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                                rezensionen


Kunsthalle Schirn

„Die nackte Wahrheit“

Die Wahrheit ist eine Frau. Es ist die nackte Wahrheit, die uns den Spiegel vorzuhalten scheint. Die „Nuda Veritas“ wurde 1899 von Gustav Klimt gemalt. Der Titel des Gemäldes prägt den Namen der neuen Ausstellung der Frankfurter Kunsthalle Schirn: „Die nackte Wahrheit – Klimt, Schiele, Kokoschka und andere Skandale“. Die Ausstellung zeigt 180 Gemälde und Zeichnungen österreichischer Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts. Diese Künstler verschrieben sich einer Wahrheit des Aktes, die in der traditionsreichen Donaumetropole zu Aufruhr führen sollte.

Noch vor der Jahrhundertwende galt Gustav Klimt noch als legitimer Nachfolger des großen Historienmalers Hans Makart, doch mit der „Nuda Veritas“ und 2 Jahre später mit dem Gemälde „Goldfische“ verabschiedete er sich unwiederbringlich von dieser Nachfolge. Weder die „Nackte Wahrheit“, noch die „Goldfische“ zeigen den nackten Frauenkörper als Allegorie, so wie es sich für Jahrhunderte in der Kunstgeschichte anschickte, wollte man einen entblößten Frauenkörper malen. Auch wenn die Figur der „Wahrheit“ einen Spiegel in der Hand trägt, typisches Attribut der Allegorie, so zeigen Klimts Ausführungen einen nackten, realen Frauenkörper: Ein Skandal für die prüde Wiener Gesellschaft. Bei „Goldfische“ streckt eine der Frauen ihr Hinterteil aus dem Bild. Der ursprüngliche Bildtitel ist unmissverständlich: „An meine Kritiker“.

Ein Wandel setzt ein, der sich zuerst in den Wiener Kunstsalons durchsetzt. Dies ermöglicht es 1908 und 1909 Schauen von Oskar Kokoschka und Egon Schiele zu zeigen, zwei jungen Künstler, die viel Gustav Klimt zu verdanken hatten.

Doch ganz ohne Schwierigkeiten geht der Wandel nicht einher: So gerät Egon Schiele durch seine Porträts von jungen weiblichen Modellen in den Verdacht der Kindesentführung und -schändung und muss dafür ins Gefängnis.

Kokoscha wurde als Karikaturist diffamiert. Die vielen Porträts zeigen weniger die Nacktheit des Fleisches, sondern eine innere Wahrheit, der Künstler wurde gar als „Seelenaufschlitzer“ beschimpft, der hinter die Fassade der Modelle blicke. Kokoscha nahm die Angriffe nicht hin, er wehrte sich, er inszenierte die Ablehnung regelrecht vor der Öffentlichkeit. Sein Körper wurde in Selbstporträts zum Medium.  So malte er sich selbst auf dem „Sturm“-Plakat 1910 mit kahlem Schädel, was heute niemanden aufregen würde, doch damals galt dies als unerwarteter Bruch mit den Konventionen. Er akzeptierte die ihm zugewiesene Rolle als Außenseiter und machte daraus eine Kampfansage.

Die Ausstellung zeigt sowohl Selbstportäts Kokoschkas, sowie von Schiele, der sich als männlichen Akt in Öl malte, ebenso zeigt sich Richard Gerstl als Halbakt vor Blau (1905) und drei Jahre später auffallend expressiv als ganzen Akt. Diese männlichen Akte sind in der Minderheit gegen die Fülle weiblicher Aktdarstellung, die realistisch, also fleischlich ausgeführt sind, und noch heute die Sinne erregen. So bei den Zeichnungen Schieles, wo Frauen eindeutig den Finger in die Scham tauchen oder die Beine öffnen, um das Geschlechtsteil deutlich zu zeigen. Viele Leihgaben aus österreichischen Sammlungen haben den Weg nach Frankfurt gefunden, eine Gelegenheit, die man unbedingt nutzen sollte.





Carsten Nicolai: Anti Reflex

Carsten Nicolai ist Künstler. Kunst studiert hat er wohl nie und es ist auch schwierig ihn künstlerisch einzuordnen, doch mit dem, was er macht ist er erfolgreich. In London, Tokyo und auch Sidney hatte er Ausstellungen in denen seine technischen Versuchsreihen zu Bild und Ton zu sehen waren. Soundkünstler wird er manchmal tituliert, so war er auch schon bei  „Frequenzen“ in der Schirn dabei. Experimentellen Tonkünstlern gewidmet, eine Ausstellung mit welcher der Schirn-Direktor Max Hollein 2002 seinen Einstand in das Haus hielt.

Jetzt bekommt Nicolai eine Einzelausstellung: „Anti Reflex“ der Titel, die unter anderen die Arbeiten der vergangenen Jahre zeigt, mit denen er  bei der Documenta oder der Biennale in Venedig vertreten war. Zudem gab die Schirn dem Künstler die Möglichkeit neue Arbeiten zu realisieren, für die Gelder kam die Schirn auf, die mit einem festen Netzt von Sponsoren arbeitet. Dies geschieht nicht zum ersten Mal, erinnere man sich nur an die vorangegangene Videoausstellung, bei der Künstler Filme eigens für diese Ausstellung produzieren haben.

<>Max Hollein wirkte bei der Pressekonferenz sichtlich zufrieden Künstler und Freund Carsten Nicolai nun in der Schirn präsentieren zu können: „Es ist sicherlich die umfassendste Ausstellung zu diesem Künstler“.
<>Gezeigt werden die ästhetischen und analytischen Versuchsanordnungen. Anschauliche Funktionsmodelle, die an Physikunterricht erinnern würden, könnte man das schöne Design ignorieren. So sind die Versuchsreihen in ihrer minimalistischen Schlichtheit ästhetisch ansprechend, selbst, wenn sie sich nicht sofort dem Besucher erschließen.
<>

Wie ein Wissenschaftler geht Autodidakt Nicolai an Fragestellungen heran: Wie lange existiert ein Ton in einem geschlossenen Raum? So baut er gläserne Kapseln, mit Ton erfüllt, doch hermetisch verschlossen, wie lange wird dieser dort existieren und was würde passieren, wenn man die Kapsel öffnet? Diese Arbeit heißt „Void“, stammt von 2002 und ist in dem Dunklen der beiden Ausstellungsräume platziert. Der zweite Raum ist übrigens gleißend Weiß. Gegensätze, wie auch schon beim Titel der Ausstellung.

