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                                rezensionen


Staedelmuseum

„Wahlverwandtschaften“ in der grafischen Sammlung

Das Bildnis der Marie Swarzenski von Max Beckmann ist aus den USA ins Frankfurter Städel zurückgekehrt. Die Pastellzeichnung gilt als eines der Schlüsselwerke des deutschen Expressionisten, da es dessen Hinwendung zu Farbe belegt. Das Bild wird nun in der Ausstellung "Wahlverwandtschaften" mit anderen Neuzugängen der Graphischen Sammlung des Städels präsentiert. Für die Werke, die in den letzten sechs Jahren erworben wurden, hatte man über 600.000 Euro investiert, die fast ausschließlich von privaten Spendern und Stiftungen zusammenkamen. 

Betritt man in den Ausstellungsraum der Grafischen Sammlung im Städel wird man sogleich von einem poppig bunten Goethe-Kopf begrüßt. Der Siebdruck von Andy Warhol ist das erste, was man zu sehen bekommt und frei nach Goethe beginnt damit der Rundgang der „Wahlverwandtschaften.“

Dieser Goethe-Kopf ging auf einen Auftrag Surhrkamp-Verlag zurück. Andy Warhol war 1981 extra ins Städel gekommen, um sich das Originalgemälde von Tischbein anzuschauen, nach dessen Vorlage der Siebdruck entstehen sollte. Und wie der Zufall es will, war FAZ-Fotografin Barbara Klemm ebenfalls im Haus. Resultat der Begegnung ist ein Foto der Fotografin: Warhol, stehend von Tischbein-Gemälde; die Fotografie dokumentiert zufällig die Entstehungsgeschichte des Goethe-Siebdruckes. Die Schwarz-Weiß-Fotografie hängt neben zwei weiteren Neuerwerbungen von Barbara Klemm ebenfalls in der Ausstellung, dem Warhol schräg gegenüber. Die Verwandtschaft hier ist offensichtlich. Im Verlauf der Ausstellung werden die verwandtschaftlichen Verhältnisse, also die Zusammenstellung der Kunstwerke, aber noch viel freier. Zum einen da die Neuerwerbungen mit Kunstwerken aus dem bestehenden Städel-Bestand kombiniert sind und zum anderen sind die thematischen Zusammenhänge stark assoziativ, aber nicht uninteressant, gewählt. Da gibt es Themengruppen zu Obst-Stilleben, Adam und Eva, Figuration, Natur oder Konzeptueller Grafik.

Ob alt oder neu, die Spannweite der Ausstellung ist groß und vereint grafische Positionen über die Jahrhunderte hinweg: Maria Sibylla Merian, Rembrandt, Claude Lorrain, James Turrell, Blinky Palermo, Roy Lichtenstein, Ernst Ludwig Kirchner, Barnett Newman, Bruce Nauman, Eugène Delacroix, Albrecht Dürer, Barbara Klemm, Andy Warhol und  Max Beckmann.

Von Beckmann hängen übrigens insgesamt drei Neuerwerbungen in der Galerie, wie schon erwähnt, auch das Porträt von Marie Swarzenski. Max Beckmann hatte das Porträt im Jahr 1927 in Frankfurt gezeichnet. Es stellt die Ehefrau des langjährigen Städel-Leiters Georg Swarzenski dar. Ebenso wie Beckmann selbst, war das Ehepaar Swarzenski während des zweiten Weltkrieges in die USA emigriert. In Deutschland wurden die meisten Bilder von Beckmann ab 1937 als "entartete Kunst" diffamiert. Die Pastell-Zeichnung hatte sich bisher im Familienbesitz in den USA befunden. Nun hat der Sohn der Dargestellten, Wolfgang Swarzenski, dem Städel das Bild geschenkt.

„Wahlverwandtschaften“ wird bis 16. Mai 2005 in der Graphischen Sammlung des Städels ausgestellt sein, Schaumainkai 63, Frankfurt. Öffnungszeiten: Di, Fr-So 10-19 Uhr, Mi-Do 10-21 Uhr und Mo geschlossen.





