruine der ehemaligen Stadtbibliothek, Relikte eines veralteten imperial bürgerlichen Denkens? Die Installation Tayous ufert aus, so weit der Ausstellungsraum reicht - als wolle er mit dem selbst produzierten Chaos ein Territorium abstecken. Doch verbirgt sich hier eine klare Dramaturgie: Tayou benutzt die ihm zur Verfügung gestellten Orte, um mit Fundstücken und Erwartungen aus und an seine Biografie zu improvisieren. Tayou spielt mit unseren Erwartungen über Afrikanische Identität und hält uns frech den Spiegel vor Augen, der diese als Stereotyp oder gar Vorurteil entlarvt.

Die künstlerische Laufbahn von Pascale Marthine Tayou begann 1994 in Kamerun. Ab 1995 folgten weltweit Ausstellungen. In Kassel spielte Tayou auf der documenta mit Videoaufnahmen aus seinem Heimatort. "Game Station" verdichtete auf einem guten Dutzend Monitore das geschäftige Treiben in dem afrikanischen Dorf, bis das Realzeit-Geplapper im Kopf schwirrte.

(OP, 11/2002)








Simon Starling: "Kakteenhaus"


Ein Gewächshaus soll es sein, der Raum ist warm und ein Kaktus steht mittendrin. Doch wenn das schon alles wäre, stünde man nicht im Portikus, sondern im Palmengarten. Nach fast 3 Monaten Manifesta fängt nun in Frankfurts kleinsten städtischen Ausstellungsraum der Ausstellungsalltag wieder an. Der Titel der neuen Ausstellung: „Kakteenhaus“ vom britischen Künstler Simon Starling.

Was gibt es nun außer dem Kaktus in dem Raum zu sehen? Zuerst stößt man auf einen ausgebauten Automotor, dessen gleichmäßiges Brummen den Raum erfüllt. Erwartet man jedoch Abgasgeruch so wird man enttäuscht. Mit einem 25 Meter langen Röhrensystem, ist Gas, Wasser und Elektronik über 3 Wänden entlang nach draußen geleitet, wo dann an der Rückseite des Portikus auch das zugehörige Auto parkt. Genauso wie die Struktur des Motors offen liegt, ist auch die Konstruktion des Daches bloß gelegt. Schaut man zur Decke, sieht man statt des lichtspendenden Oberlichts direkt in den blauen Himmel. Die milchige Glasdecke ist ausgebaut, um mehr Licht in den Raum zu lassen.

„Kakteenhaus“ ist eine Rauminstallation, um die es Geschichten zu erzählen gilt. Wie diese, dass der Kaktus kein europäisches Gewächs ist und erst mit den spanischen Eroberern nach Europa kam. Dass die andalusische Tabernas Wüste, die einzige wirklich Wüste Europas ist und sie so in den 60er und 70er Jahren Drehort für zahlreiche Wild-West-Filme war. Dass für die Kulissen der Filme Kakteen in die Wüste gepflanzt wurden, die dort gar nicht hingehören, mittlerweile aber das Landschaftsbild der Region prägen. Dass die Wüste zur Zeit wächst, immens schnell, so dass die EU unglaublich viele Geldmittel bereitstellt, um dieses zu stoppen. Dass es die sonnenreichste Gegend Europas ist und es dort das europäische Forschungszentrum für Solarenergie gibt. Dass wahrscheinlich wir selbst und unsere Autos an solchen Prozessen der Verwüstung schuld sind. Dass ein Automotor nur 30% seiner Energie zur Fortbewegung nutzt und der Rest als Abgas in die Umwelt verpufft, während ein Kaktus seine Energiequellen 100% nutzen kann, teilweise ohne Wasser jahrelang überlebt.

Es die Geschichte von der Wüste als Ort, der unsinnigen Umgang mit Energieressourcen bitter bestraft. Ein Ökosystem, das selbst effiziente Energiehaushalte erschaffen hat, die Leben an dem kargen Ort gewährleisten. Wo auch für uns Hoffnungen stecken, wie die Möglichkeit effizienter Nutzung natürlicher Energiequellen, dem Sonnenlicht.