 „Reflex“ ist hell, wie der Raum in der die neu angefertigte Arbeit „Reflex“ selbst steht. Diese Installation ist begehbar, transparent, mit einer hellen Membran auf Aluminiumrahmen bespannt, die gleichzeitig wie ein Lautsprecher wirkt. „Anti“ ist entsprechend dunkel, wie der ganze Ausstellungsraum. Ein dunkler Körper, mit lichtabsorbierendem Schwarz bemalt, spürt er durch ein Magnetfeld, ob sich ihm jemand nähert, um dann leicht in Vibration gesetzt zu werden. Der dunkle Raum eignet sich vorzüglich für Arbeiten mit Licht, so wie mit der Wand „Funken“, bei der kleine Funken erglühen, so schnell, dass man es kaum mitbekommen hätte, würde nicht noch ein knallendes Geräusch nachklingen.

Oft sind dieser Apparaturen so konstruiert, dass sie Geräusche in eine andere Form übersetzen, in ein stetes Licht, ein Aufflackern, abstrakte Monitorbilder oder in Strukturen aus Milch. Die Arbeit „Milch“ wirkt sehr übersichtlich, sozusagen ein „Nicolai für Anfänger“. Die Installation besteht aus flachen Wannen mit Milch, die auf Töne im Sinusbereich reagieren, für Menschen kaum wahrnehmen. Die Vibration generiert eine Wellenstruktur. Abbildungen davon hängen an der Wand gegenüber.

Da man sich bewusst ist, dass vielleicht nicht jeder Schirn-Besucher etwas mit dieser Ausstellung wird anfangen können, wurde hier ein ausgefeiltes Veranstaltungsprogramm  organisiert. Bestehend aus Vorträgen von Naturwissenschaftlern, Führung und Performance durch den Künstler selbst und einem museumspädagogischen Repertoire für Kinder und Erwachsene. Zusätzlich, fast ein Kunstwerk für sich, wurde die Webseite www.antireflex.de gestaltet, welche die Arbeiten und Ausstellung Nicolais zum Inhalt hat.




Yves Klein

Wenn ich an Yves Klein denke, so sehe ich „Blau“ vor meinem inneren Auge. Ein sattes, tiefes Blau, welches einen regelrecht überwältigt. Fast wie ein schwarzes Loch, das alle entgegenkommende Materie schluckt und dadurch immer größer und dichter wird. Dann steht man in der Schirn und genau dieses Gefühl wiederholt sich, nur diesmal geschieht es vor dem fast zwei Meter hohen Original „Monochrom blau, ohne Titel“ von 1955. Ein Blau so tief, dass man einen inneren Sog verspürt und vergisst, dass das nur Farbe, nur Leinwand, nur ein Bild ist.

Unabhängig davon wie einem die Ausstellung in der Schirn im Gesamten gefällt, der Wirkung der Originale wird sich kein Besucher entziehen können. In acht Räume ist der langgezogene Bau unterteilt, ganz trivial kann man sie mit Überschriften besetzen: Bunt, Blau, Weiß, Körper, Schwämme, Feuerbilder, Kosmonogien (Regen, Wind, Sterne), im letzten Raum Gold und noch einmal Blau.

Man läuft durch die Räume, vielleicht fühlt man sich an eine Postergalerie erinnert, dekorativ hängen die Bilder an den weißen Wänden, kein Text stört die Klarheit der Hängung. Allerdings ist da auch kein Text, der erklärt, was man gerade sieht, wie Feuer, Regen und Blau in Zusammenhang gebracht werden können und wieso Yves Klein immer wieder als Visionär tituliert wird. Nein, hier muss ich mich selbst korrigieren, Text ist da schon, nur wie in einem Kunstkatalog wird fein säuberlich in Text und Bildteil unterteilt. Die Bilder sind in den Ausstellungsräumen. Texte gibt es in der begehbaren Rotunde und dessen Seitenraum und die sind immerhin sehr schön layoutet.

In der Rotunde folgt man Yves Kleins Werdegang (1928-1962), man läuft eine Runde, das Leben ist ein endloser Kreis, beginnt bei Geburt und endet beim Tod und wer noch etwas nachlesen will, umrundet Kleins Leben ein zweites Mal. In dem Seitenraum werden, wie bei einer Wandzeitung, Texte und Fotos zu Yves Kleins Wirken in Deutschland gezeigt, beispielsweise die Gelsenkirchener Theaterbauten (1957 bis 1961) für deren Wände er riesengroße blaue Schwammreliefs entwickelte.

Hier, wie auch bei der Biografie in der Rotunde, werden Bezüge geliefert, die erklären, warum man ihn als Vorreiter der Performance, der Land- und Body-Art bezeichnen könnte. Das Prozesshafte, die Entstehung der Werke wird dort auch angesprochen, man sieht, dass die Feuerbilder, tatsächlich mit einer Art Flammenwerfer angefertigt wurden oder wie die weiblichen Künstlermodelle sich an die Leinwände drücken. Schöne Frauen voll Farbe neben ihnen steht lässig, fast gelangweilt in Ferne blickend Yves Klein.

Werk und Texte sind beide für sich wunderbar, welch Genuss, hätte man sie besser in der Ausstellung miteinander verbinden können. Stundenlang könnte man auf den Sitzpolstern verweilen, wechseln zwischen Lesen des Texts und Betrachtung der Bilder. In der jetzigen Form bekommt jeder Besucher den Yves Klein, den er vorher erwartet hatte, kann zügig zwischen den über 100 Bildern wandern und sich auf die intuitive Rezeption der Arbeiten verlassen. Denn das Blau, das wirkt. Immer!