The Unfinished Print

Manchmal liegt im Unfertigen, dem Zustand kurz vor der Vollendung, der größte Reiz. In einer Ausstellung von Meisterwerken unvollendeter Druckgrafiken zeigt das Städelsche Kunstinstitut gemeinsam mit der Washingtoner National Gallery of Art die Ausstellung "The Unfinished Print". Der englische Titel verweist darauf, dass die Ausstellung zuvor schon in Washington gezeigt wurde, die Kunstwerke aus sechs Jahrhunderten illustrieren hingegen westeuropäische Kunstgeschichte. Eine Auswahl an Arbeiten, die sowohl historisch als auch ästhetisch viel zu bieten hat.

Chronologisch beginnt man den Rundgang durch die abgedunkelten Räumlichkeiten der Grafikabteilung. In den kurzen Texten an den Wänden zeigt sich schnell, hier wird wohl eine zeitliche Linearität gewahrt, aber gar nicht erst versucht sechs Jahrhunderte Kunstgeschichte abbilden zu wollen. Einzelne exemplarische Erläuterungen bringen Licht ins Dunkel, beleuchten Hintergründe zu den ausgestellten Druckgrafiken.

Es beginnt grundlegend mit der "Radierung". Hier sind vier Radierungen ausgestellt, die den Moment des Abbruchs am Werk dokumentieren. Einige Bereiche sind schon fertig ausgeformt, andere Bereiche des Papiers bleiben jungfräulich Weiß, der Künstler hat aufgegeben. Wahrscheinlich werden weitere Zustände folgen, deren Ergebnis den gewünschten Erfolg versprechen.  So beugen sich Maria und die Hirten auf der Radierung von Hendrick Goltzius ("Anbetung der Hirten, 1598/1600) in den leeren Raum, so hell die Kerze in der Hand des Hirten leuchten mag, dort wo eigentlich das Jesuskind liegen müsste, ist nun Weiß, ein Negativ-Raum, ein Nichts.

Es folgt "Rembrandt",  die Radierungen zeigen hier eher den Moment des Ausprobierens. Wie weit kann man die Druckplatte mit Kaltnadel bearbeiten und wann ist es schon ein Zuviel, welches das Bild ruiniert? Oder: Welcher der Zustände ist der Beste? Die drei Versionen Rembrandts "Die drei Kreuze" von 1653 zeigen die Kreuzigungsszenerie im harten, nebligen und düsteren Licht.
Im hinteren Bereich der Ausstellung werden Grafiken zu dem Thema "Radierte Probedrucke des französischen Rokoko" und "Piranesi und das gefundene Fragment" gezeigt.

Spannend sind auch die Werke von Charles Meyron und  Vicomte Lodovic Napoléon Lepic. Mit jeweils drei Blättern gehören sie schon zu dem Themenbereich "Paris im 19. Jahrhundert". Bei den Blättern wird von einer Ausgangsplatte ausgegangen, doch mit Farbe, die direkt auf die Platte aufgetragen ist, werden die radierten Hintergründe zu Unikaten gedruckt. So zeigen sich beim Blick auf das Meer bei Lepic jeweils unterschiedliche Szenerien im Vordergrund, die auch die entsprechenden Titel tragen: "Bewegter Himmel", Brennende Mühle" und "Weiden und Pappeln", obwohl jedes Mal die gleiche Platte gedruckt wird. Insgesamt etwa 80 Variationen fertigt Lepic 1870/76 an.

Bei Meryon kommt noch der Aspekt hinzu, dass er sich in psychischer Behandlung in einer Anstalt befindet und die unterschiedlichen Variationen zutiefst emotional belegt sind, den eigenen Gesundheitszustand spiegeln. Der Blick auf die Brücke über der Seine, treffend "Le Pont au Change" genannt, zeigt von 1854-1861, mal Vögel, mal Heißluftballons, dann beides gemeinsam zu dem Ursprungsmotiv hinzugefügt.

Der letzte Bereich ist der "Moderne" zugeteilt. Dort begegnet uns Rodin, Manet oder Degas, hier mit drei Versionen von "Mary Cassatt im Louvre" oder gar vier Versionen der selbst im unfertigen Zustand wunderbaren "Madonna" von Edvard Munch.