Um diese Geschichte zu erzählen hatte sich Simon Starling mit seinen Volvo auf den Weg nach Spanien gemacht, um einen Kaktus zu holen und damit dessen Reise um die Welt um eine neue Station erweitert. Ursprünglich von der Heimatregion der Kakteen aus Texas oder Arizona nach Spanien. Und jetzt irgendein verwildeter Ableger von Spanien im Volvo nach Frankfurt. Im Portikus steht der Volvo nun draußen hinter dem Container, der ausgebaute Motor erschafft innen ein Raumklima, welches dem der Wüste entspricht. Das Abgas erwärmt die Rohre wie eine Heizung, bis 32° Grad wurden im „Kakteenhaus“ gemessen.

(OP, 10/2002)










Gilbert und George: „Nine Dark Pictures“

Die Arbeiten Gilbert & Georges zeichnen sich auch heute noch durch die ursprünglichen Idee aus, menschliche Skulpturen zu sein. Das britische Künstlerduo arbeitet seit 35 Jahren mit ihrem eigenen Abbild. Durch ihre schlichte Namensgebung »Gilbert & George« und dem Verzicht auf ihre Familiennamen unterstreichen sie ihr stereotypes und konformes Äußeren, welches sie sich im Laufe der Jahre zulegten. Sie geben sich gewollt erstarrt und flach. Gleiches, Gleich-Gültiges, Austauschbarkeit und Aufhebung der Identität sind die augenfälligen Merkmale ihres Werks. Dabei stellt gerade ihre Gemeinsamkeit die Besonderheit dar. Sie kreieren eine Struktur des Sozialen, die immer mindestens zwei verlangt, da ein einzelner nie eine Gemeinschaft bilden kann.

Die Ausstellung im Portikus zeigt neun Arbeiten: „Nine Dark Pictures“. Thema der Arbeit ist nicht nur das eigene Abbild des Künstlerduos, sondern der Kontext des sozialen Umfelds. Seit 30 Jahren leben Gilbert und George im Londoner East End. Früher französisch, dann deutsch-jüdisch und heute asiatisch geprägt. Der Mix der Kulturen, der Kampf der Gesellschaftsklassen findet sich in den „Nine Dark Pictures“ wieder. Neun Bilder, auf schwarzen Grund. Darauf sind mehrere Fotografien, meist mit gelb und rot grafisch auffällig zu einen Stadt-Spiel-Plan zusammengesetzt. Die Schwarz-Weiß-Fotografien sind partiell mit Farbe versetzt, gelb und rot, das an Blut erinnern lässt.

Jedes Bild trägt einen Titel, wie „Closed“, „One Way“, „Chained Up“. Sie zitieren christlich-biblische, anarchistische, islamische oder klassenkämpferische Texte von Graffiti, Aushängen, Schildern. "Abort Religion" ("Schafft Religion ab") heißt es da neben weiteren Anarcho-Parolen im Bild "Animosity". Andere Werke geben düstere Szenen von verlassenen Orten oder geschlossenen Türen wieder. „Fuck the rich“ und gleich daneben “Keine Bettler!“ dokumentiert die Abgrenzung nach oben und unten. Eine urbane Kartographie, die vielmehr Metaphern für Seelenlagen zeigt. Visueller Nährboden von Visionen und radikalen Umwertungen, Herausforderungen, die nicht immer schmecken. Zwischen den Sozialstudien sind liebliche Bilder von Blättern, Blüten und Himmel. Und mittendrin Gilbert und George, britisch gepflegt. Dandys vom Scheitel bis zur Sohle.

Wie ein aufgedecktes Memory-Spiel hängt Bild an Bild, Aussage gegen Aussagen und man sucht nach Bezügen, Erklärungen, Ursachen. Doch werden pauschale Schuldzuweisungen nicht befriedigt. Weder Politik, Religion, Gesellschaft, noch Wirtschaft werden hier als „Sündenbock“ vorgeführt. Doch wirken alle diese Einflüsse auf uns. Gilbert und George akzeptieren die Systeme und arbeiten in ihnen künstlerisch, sie kritisieren ohne zu stören.