Filmschau: 3'
Im Museum, im Internet und im Fernsehen

Die Schirn hat für die Ausstellung 3´ bei zehn Künstlerinnen zehn Filme von drei Minuten in Auftrag gegeben. Für diese zehn Auftragswerke wurden die Mittel (etwa 25.000 Euro pro Film) zur Verfügung gestellt, die Resultate kann man nun in der Schirn Frankfurt begutachten oder vorab im Internet unter www.t-online.de/3minutes. Wer es bis Weihnachten weder ins Netz, noch ins Museum schafft, hat dann noch am 28. Dezember bei 3sat die Möglichkeit die zehn Clips im Fernsehen anzuschauen.
Zehn Filme von je drei Minuten ergeben 30 Minuten Ausstellung. Die Idee der Verdichtung setzten die eingeladenen Künstler auf unterschiedlichsten Ebenen in ihren für 3’ geschaffenen Filmen um.

Beim Trailer von Sarah Morris jüngsten Kurzfilm „Los Angeles“, wird insbesondere das „Hollywood-Leben“ der Schönen und Reichen in Los Angeles gezeigt. Jack Nickolson als Zuschauer beim Basketball-Spiel oder die Vorbereitungen zur Oskar-Präsentation: John Travolta und Sandra Bullock üben ihre Moderation, in den noch leeren Stuhlreihen im Auditorium sind alle Plätze mit Foto-Kartons der berühmten Gäste belegt und dann letztlich das Finale, das „meet and greet“ auf dem roten Teppich. Mittels einer Sequenz von Bildern entlang des pulsierenden Soundtracks berichtet Morris „Los Angeles [Trailer]“ von einem Aspekt des Kurzfilmes ganz ohne Kommentar oder lineare Erzählung.

Die „Power Station“ von Philipp Parreno besteht ebenfalls aus einem Exzerpt aus einem Film „The Boy from Mars“, den Parreno 2003 angefertigt hatte. Die atmosphärischen Filmbilder wurden in Thailand gedreht, an einer Location, wo Parrenos Kollege Rikrit Tiravanija (ehemaliger Städel-Gastprofessor) eine Künstlerkolonie gegründet hat. An eine Mischung aus Hongkong-Kino und Nouvelle Vague erinnert die filmische Erzählung von Yang Fudong in „Lock again“.

Zwei Polizisten sind mit einem jungen Mädchen auf der Flucht. Sie verstecken sich, sind müde, aber geben nicht auf. Isaac Juliens Endzeit-Szenario zeigt mittels farblich polarisierter Bilder den Weg einer Cyborg durch eine verfremdete und gleichzeitig erkennbar irdische Zwischenwelt. Angeregt wurde Juliens „Encore II: (Radioactive)“ durch die Schriften von Octavia Butler einer schwarzen Science-Fiction-Autorin.

 Weiterhin sind Filme zu sehen von Doug Aitkin (der Schlafende beobachtet), Markus Schinwald (derzeit zudem mit einer Einzelausstellung im Frankfurter Kunstverein), Jonas Akerlund, Teresa Hubbard/Alexander Birchler, Roth Stauffenberg und Anri Sala.

Der Filmsaal der Ausstellung macht durch sein Design ganz klar ein Statement dazu, ein „White Cube“ des Kunstraums zu sein, bevor er sich wegen der Filmvorstellung zum dunklen Ort des „Darkrooms“ wandelt, wie der Zustand der Dunkelheit im Kino in der Filmwissenschaft beschrieben wird. Draußen vor der Tür kann der Besucher sehen, welcher Film gerade gezeigt wird, nach jedem der 3-minütigen Clips ist erneut Einlass.






KÉPI BLANC, NACKT

Zwei Filmteams richten abwechselnd die Kamera auf Jonathan Meese, das Mikrophongestänge hängt im Raum, drumherum stehen Journalisten, während monoton die Kamera eines Fotojournalisten klickt. Jonathan Meese läßt sich von all dem nicht beirren. Obsessiv erklärt er sein Werk, seinen Zustand, seine Sicht auf die Welt und je länger er redet, um so mehr richtet er das Wort nicht mehr an die Umherstehenden, fast scheint es, als rede er zu sich selbst. Der Blick ist in die Ferne gerichtet, bis ein Journalist ihn unterbricht, eine Frage stellt, was bewirkt, dass Meeses Ausführungen sich in den folgenden Monolog wieder an die Anwesenden richtet.

Meese wurde 1970 als Sohn deutsch-walisischer Eltern in Tokio geboren, sein künstlerischer Durchbruch kam 1998 bei der Berlin-Biennale. Überfrachtete Müllhalden zwischen Porno, Pop und Beuys. Später macht Meese Performances, malt "Stalin Erwache" oder "Erzrichard Wagner" auf seine Installationen, schreit  "Heil Hitler", bis ihm das zuviel wird, er erschöpft in den eigenen Trümmern liegen bleibt.

In der Frankfurter Schirn wandert er mit Journalisten Raum für Raum durch die Installationen seiner Ausstellung “KÉPI BLANC, NACKT”. Fünf Räume sind es insgesamt, ein Panoptikum, überladen mit Bildern, Fotos, Schriftzügen, Archiven, Müll, Bronzestatuen, Malerei.

Der Schlafraum "Casino Royal (Goldenes Skelett), 2000": In diesem mit sperrmüllartigen Dingen und Bildern überfrachtete Raum, befinden sich drei Betten. Auf einem der Betten das “Erzkind“. In diesem intimen Raum mag sich Unheimliches abspielen, während von den Wänden (in Schriftzügen und Bildern) Nero, Wagner, Göttin Isis und weitere kulturelle oder politische Mythengestalten (zudem immer wieder Fotos von Meese selbst) das sichtbar Unsichtbare zu beobachten scheinen.

Der Raum “Ordensburg ‚Mishimoend‘ (Toecutters Mütze), 2000" hebt sich fast mit dessen strenger Strukturierung von den anderen Räumen ab. Ein Waschraum ist hier nachgestaltet. In der Mitte eine Konsole mit Waschbecken, an den Wänden Spinde, hinten eine Dusche. Doch schon der Schriftzug “Staatsatanismus I-IV” verrät das “meesische” Moment. Jedem der Spinde ist ein “großer” Name zugewiesen, wie Fritz Lang, Mussolini, Kubrick, Caligula, Hitler, Rasputin oder auch Jesus. An der gegenüberliegenden Wand hängt die gemalte Silhouette eines Fremdenlegionärs und der Schriftzug “képi blanc” (= die Fremdenlegionärsmütze), namensgebend für den Titel der Ausstellung.