Maria Lassnig

Maria Lassnigs großes Thema ist die Darstellung von Körpergefühlen. Dabei gerät sie selbst in das Zentrum ihrer Malerei und widerlegt damit das viel behauptete Verschwinden des Körpers in der modernen Kunst. Die Österreicherin blickt auf eine 60-jährige künstlerische Tätigkeit zurück, die sie nach Paris und New York brachte. In diesem Jahr wurde ihr im Städelmuseum der Frankfurter Max Beckmann Preis verliehen und nun hängen dort zwanzig ihrer Gemälde. Bescheiden bemerkt Maria Lassnig, dass sie sich früher nicht hätte vorstellen können, dass ihre Bilder irgendwann so nah an den Alten Meistern ausgestellt würden. Doch die kleine Ausstellung ist genau dort im Eingangsbereich des 2. Stocks der Gemäldegalerie platziert, von ihr führt es in die Räume der Niederländer, zu den alten Deutschen Meistern oder den Meisterwerken der italienischen Renaissance. An Maria Lassings Bildern muss dazu jeder vorbei. Und das ist gut so.

Sitzt man in dem Rotundensaal, um sich herum nur Lassnigs Malereien, so sieht man, wenn der Blick Richtung Treppenhaus geht, ein Ausschnitt von Max Beckmanns “Stillleben mit Saxophon” von 1926, welches ja in der Galerie im Erdgeschosses hängt. Geht der Blick hoch ins Treppenhaus in Höhe des 2. Stockes hängt darüber ein Bild Lassnigs Und dann freut man sich, dass ihr der Max Beckmann-Preis zukam, denn so gut passen diese Bilder zusammen, von Farbe und Form, auch wenn niemals intendiert war, diese zusammen zu sehen.

Die Bilder dieser Ausstellung sind aus den 90er Jahren und reichen bis in die 2000er hinein. Der Frauenkörper wird meist ohne Haupthaar dargestellt, der Fokus ist auf den Gesichtsausdruck gerichtet. Der Körper ist gealtert, schlaff hängt das Fleisch, teilweise verzerrt zu deformierten Formen.

Maria Lassnig betont, sie stelle ausschließlich Körperempfindungen und keine Emotionen dar. Die Farbpalette, die sich stark aus Grün- und Rottönen zusammensetzt, meist auf weißen Untergrund gesetzt, gibt die Intensität einzelner Körperregionen wieder. Das Pink der Wangen stellt Wärmefelder dar, das Grün auf der Stirn belegt die Kühle der Körperstelle.

In vielen ihrer schillernden Bilder tritt sie zusammen mit Tieren, mit Menschen, mit Gegenständen des Alltags auf. Sie umarmt einen Affen, ein Vöglein hockt auf ihrem Knie, sie hält ein Meerschweinchen auf der Hand, ein Froschkönig sitzt auf ihrem Schoss. Maria Lassnig schaut nie direkt aus dem Bild, doch die schwarzen Knopfaugen der Tieren fixieren den Blick des Betrachters. Während die Tiere durchwegs naturalistisch gemalt sind, ist sie als Mensch teilweise bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Mitunter nimmt sie, andeutungsweise auf einzelne Körperteile reduziert, geradezu groteske Züge an.

Seit Mitte der 60er Jahre fließen autobiografische Elemente in ihr Werk ein. Das Gespür der heute über 80jährigen Malerin für die Wirkung von Farben war und ist sehr sicher. Sie meidet das plakativ Grelle, hält den Betrachter mit einer kühlen Buntheit auf Distanz. Sie konzentriert sich auf das einzig Reale: Die Empfindung des eigenen Körpers.