Nicht dem Mainstream des Kunstmarkts zuzuarbeiten, nahmen sich Gilbert & George bereits zu Anfang ihrer Karriere vor. "Mach, dass die Welt an Dich glaubt und lass sie kräftig für dieses Privileg bezahlen!", lautete eines ihrer vier Gesetze von 1969. Als Gilbert & George 1977 ihre "DIRTY WORDS" präsentierten, Bilder mit anrüchigen Schriftzügen, glaubten selbst ihre treuesten Anhänger, nun sei das Maß überschritten. Die Zeit gab ihnen Unrecht. Mit einem dieser Werke sollten die Künstler ihr bislang bestes Auktionsergebnis erzielen: 200.000 englische Pfund.                     

(OP, 04/2002)



Philippe Parreno: „Un Sueno de una Cosa“

Jeder Künstler prägt den Frankfurter Portikus aufs Neue. Für jede Ausstellung verändert sich der Raum. „Un Sueno de una Cosa“, der Traum eines Dinges, so der Titel der Installation vom französischen Künstler Philippe Parreno. Die Idee zur Installation ist von dem Raum selbst geprägt Der Portikus als „White Cube“, dem Inbegriff des weißen Ausstellungsraumes.

Weiß, nichts als weiß. Nur ein Stuhl unterbricht die Sterilität des Raumes und ein kleines Schild: Robert Rauschenberg, „White Series Painting“, 1951, 2001. Und tatsächlich, an der Breitseite des Raums hängt eine siebenteilige monochrom weiße Leinwand. Anscheinend das Werk von Robert Rauschenberg. Doch wo bleibt Philippe Parreno dabei?

Philippe Parreno, 1964 in Oran/ Algerien geboren gilt als Shootingstar der französischen Kunstszene. Mit seinen Installationen und Videoarbeiten war er in den letzten Jahren in Galerien, Museen und Biennalen in Europa und den USA vertreten. Im Frühjahr 2002 wird ihm in Paris das Museum für Moderne Kunst eine eigene Ausstellung widmen. Er kreiert Umgebungen, in denen die Hierarchien zwischen Künstler und Betrachter hinterfragt werden. In diesem Prozess wird der Betrachter oft zum Protagonisten der Arbeiten.

Der weiße Raum verdunkelt sich. Die Rauschenberg-Leinwand wird zur Projektionsfläche, zur Screen des Kinos. Karge nordische Landschaften in brillanten Farben, Grün, Blau und Grau. Dünen, Spuren im Sand, Geröllfelder und viel Grün, Hügel und Wiesen. Zugleich schwillt die Musik im Raum an. Edgar Vareses Komposition „Desert“ von 1957 baut eine leise wachsende Spannung auf, bis die realistischen Filmbilder durch eine surreale Pflanzenwucherung gebrochen werden. Kaum dass man erkennt, was aus der Erde emporgewachsen ist, endet der Film schon. Das Licht geht an und man steht wieder im reinen Weiß.

Ist dies der geheime Traum der weissen Leinwände: Einmal etwas anderes zeigen? Egal was. Der Traum eines Dinges. Oder will der kurze Film im Ruhm des Rauschenberg-Bildes scheinen?

„Es ist ein Spiel mit dem Licht. Die weiße Leinwand reflektiert Licht“, so Philippe Parreno. Die Leinwände sind natürlich Kopien der „White series Paintings“. Schon der Musiker John Cage nannte de Originale „Flughäfen aus Licht, Schatten und Teilchen“, und ließ sich zu dem Musikstück 4’33 inspirieren. Es überrascht kaum, dass die Pause zwischen dem 1minütigen Film dann auch genau 4’33 Minuten lang ist. Die Installation ist ein Zitierspiel. „Kunst ist der Mittelpunkt, das Zentrum“, sagt Parreno. Etwas Altem eine neue Form geben und der Betrachter hat die Wahl aus den verschiedenen narrativen Elementen einen eigenen Blick auf das Kunstwerk zu werfen.                                                                                                                                      
(OP, 03/2002)



*** Die Artikel sind manchmal nicht in dieser Form gedruckt worden. Gekürzte oder veränderte Passagen sind in den Texten hier noch enthalten.


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