Meese macht sich auf die Suche nach dem Extremen und dem Ultimativen, etwa wenn er die bösen Namen mit der Vorsilbe "Erz-" oder “Staats-” überhöht. Hitler, Stalin, Nero, Jesus: Gibt es eine Grenze? Welcher Name schmerzt noch?

Doch ist er längst auf der Suche nach seinem privaten “Eldorado". In den Räumen der Kunsthalle Schirn, wird er es wohl nicht finden. Denn die derzeit ausgestellte Installation aus der Hamburger Privatsammlung Falckenberg sei tot. Für das Publikum kurzzeitig wiederbelebt, dieses für ihn schon abgeschlossene Kunstwerk, sei wie eine für Grabräuber geöffnete Gruft, eine Phase die hinter ihm läge. Er hingegeben sei schon auf dem Weg zu Neuem. Dieses Neuland erhofft er sich von privaten “Göttern”, wie Theaterregisseur Frank Castorf, für dessen neue Inszenierung an der Volksbühne Berlin (Premiere am 29. Januar), er zur Zeit das Bühnenbild gestaltet.

Wie das aussehen soll, ist natürlich noch streng geheim, doch ein neuer Weg, die Zukunft solle es sein. Denn verändern will er sich, was er auch muß, will er nicht auf ewig auf das Image des obsessiven Mythen-Müll-Künstlers festgelegt sein.

Am 24. Februar "Märchenstunde" eine Lesung, Meese zusammen mit Dirk von Lotzow, 20 Uhr. Die Ausstellung ist noch bis 12. April in der Schirn bei freien Eintritt...

OP, (01/04)





THOMAS HIRSCHHORN: DOPPELGARAGE

Warm ist es und schwül, es riecht nach Kunststoff und nach etwas undefinierbar muffigen. Dabei ist man gerade in den  Ausstellungsraum der Schirn getreten. In einer Einzelausstellung ist dort zur Zeit Thomas Hirschhorns begehbare Skulptur  “Doppelgarage“ installiert.
Der Schweizer Künstler, der ab 1997 im Rahmen der Münsteraner "Skulptur.Projekte" einem  internationalen Kunstpublikum bekannt wurde, hat in den vergangenen Jahren verschiedenen Philosophen, Künstlern und  Literat/innen Denkmäler gesetzt - zuletzt Georges Bataille im Rahmen der Documenta11. Die “Doppelgarage” steht latent im  Bezug zu diesen Philosophen-Denkmälern. Hier kommt allerdings Nietzsche an die Reihe.

Der Blick des Besuchers wird zuerst durch eine Tür in einen vollgerümpelten Raum gelenkt. Schon der Türrahmen ist mit  Pappe und Klebeband verkleidet. Hirschhorns Installationen bestehen aus konsequent einfachen alltäglichen, gefundenen und  bearbeiteten Wegwerfmaterialien. Alle Materialien werden „handbearbeitet“, es gibt keine „Ready-Mades“.

Drinnen findet man sich in einer Billigkopie einer “Doppelgarage“ wieder, alles mit Pappe schemenhaft imitiert. Tische  mit Eisenbahnlandschaften teilen sich den ersten Raum der Doppelgarage mit mehreren Quellen klinisch-reinen Neonlichts.  Die Wände ahmen mit weißer Farbe ein Ziegelsteinmuster nach. Auf der einen Seite Aufkleber von Werbung, die andere Seite  hängt voller Werkzeuge. Die Imitationen von Amateureisenbahnlandschaften zeigen Berge und Täler aus Pappe und braunen  Klebeband, sie werden überragt von überdimensionalen Pilzen, welche wie Wolkenkratzer die Landschaft dominieren.

Manches erinnert tatsächlich an eine echte Bastler-Garage. Die Werkzeuge, deren Konturen fein säuberlich mit Filzstift an  die Wand gezeichnet sind, damit man sofort dem Gerät den passenden Ort zuordnen kann. Doch es ist zuviel, alptraumgleich.  Eine verzerrte Spiegelwelt, fast wie in “Alice im Wunderland”. Der Einbruch des Realen wird geschaffen durch die überall  klebenden oder hängenden Zeitungsbilder: der Golfkrieg, der 11. September, das WTC, Afghanistan. Kommentiert wird diese Montage durch Textfragmente Marcus Steinwegs. Manchmal ganze Seiten inklusive Fußnoten, dann nur Schlagworte, wie “Krieg”  oder “Emanzipation”.

Und letztlich immer wieder Nietzsche. Wie die Werkzeuge hängen Bücher Nietzsches an der Wand, auch für sie  wurden schablonenartige Schattenrisse gezeichnet. Nietzsche in dem Buchregal, Nietzsche-Ausgaben stehen riesenhaft vergrößert neben Ausgaben der Zeitschrift "Paris Match" mit dem explodierenden World Trade Center als Titelbild.

Diese Fülle an Informationen und Zeichen, gekoppelt an einfachste Materialien und eine anachronistische Bastlerhaltung  sind das Markenzeichen Thomas Hirschhorns. Aus Holz, Plexiglas, Plastik- und Aluminiumfolie, aus Packpapier und Klebeband  baut er chaotisch anmutende, unüberschaubare Gefüge. Diese wilden Montagen sollen als politische Kommentare gelesen werden.

Es werden 2004 weitere Einzelpräsentationen aktueller Künstler folgen. Alle Werke, auch die “Doppelgarage”, waren nur kurze Zeit in der Öffentlichkeit zu sehen und sind danach in private Sammlungen oder Museumsdepots gelangt, sie werden nun in der Schirn kurzzeitig einem breiten Publikum zugänglich gemacht.