Hermann Nitsch: Utopien auf Papier

Hermann Nitsch ist bekannt als Künstler, der junge Frauen oder Männer mit verbundenen Augen an ein Holzkreuz band und dann abwechselnd Schweineblut, Eigelb und Wasser über sie goss. Ursprünglich kam Nitsch von der Grafik, da er die grafische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien absolviert hatte. Er entwickelte seit dem Jahr 1958 seine Idee vom "Orgien Mysterien Theater", einem Gesamtkunstwerk, das alle Sinne beansprucht. Seit 1971 fanden diese Veranstaltungen in dem von Nitsch erworbenen Schloss Prinzendorf in Niederösterreich statt. Einer der Höhepunkt war gewiss das "Sechs-Tage-Spiels", welches er vor fünf Jahren mit mehr als 250 Akteuren und 180 Musikern mit größtem Materialaufwand realisierte. Auch jetzt im August wird ein weiteres „Orgien-Mysterien-Theater“ über drei Tage hinweg im Schloß Prinzendorf veranstaltet. Dies beweist, dass Nitsch vielleicht als Städelschul-Professor erimitiert, aber als Künstler noch lange nicht in Rente gegangen ist.

Seine blutigen Theateraktionen mögen Hermann Nitsch bekannt gemacht haben,doch sein zeichnerisches Werk kennen nur wenige. In der jetzt im Frankfurter Städel gezeigten Ausstellung „Utopien auf Papier“ steht genau dieses unbekannte grafische Werk Nitschs im Vordergrund. Rund 80 Zeichnungen, Lithografien und Gemälde des 65-jährigen werden gezeigt. Papier und Skizzenblock waren beständig Teil der Planung der blutigen Aktionen. Es entstanden präzise Grundrisse, Skizzen und Materiallisten. Diese Pläne bekommen immer mehr Eigenständigkeit bis hin zu den überschneidenden Körper-/Raumplänen. Irgendwann muss Hermann Nitsch aufgefallen sein, dass die Innereien der Körperhöhle einem Bauplan ähneln. Gänge, Nischen, Räume: Der Bauplan des Körpers. Und das schlägt sich nieder auf Din-A-4-Blättern, oft mit Kugelschreiber ausgeführt, die der Künstler dann zu immer größeren Bildern zusammenfügt.

Man kann ebenso nachvollziehen, wie sich der junge Nitsch von der Grafik wegentwickelte. Als 19-Jähriger kopierte er gekonnt Rembrandts berühmtes „Hundertguldenblatt“ – , auch wenn die Radierung kontrastreicher und gestisch intensiver, nicht so harmonisch pastos ausfällt, wie beim großen Meister. Später wird er eine Fassung anfertigen, bei der das Motiv (ähnlich wie bei Arnulf Rainers Passfotoserien) mit schwarzer Farbe überkleckst wird. Der Ausweg aus der traditionellen Darstellung der christlichen Ikonografie wird ihn bald nicht mehr nur Papier, sondern Menschen mit „Farbe“ übergießen lassen, mit Blut und Wasser. Davon zeugen in der Ausstellung an der hinteren Wand eine großflächige Fotodokumentation des „Orgien-Mysterien-Theater“, sowie Videomitschnitte im Nebenraum. Nach Thomas Bayrle ist Hermann Nitsch der zweite Städelschullehrer, der seine Werke im Nachbarmuseum präsentiert.







Lebenskampf im Bilderrausch


Charlotte Salomon - 1917 in Berlin geboren, 1939 nach Südfrankreich emigriert, 1943 in Auschwitz ermordet - hat ein außergewöhnliches Werk hinterlassen. In nur zwei Jahren entstand der Zyklus "Leben? oder Theater?". Etwa 1 300 Gouachen und Textblätter konnte sie vor ihrer Deportation an einen Freund übergeben: Bilder und Texte, in denen biografische und fiktive Elemente, Kunst und Literatur, Film und Musik spielerisch miteinander verwoben sind. Eine Auswahl von über 200 Gouachen ist nun im Frankfurter Städel ausgestellt.

Charlotte Salomon, die nach einjährigem Studium die Berliner Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst 1937 verließ, ging mit der brachialen Wucht einer Amateurin an die künstlerische Bearbeitung ihrer Biografie. Das in Aufzüge, Akte und Kapitel gegliederte Werk (Eigentum des Jüdischen Historischen Museums Amsterdam) inszeniert fast filmisch Stationen aus dem Leben der Familie. Textpassagen, direkt in die Bilder hineingeschrieben, und eine Fülle musikalischer Vorgaben - Gluck, Mozart und Bach, lassen die Sätze zu Liedern eines Singspiels werden.

