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                                rezensionen


raumpool:                               




Nasan Tur: “Frankfurt Bar”

Bei einer Ausstellungseröffnung geht es nicht nur um Kunst, sondern auch um das Sehen und Gesehenwerden des Vernissagenpublikums. Manchmal wird dabei der Blick auf die Kunst sogar sekundär. Man kommt, schaut, diskutiert und inszeniert sich dabei als Kenner, Künstler, Kritiker, Käufer oder neugieriger Laie. Dabei werden die anderen Ausstellungsgäste unauffällig taxiert, bewertet und eingeordnet.
In der Installation “Frankfurt Bar” des Offenbachers Nasan Tur im Alten Hauptzollamt wird genau dieses Beobachten zum Inhalt der Ausstellung. Der Hauptraum ist entlang der Fensterfronten in zwei Gänge unterteilt. Am Ende jeden Ganges ist eine Bartheke, oberhalb dieser hängt eine große Videoscreen in der in Echtzeit das Geschehen vor der Bar gezeigt wird. Aber nicht, dass man sich selbst beobachten könnte, nein, es ist jeweils das Bild des anderen Barraumes zu sehen. Somit ist man eingeladen genussvoll das Geschehen und die Leute im gespiegelten Raum zu verfolgen, die natürlich die gleichen Möglichkeiten haben. Die Spiegelung ist zugespitzt in der Person des Barmannes: Zwillinge, die jeweils eine der Bars bewirtschaften. Zwei identische (allerdings spiegelverkehrte) Räume, identisch aussehendes Personal, ist nun auch das Geschehen im Raum identisch oder gar austauschbar? Im ersten Moment schon, auf die Screen schauend fängt die Verwirrung erst an, wenn man sich nach intensiven Suchens selbst nicht findet. Auch wenn man durch Winken versucht sich aus der Masse deutlich herauszustellen, das Bild zeigt einen nicht, noch unwissend, dass genau der Versuch des Sichtbar-Machens im gegenüberliegenden Raum vom Publikum beobachtet werden kann. So sind es meist Neuankömmlinge die neugierig zwischen den Räumen wechseln und Winken oder intensiv in die Kamera schauen. Bei längeren Aufenthalt sinkt hingegen das Bewusstsein für das Beobachtet-Werden und man beginnt sich ungestört im Schutz der Masse mit anderen Besucher zu unterhalten, nur noch ab und zu einen flüchtigen Blick auf die Screen werfend, um zu überprüfen, dass dort auch nichts Neues passiert.
Interessant wäre es, sich die Installation mit wenig Gästen im Raum anzuschauen. Dieses gäbe wohl einen vollkommen anderen Eindruck wieder, da man, wie auf dem Präsentierteller, dem Blick des unsichtbaren Beobachters regelrecht ausgeliefert wäre. Kann man sich daran gewöhnen, es ertragen oder würde man versuchen sich des Blickes der stetig auf sich gerichteten Kamera zu entziehen? Würde das neugierige Beobachten zur kontrollierenden Überwachung? Da die “Frankfurt Bar” noch bis Anfang Mai Station macht und innerhalb dieser weitere Veranstaltungen und Ausstellungen stattfinden werden, kann man vielleicht dann die veränderten Wirkungen des Raums und der steten Beobachtung erproben.
Nasan Tur wurde 1974 in Offenbach geboren und studiert an der Hochschule für Gestaltung, sowie an der Frankfurter Städelschule bei Ayse Erkmen.
Die „Bar Frankfurt“ noch bis 3. Mai geöffnet, jeweils Do-Sa von 18-22 Uhr im Alten Hauptzollmamt, Domstr.1-5. Zur Finissage am 3. Mai 2003 um 20.00 Uhr wird ein Katalog zur Ausstellung mit Texten von Daniel Birnbaum und Felix Ruhöfer präsentiert.

(OP, 04/03)





Jakob Sturm: “Letzte Dinge“

“Dies sind die letzten Dinge. An einem Tag ist ein Haus noch da, am nächsten ist es weg. Gestern ging man über eine Straße, die heute nicht mehr existiert“, so der amerikanischen Autors Paul Auster in seinem Buch “Im Land der letzten Dinge”.
So schnell ändern sich Zustände in unserer Umgebung. Der alte Laden an der Ecke, plötzlich ist er abgerissen und durch ein modernes Geschäftshaus ersetzt. Was bleibt, das sind Erinnerungen, die mit der Zeit verblassen. Häuser haben ihre Geschichten, ihre Nutzungen und ihre Nutzer. So auch das Frankfurter Alte Hauptzollamt. Einst als öffentliches Gebäude im Herzen der Stadt, war die letzte Nutzung durch das Museum für Moderne Kunst geprägt als Ausstellungsdependance. Jetzt nachdem ein Entwurf für den Neubau feststeht, ist das Gebäude leer. Das Museum für Moderne Kunst konzentriert sich zur Zeit auf die Hauptausstellung im Haus. Die Initiative “raumpool” hat nun in dieser Übergangsphase die Räume übernommen und ein Programm konzipiert, mit welchem die Räume während der nächsten zwei Monate bespielt werden.
Zur Zeit ist der Hauptraum des Gebäudes mit der Installation “Letzte Dinge” von Jakob Sturm bestückt. In dieser Installation fand zum Auftakt des Raumpool-Programms ein öffentliches Essen statt. Eine Performance von Thomas Markowic und typisch für das Ausstellungsprogramm von “raumpool. Es wird immer wieder Veranstaltungen geben, die in Kombination zur Installation passieren und sie thematisieren. Zusätzlich laufen in einem Nebenraum Künstlervideos. Bis Ende April sind auch weitere Künstler aus der Region ins Alte Hauptzollamt eingeladen, werden den Raum spezifisch nutzen, so der Kasseler Künstler Sebastian Fleiter im März oder Nasan Tur im April.
“Letzte Dinge”, bezieht sich direkt auf den Titel des Buchs von Paul Austers. Die Installation thematisiert den Raum und seine ehemalige Nutzung. Mit Gipskartonplatten rekonstruiert Sturm anhand von Archivfotos schematisch die Inneneinrichtung der alten Schalterhalle. Man kann nun wieder die einzelnen Schalter erkennen, wie eine verschwommene Erinnerung des Vorherigen. Um das ursprüngliche Raumgefühl zu erzeugen, wurden auch die alten Fensterflächen wieder freigelegt, die den Raum dynamisch strukturieren. Fast wehmütig schaut man nun in Halle, von der man weiß, dass es nur noch von befristeter Dauer ist bis nun die neue Architektur das Alte verdrängen wird. Und nur noch die Erinnerung zurückbleibt, ein simuliertes Artefakt in einer sich immer schneller wandelnden Welt.
Jakob Sturm, studierte Philosophie an der Frankfurter Goethe-Universität und später bei Prof. Heiner Blum an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. Sturm beschäftigt sich in seiner Arbeit seit längerem mit Einrichtungssituationen, die in einem spezifischen Kontext einer Nutzung zugeführt werden. Er spürt in der aktuellen Arbeit dem Verschwundenen nach oder mit Paul Austers Worten: “Wer in der Stadt lebt lernt, nichts für selbstverständlich zu halten. Man schließt nur kurz die Augen, dreht sich um, um nach etwas anderem zu sehen, und was eben noch vor einem stand, ist plötzlich weg."