Auf eigene Gefahr

Als wäre man in einem der vorimpressionistischen Bilder Turners gelandet. Man ist vollkommen umfangen von weißen Nebelwolken. Das Auge fokussiert, doch gibt es keine Strukturen zu erfassen, nur Licht. Ohne Gefühl, wo der Raum sein Ende nimmt wechselt das Weiß der Nebelschwaden langsam ins Rosa, ein paar Schritte weiter ins Hellblau. Als wäre man im Himmel: endlos Farbe um einen herum, man selbst mitten drin. Und plötzlich löst sich aus dem Nichts ein Umriss, tastend kommt eine andere Person auf einen zu.

Dieses sensuelle Erlebnis ist vielleicht die untypischste der Installationen der Ausstellung „Auf eigene Gefahr“, die nun in der Schirn eröffnet wurde. Während die anderen Installationen immer ein potentielles Risiko, eine kalkulierbare Gefahr mittransportieren, liegt das größte Risiko bei der Licht-Raum-Installation von Ann Verenica Janssens „Horror Vacui“ darin, sich in die Situation des Nicht-Sehens, des Nicht-Fassens, einzulassen. Typisch hingegen ist, dass der Besucher selbst aktiv werden muss. Ohne Aktion, keine Erfahrung.

Mächtig lebendig sind zur Zeit die Ausstellungen in Frankfurts Kunstinstitutionen. Während gerade im benachbarten Museum für Moderne Kunst (MMK) die Ausstellung „Das lebendige Museum“ sein Ende nimmt, geht es in der Schirn beschwingt weiter. Im MMK waren es noch hauptsächlich lebende Akteure, die die Kunstkonzepte darstellten und somit belebten.
Solches gibt es in der Schirn wohl auch. So bei „Champagner Bar“, der Performance-Skulptur von Camilla Dahl. Dort sitzt, wie Aphrodite in der Muschel, eine in weiß gekleidete Schönheit oben auf einem weißen Keramikgebilde. In ein stilisiertes Keramikbecken unter ihr schüttet sie bedächtig Champagner. Der Besucher soll hier aber nicht passiv das ästhetisierte Ensemble konsumieren, sondern selbst zur Tat schreiten. Er ist eingeladen, den Champagner zu probieren, allerdings muss man dazu in die Hocke gehen und an den unter dem Becken angebrachten Schnullerpropfen saugen. Ohne Aktion, kein Genuss.

Künstler wie Carsten Höller, Christoph Büchel, Ana Maria Tavares oder Künstlergruppen wie das Critical Art Ensemble oder gelatin haben für die Ausstellung Konstellationen geschaffen, von denen zu hoffen ist, dass sie attraktiv sein mögen, um den Besucher aus seiner konsumierenden Passivität heraustreten zu lassen und dazu zu bringen, sich für das Risiko der Mitwirkung zu entscheiden.

Auf wacklige Gerüste darf gestiegen werden, ein Brett in 15 Meter Höhe überscheiten, in fremden Betten ungehemmt sich fallen lassen oder nach in der Luft wirbelnden Placebo-Pillen schnappen.

Wie schon beim „Lebendigen Museum“ ist zu erwarten, dass besonders Schulklassen diesen „Abenteuerspielplatz Museum“ für sich erobern werden. Wer also in Ruhe das Risiko für sich sucht, sollte wohl die Abendstunden nutzen. Die Installation „Discovering your own Wall“ von Jeppe Hein ist übrigens für jedermann kostenfrei im Innenhof der Schirn begehbar. Ein Mehreck aus Wasserfontänenwänden umschließt den eintretenden Besucher. Wie hinaus kommen, ohne nass zu werden? Ohne Aktion, keine Rettung.

(OP 06/03)





“Visionen und Utopien” - Architekturvisionen aus dem Museum of Modern Art

Architektur umfasste zu keiner Zeit nur das, was tatsächlich gebaut wurde. Genauso wichtig, ja im nachhinein für die baugeschichtliche Entwicklung oft noch bedeutsamer, waren häufig die Gedankenspiele, die vom Druck der Realität befreiten Utopien, die Imaginationen dessen, was sein könnte oder sein sollte.

Die Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt nun rund 200 Architekturzeichnung aus der Sammlung des Museum für Modern Art (MOMA) New York. Angefangen von den Großmeistern der Moderne wie Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe, Le Corbusier, bis hin zu den Superstars des aktuellen Architekturbusiness, Frank O. Gehry, Zaha Hadid, Rem Koolhaas und Daniel Libeskind. Die Architekturzeichnungen, die hier als eigenständige Kunstgattung präsentiert werden, zeigen flüchtigen Handskizzen und utopischen Visionen bis hin zu detailliert ausgeführten Computerentwürfen.

Die Architekturzeichnung zeigt was sein kann, aber nicht werden muss. So wurde die Exil-Irakerin Zaha Hadid mit einem bis heute nicht realisierten Projekt ("The Peak Project" für eine Ferienanlage bei Hongkong) berühmt.

Begonnen bei Beispielen aus dem 19. und 20. Jahrhundert zeigt die Ausstellung Beispiele visionärer Phantasie und deren Einfluß, sowohl auf das "echte" Bauen als auch auf das Selbstverständnis der Architekten und Gestalter. Blieben die architektonischen Utopien der Vergangenheit noch im Bereich der menschlichen Maßstäbe, so wurden die utopischen Entwürfe des 20. Jahrhunderts immer großartiger und gewaltiger. In verschiedene Themenbereiche ist die Ausstellung gegliedert, da finden sich ebenso Entwürfe für private Wohnhäuser( z.B. Frank Lloyd Wright, Haus für James Bryan 1949), aber auch öffentliche Bauten oder Wissenschaftsinstitute. Ein Bereich ist allein für Entwürfe für New York vorbehalten, die Stadt, welche die Fantasie vieler Architekten aufs höchste beflügelte. Die Architekturzeichnungen verkörpern Visionen und durch ihre Form, ihre Materialität lassen sich Ideen viel komplexer transportieren als in so mancher theoretischen Abhandlung.

Der Traum eines jeden Architekten, ist der einer “idealen Stadt”. Jede Zeit prägte sich in den Visionen und Utopien dieser Idealentwürfe aus. Die Verwendung des Wortes "Utopie", das sich ableiten lässt, was soviel wie "Glücksheim" oder auch "Nirgendheim" heißt, ist erstmals in dem von Thomas More verfassten Werk "Utopia" aus dem Jahre 1516 zu finden. In seinem Werk verlegt er den Idealstaat auf eine ferne Insel. Die Insel Utopia hat 54 Städte, die sich alle völlig gleichen. In dem auf Gemeinwirtschaft beruhenden Staat sind alle Häuser, die jeweils drei Stockwerke haben, aus Stein gebaut. Dieser Traum von Ordnung, Wohlstand und Harmonie entstand in einer Zeit der heftigsten Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten in England und kann daher als Spiegel interpretiert werden, den More seiner eigenen Zeit kritisch entgegenhalten wollte.
 
Visionen tun not. Aus einer idealen Stadt aber ist, historisch gesehen, nicht viel geworden: Der gesellschaftliche Einfluß, der all diese Utopien speiste, verschmäht zumeist die banale Wirklichkeit. Der ideale Entwurf der Welt bleibt eine Utopie, denn ohne die ideale Gesellschaft gibt es keine ideale Stadt.





“Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit”

Als Wiener kenne er das Vorurteil, dass in Deutschland der Humor nicht besonders ausprägt sei, so meinte Schirn-Kunsthallen-Direktor Max Hollein zur Eröffnung der neuen Ausstellung “Grotesk! 130 Jahre Kunst der Frechheit”. Doch mit dieser Ausstellung sei er eines besseren belehrt worden.

Wo nimmt das Groteske, das Grausam-Komische seinen Anfang? Auch wenn man mit einem Nolde-Gemälde begrüßt wird, so ist doch Arnold Böcklins Malerei als Ausgangspunkt anzuvisieren.
Arnold Böcklins Faune und Nymphen, die immer gerne im Rahmen von Ausstellungen zum Symbolismus gezeigt wurden, haben nämlich eine weitere ganz eigene Qualität. Das mythische kommt schon recht überzogen daher. Nicht immer ist die elfenhafte Maid so hübsch, dass ihr tatsächlich noch ein Ritter zu Hilfe kommt. Oft haben die Nymphen, Harpyen, Seejungfrauen dralle Formen, sind behebig matronenartig gebaut und auch das männliche Personal des Mythenreigens wird recht bäuerlich plump geschildert. Da beschwert sich auch mal ein Kentaur, wenn der Dorfschmied den Huf nicht recht angepasst hat oder das Einhorn des “Schweigen des Waldes” von 1885 erinnert arg eine braun gefleckte Milchkuh.

Schon damals war es den Kunstwissenschaftlern schwer gefallen, die Arbeiten Böcklins einzuordnen. Eine Vitrine mit wissenschaftlichen Abhandlungen zwischen 1890-1930 beweist diese Diskussion. Auch wenn die Malerei nicht als die hochwertigste bezeichnet werden kann, so ist mit ihr ein eigenes humoristisches Genre in der Kunst begründet, die viele Nachahmer gefunden hat, auch wenn diese oft, da sich solche humorigen Bilder nicht gut verkaufen ließen, später in ganz andere Richtungen entwickelten. Da wäre als prominentes Bsp. Paul Klee, erklärt  die Kuratorin Pamela Kort, eine Klee-Expertin, dessen Frühwerk stark von der Groteske beeinflusst war und sich später ganz anders wandelte.

Man kann aber auch wunderbar der spitzen Feder Lyonel Feinigers, Thomas Theodor Heines oder Alfred Kubins folgen. Der Weg führt direkt bis zu den Dada-Künstlern, wo sich bildende und darstellende Literatur kreuzen, mischen, gar Grenzen aufheben. Deutlich wird, dass in dieser Zeit das Groteske seine Formen in den verschieden Kunstformen findet, die sich gegenseitig bedingen und beeinflussen. So gibt es auch Querverweise zu Schriftstellern wie Salomo Friedlaender, zu Marionetten von George Grosz und John Heartfield oder den Filmen von Karl Valentin dem, denen jeweils eigene Vitrine gewidmet sind.

Für die Valentin-Filme gibt es sogar einen kleinen Filmraum. Hinter diesem geht es in die großen hellen Fluchten der Schirn und dort findet man das Groteske in der aktuellen Kunst. Sigmar Polke, Fischli& Weiss oder Martin Kippenberger finden sich beispielsweise dort. Und etwas versteckt, in dem kleinen Raum hinter der Rotunde, ist eine Installation von Jonathan Meese, ”Ohne Titel” (Kutsche und Figuren, 2003). Gleich einem apokalyptisches Gefährt, mit dem Tod als Kutscher, andere Monstren begleiten den Wagen. Drumherum am Boden Schundhefte, wie Horrorjäger “John Sinclair” oder Western-“Lassiter”, nebst Unmengen Pornobilder.

Auch apokalyptisch, allerdings gegensätzlich zu Meeses Trash-Manier, hat die Münchnerin Ulrike Ottinger ihre mythischen Figuren opulent skurril inszeniert. Großformatige Fotografien zeigen nackte Faune und Zwerge, Greise in schwarzen Damenroben, die sich gegenseitig am Bart ziehen. Ein körperteilamputierter Rümpfe einer Frau ist auf den Sockel gesetzt als wäre er eine Skulptur. Wunderschön einerseits, aber ein gewagtes Spiel mit dem guten Geschmack. Wo die eigene Grenze des Grotesken verläuft, muss der Besucher selbst herausfinden. Nicht alles ist frech, manches sogar recht brav, aber allemal unterhaltend.








"Lieber Maler, male mir..." Radikaler Realismus nach Picabia

„Lieber Maler, male mir...“ nennt sich diese Gruppenausstellung mit 17 internationalen KünstlerInnen, eine Koproduktion mit dem Centre Pompidou, Paris, und der Kunsthalle Schirn, Frankfurt. Die Schau will aufzeigen, wo die realistische Malerei heute steht. Dabei ist sie recht bunt und witzig geworden und muss eine Vielzahl von oft großformatiger Malerei auf wenig Raum unterbringen. Der Titel bezieht sich auf Martin Kippenbergers 1981 entstandene Serie, für die er einen professionellen Plakatmaler bat, Fotos großformatig abzupinseln.