(OP, 02/03)




Jacob Sturm: „Gäste“ 

„Die Geräusche vom Schnitzelklopfen sind jeden Tag das Zeichen, dass in der Kneipe unten der Betrieb beginnt. Nicht lange dann dringen die lautstarken Bestellungen des Kellners nach oben.“
Bornheim Mitte. Eine Wohnung im 1. Obergeschoss. Das Treppenhaus riecht ein bisschen muffig, dunkles Holz, die Treppen knarzen. Im Flurfenster steht einsam ein Blumentopf mit frischen Astern. Dann ist man schon vor der Tür. „Gäste“ steht auf dem Klingelschild. Gast, das ist man. Das ist der Grund weswegen man gekommen ist. Gast zu sein, an einem fremden Ort. Und der Gastgeber öffnet die Tür.
Jacob Sturm, der 36jährige Künstler, studierte Philosophie an der Frankfurter Goethe-Universität und ist zur Zeit Gaststudent an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung. In einer Wohnung in der Berger Strasse hat er nun für drei Monate eine Kunstinstallation eröffnet. Einen temporären Ort, den es so in der Form vorher nicht gab und danach nicht mehr geben wird. Mit Unterstützung von raumpool, einer Initiative die stets auf der Suche nach leerstehenden Räumen für Kunstprojekte ist.
Eine Wohnung ist zum Wohnen da und so hat Jacob Sturm die leeren Räume bewohnbar gemacht. Neue Möbel gebaut, aus Einzelteilen alter Möbel. Drei Zimmer sind es, mit Bett, Schrank, Nachttisch und Tischchen, die auf Bezug warten. Zusätzlich ein Gemeinschaftsraum und natürlich Bad und Küche. Die Räume wirken noch steril, die Wände weiß ohne Bilder. Es erinnert an dem weißen Raum einer Galerie. Und die Möbel darin sind skulpturelle Objekte. Doch jeder Bewohner wird den Raum prägen. Die Räume werden sich über die drei Monate verändern, die Gäste werden (und sollen) Spuren hinterlassen. „In diesen unüblichen Orten ist der Prozess das Interessante“, so Jakob Sturm, der schon vor zwei Jahren ein ähnliches Projekt mitinitiierte. „Messebetten“ war eine Installation, eine provisorische Übernachtungsstätte, in welcher der immer wiederkehrende Andrang auf Schlafplätzen zu Messeplätzen thematisiert wurde. Ganz spielerisch, wie auch hier beim aktuellen „Gäste“-Projekt von Sturm.
Erste Spuren gibt es schon. Mit Edding wurden poetische Alltagsbeobachtungen an einzelnen Wänden hinterlassen. Über Dinge, die man hört und sieht, wenn man in dieser Wohnung wohnt, über die Kneipe im Erdgeschoss, Passanten auf der Strasse oder über die Vorhänge der Fenster im Nachbarhaus.
Bald kommen die ersten Gäste und weitere Reservierungen stehen bereits fest. Die Messezeiten der Automechanika, Tendenz und Buchmesse sind dicht. Aus unterschiedlichen Gründen kommen sie nach Frankfurt: Teilnehmer der Sommerakademie des Mousonturms, Freunde und Bekannte oder Kurzzeitgäste, die von der Mitwohnzentrale vermittelt werden. Jakob Sturm will als Gastgeber präsent sein, allerdings auch Spielraum zum Rückzug lassen. Jeder Gast ist anders, man weiß vorher nie was passieren wird, doch gerade das macht den Reiz des Projekts aus. Man muss aber gar nicht von weit her kommen, um selbst mal eine Nacht in diesem Wohnprojekt zu verbringen, dort eigene Spuren zu setzen. Ende Oktober wird dann verglichen werden können, wie (und ob) sich ein Ort vom Raum zum Heim entwickelt.

(OP, 08/02)


 
*** Die Artikel sind manchmal nicht in dieser Form gedruckt worden. Gekürzte oder veränderte Passagen sind in den Texten hier noch enthalten.


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