Der Vorwurf des Dekorativens scheint erwartet. Man nutzt ihn gleichsam für sich. Wenn schon, dann richtig und setzt die realistischen „schönen“ Bilder gleich auf eine hellgelbe Stiltapete, auf der das ornamentale Prägemuster seidig schimmert. So hat der erste Raum mit den Frauenakten Francis Picabias etwas von einem Wohnzimmer (auch wenn in diesem wahrscheinlich keine Akte hängen würden). Es fehlen nur noch der Lehnsessel und der offene Kamin.
Kitschig wirken die Akte. Altmodisch dazu. Kein Wunder sind sie doch in den 40er Jahren gemalt, Pornomagazine dienten als Vorlage. Mit Picabia im ersten Raum ist es so, als ob man den Übervater des Realistischen ausgemacht hätte und folgt nun Raum für Raum den Sprößlingen, die der so lange verpönten Richtung in der Malerei regelrecht frönen. Obwohl die intellektuelle Elite den Realismus abgeschrieben hatte, ihn für traditionell, konservativ, anti-avantgardistisch und reaktionär hielt, lebt er weiter. Gerade durch das Nischendasein, haben die Künstler, die sich ihm verschreiben, alle Freiheiten, geben sich nun als Tabubrecher und Rebellen.

Seit den neunziger Jahren hat das realistisch Abbildende wieder Konjunktur. Die Ansätze der versammelten KünstlerInnen sind dabei reichlich divers. Menschen zeigen sie alle, ob berühmt oder unbekannt, den Vorbildern aus der Kunstgeschichte entlehnt oder comicartige Figuren. Diese Ausstellung zeigt auf, wohin sich der Trend bewegt. Es gibt scheinbar ein Bedürfnis, die medial bebilderte Welt, in der wir leben, mit der gemalten Dopplung des Medienbildes stetig zu wiederholen. Es ist wie ein Entgegensetzen von eigenproduzierten Bildern, vielleicht als künstlerische Strategie, um sich von der Beliebigkeit der Bilderflut abzusetzen. Auch auf die Gefahr hin, dass das Ergebnis, doch auch nur eine Wiederholung der Beliebigkeit ist.

Fünf unterschiedlichen historischen Positionen lassen sich herauslesen: eine Auswahl der späten Aktbilder von Francis Picabia aus der Zeit von 1940-43; eine Gruppe von Porträts von Bernard Buffet aus den 50er-Jahren; Sigmar Polkes "kapitalistisch-realistische" Gemälde aus den frühen 60ern; drei großformatige "Kino"-Gruppenporträts von Alex Katz aus der Mitte der 70er-Jahre; eine prägnante Präsentation von ikonischen Bildern von Martin Kippenberger aus den 80ern. Ergebnis sind unterschiedliche Porträts: Erfundene Operndiven und reale Stars, Gestalten mit verschmuddelten Haaren und ausgedünnten Gesichtern. Cary Grant mit dem berühmten Lächeln, einem bekannten Foto nachgestellt, aber pudelnackt.

Der Betrachter, der sich nach Schönen sehnt, kann hier bedient werden. Wem das zu einfach ist, darf gerne den Filter der kritischen Ironie dazwischenlegen, umso auch die ausreichende Portion intellektuelle Stimulanz zu erzielen. So ist für jeden was dabei und wenn es nur der Gedanke ist, wie nett solche Prägetapeten sein können.





Matisses Scherenschnitte

"Ich schnitt mit einer Schere in zuvor gefärbtes Papier und fügte mit einer einzigen Bewegung die Linie zur Farbe und den Umriss zur Oberfläche", schrieb Matisse 1952 zwei Jahre vor seinem Tod rückblickend über seine ersten Versuche mit der neuen Technik der Scherenschnitte. Diese berühmte Werkgruppe der Papiers découpés markieren den Endpunkt einer langen künstlerischen Entwicklung im Oeuvre von Matisse: Sie gelten in vielfacher Hinsicht als Höhepunkt seiner Karriere, als Verdichtung und "Essenz" seiner lebenslangen Ziele als Künstler.

Ab nächsten Freitag ist in der Frankfurter Schirn „Henri Matisse: Mit der Schere zeichnen. Meisterwerke der letzten Jahre" zu sehen. Es ist die erste große Ausstellung in Europa, die ausschließlich den Scherenschnitten gewidmet ist.

Im Jahr 1917 verließ Henri Matisse Paris und siedelte sich in Nizza im Süden Frankreichs an. Matisse, der zuvor bereits eine lange und erfolgreiche Laufbahn als Maler, Zeichner und Bildhauer hinter sich hatte, war ein Künstler, der immer wieder zu bestimmten Themen zurückkehrte, die ihn schon früher beschäftigt hatten. 1920 nutzte er die Technik des Scherenschnitts erstmals für Kostümentwürfe. Es waren perfekte Vorlagen für Drucke, für Textilien, Buchumschläge oder Tapeten. Ab 1936 nutzte Matisse sie nicht nur als Hilfsmittel, sondern als eigenständige Technik. Mit den ausgeschnitten Papieren konnte er sehr gut große Flächen planen.

1941 hatte der Künstler eine Magenkrebs-Operation. Er konnte nicht mehr aufrecht vor einer Staffelei stehen. Matisse wandte sich deshalb einer anderen Form des künstlerischen Ausdrucks zu. Er schuf Scherenschnitte in den gleichen lebendigen, kräftigen Farben und gewagten Kompositionen, die man von seinen Bildern kannte. Er hatte einen Assistenten und konnte entweder vom Bett oder in einem bequemen Lehnstuhl sitzend arbeiten.

Im Alter von 74 Jahren wurde die Schere somit zu seinem wichtigsten Werkzeug. Zwischen 1943/44 hat Matisse an seinem berühmten Malerbuch "Jazz gearbeitet. Dort taucht das heute bekannte Motiv des stürzenden Ikarus, im Verbund mit Grafiken aus dem Bereich des Zirkus, auf. In der Ausstellung wird einem der „Ikarus“ auch als Einzelarbeit, prominent gehängt, wieder begegnen. Wiederbegegnungen allüberall, insbesondere in den Ornamenten, wie Alge oder Koralle. Am stärksten bei den großformatigen Ozeanienbildern "Meer" und „Himmel" von 1946. Auf beigen Leinwand-Untergrund sind verschieden Motive als weiße Schablonendrucke zu finden. Wieder Algen, aber auch Fische, Haie, Seesterne und Schwämme.

Die größte Arbeit „Der Papagei und die Meerjungfrau“ ist über acht Meter breit und scheint den gesamten Raum einnehmen zu wollen. Ein kluge Entscheidung hier die Seitenwände frei zu lassen und dem überdimensionierten Werk viel Platz einzuräumen. Matisse, im Rollstuhl, hatte dieses in seinem Atelier mit Hilfe seiner Assistenten angefertigt, die nach seinen Anweisungen die Papiere an den richtigen Platz steckten. Gelb, Rot und Blau leuchten von dem weißen Untergrund. Riesige Blätter, Algen und Äpfel bilden eine Ornamentik, in der, dem Titel entsprechend, ein Papagei und eine Meerjungfrau fast versteckt zu sein scheinen. Schaut man auf die linke Bildhälfte, um den Papagei herum, wird das Blätterdekor zum Dschungel, gleichermaßen verwandelt es sich in Umgebung der der Meerjungfrau zum üppigen Wassergarten.

Die Vorlage des Wandfrieses "Das Schwimmbad" war ursprünglich ein über 16 m langes Papierband. Es zeigte eine Abfolge von blauen Formen und weiblichen Akten auf weißem Grund. In der Ausstellung hängt es nun als Keramikflies in einem separierten Raum.

Olivier Berggruen gibt mit dieser Schau sein Debüt als freier Kurator. Er studierte Kunstgeschichte und Philosophie, arbeitete bis vor zwei Jahren als Kunsthändler und -berater. Sein Vater, der Kunsthändlers und Sammler Heinz Berggruen  war es einst, der als erster die Scherenschnitte Matisses öffentlich ausstellte. Heute nach 50 Jahren konnte nun der Sohn 70 Leihgaben aus zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen in Europa, den USA und sogar aus Japan zusammenzutragen, um sie in der Schirn zu präsentieren.







Frequenzen (Hz) - Audiovisuelle Räume

Etwas ist passiert. Gleich beim Betreten der Schirn merkt man, hier ist nichts mehr so wie zuvor. Mehr Raum im Foyer und große weißleuchtende Lichtkästen verleihen der Kunsthalle das Ambiente einer Cocktailbar. Mit Max Hollein, dem neuen Direktor der Schirn weht ein frischer Wind durchs Haus. Umso gespannter wurde die erste Ausstellung unter seiner Leitung erwartet.

"Frequenzen- Audiovisuelle Räume", so der Titel, wurde gestern eröffnet. Die Schirn liegt damit am Puls der Zeit, so plant das Centre Pompidou in Paris ebenfalls noch dieses Jahr eine Ausstellung zu "Sound-Art", und auch die "Whitney-Biennale" wird dieses Jahr um den Bereich "Sound" erweitert.

"Der Ton selbst wird zur hörbaren Plastik", beschreibt Hollein die ausgestellten Kunstwerke. Jesper N. Jörgensen, der Kurator von Frequenzen vertieft dies zudem: "Unsere Umgebung ist gefüllt von Geräuschen. Die Arbeit mit Ton ist nicht Neues, viele Künstler haben schon viel früher immer wieder mit Klang experimentiert. Aber seit den 60er Jahren ist einiges passiert, durch Installationen und kontextbezogene Arbeiten hat man sich an neue Ausstellungsformen gewöhnt. Zudem gab es seit den 60ern eine enorme Entwicklung in der zeitgenössischen Komposition."

Klang ist eine aktuelle Komponente der zeitgenössischen Kunst. Die Ergebnisse dieser Klangexperimente kann man auf dem Rundgang durch die Schirn selbst erproben. Es ist diesmal übrigens wirklich ein Rundgang, den man in der langgestreckten Architektur der Schirn folgen kann. Alles ist ganz in weiß gehalten. Weiße schallisolierende Platten sind zu klar strukturierten rechteckigen Räumen und Gängen aufgetürmt. Bei all dem Weiß und den Quadern der Wand fühlt man sich wie in einem rechteckigen Iglu. Und jeder neue Raum ist mit Klang gefüllt. Ein Großteil der Arbeiten wurde speziell für diese Ausstellung konzipiert. Es gab sie weder zuvor, noch wird es sie danach wieder geben.

Die Bandbreite ist groß, von kaum hörbar bis zur Schmerzgrenze intensiv, sind 16 verschiedene Klangarbeiten in und um die Schirn ausgestellt. Die Künstler selbst kommen aus ganz unterschiedlichen Disziplinen: Musiker, Künstler, Techniker, Architekten. Genauso unterschiedlich ist ihre Herangehensweise. Ob sensorisch erfahrbar oder narrativ, der Unterschied der Ansätze macht die Arbeiten so reizvoll. Künstler, wie Daniel Pflumm, Ann Lislegaard, Carsten Nicolai, Franz Pomassl oder Mark Bain zeigen Installationen, Videoarbeiten, Skulpturen, die alle eins gemein haben, Klangphänomene werden erzeugt oder hinterfragt.

Zusätzlich wird eine Performance- und Konzertserie veranstaltet. Nicht als Rahmenprogramm, wie Max Hollein betont, sondern als integraler Bestandteil der Ausstellung. Die Performance-Reihe gibt an insgesamt 11 Terminen Raum zu neuen Sound-Erfahrungen. Sie präsentiert vitale, lebendige Musikprojekte, die an elektronischer Musik, jenseits des Mainstreams arbeiten.


*** Die Artikel sind manchmal nicht in dieser Form gedruckt worden. Gekürzte oder veränderte Passagen sind in den Texten hier noch enthalten.


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