So muss man sich zur Melodie von "Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen" folgende Zeilen vorstellen: "Im Himmel ist es viel schöner, als es auf dieser Erde ist - und wenn dann deine Mutti ein Engelein geworden ist, dann kommt sie runter und bringt dem Häschen und bringt einen Brief, in dem sie sagt, wie es im Himmel, wie es im Himmel oben ist." Die Szenerie ist chagallartig illustriert. Charlotte Salomon erzählt die Geschichte ihrer Kindheit, der erlöschenden Liebe ihrer Eltern, vom traumatischen Selbstmord der Mutter, von Begegnungen mit der faszinierenden Stiefmutter und schließlich die Liebesgeschichte zu dem viel älteren Musiklehrer, der seinerseits die Stiefmutter verehrt. Wie Comicstrips sind verschiedene Handlungen gleichzeitig ineinander verwoben oder chronologisch auf ein Blatt gesetzt.

Interessant, auf welche Partien in der Ausstellung im Städel der Schwerpunkt gelegt wurde. Bislang wurde Charlotte Salomon meist als eine im Holocaust umgekommene jüdische Frau betrachtet - mit dieser Ausstellung wird der Schwerpunkt mehr auf die Künstlerin gelegt. Auch wenn die Eröffnung zeitlich nah zum Geburtstag der Anne Frank liegt, so ist es weniger die Dokumentation der Vertreibung Salomons, als gerade die Todessehnsucht und ihr Lebenskampf, der die ausgesuchten Bildbeispiele dominiert. Nicht dass Verfolgung und Flucht ausgeklammert würden, aber sie dienen hier nicht als Legitimation, vielmehr wird Wert darauf gelegt, dem Talent und den für die Zeit ungewöhnlichen Arbeiten Salomons viel Raum zu geben.

Schon vor ihrer Geburt beginnt die Bild-Serie, mit dem Selbstmord ihrer Tante Charlotte, die 1913 in einem See ertrank. Liegt in den Selbstmorden der Familie ein Fluch, wird auch sie, die zweite Charlotte, das gleiche Schicksal erfahren? Ein Lebenskampf vor dem Hintergrund der drohenden Expansion des Dritten Reiches, das auch dem friedlichen Südfrankreich näher rückt. Charlotte kämpft gegen die Schatten der Vergangenheit und entscheidet sich für das Leben. Verheiratet und schwanger wird man sie 1943 in Auschwitz ermorden. Ihr "Leben" blieb jedoch in einzigartiger Form dokumentiert.

(OP, 04/ 2004)











Mit freier Hand
Deutsche Zeichnung von Barock zur Romantik

Wem es draußen zu heiß ist, der kann nun im Städelmuseum im Kühlen grüne Landschaften durchwandern, entlang der Ausstellung “Mit freier Hand” – Deutsche Zeichnungen vom Barock bis zur Romantik aus der Graphischen Sammlung.

Der Weg durch die Ausstellung kann einerseits geografisch durchgangen werden, angefangen mit Barockzeichnung aus dem Südendeutschen, dann folgen in loser zeitlicher Folge geografische Themenblöcke wie Dresden, Berlin, Weimar, Schweiz, gleich zweimal Rom und zum Schluss der Norden. Man kann den Rundgang aber auch epochal anlegen oder anhand des Wandels der Funktion von Zeichnung. Denn aus dem umfangreichen Bestand der Sammlung an Zeichnungen des deutschen Spätbarock, Rokoko, Klassizismus und der Frühromantik zeigt die Ausstellung eine hochwertige Auswahl. Diese umfasst zum Beispiel Funktionen des Gezeichneten als Altar- und religiöse Freskenentwürfe, Landschaftsstudien, autonome bildhafte Kompositionen und private Skizzen.

Die Reihe der 45 ausgestellten Künstler reicht von Cosmas Damian Asam, Angelika Kaufmann bis Peter Cornelius und Caspar David Friedrich. Gezeigt sind dabei nur 5 Prozent der im Städel befindlichen Blätter, das heißt bei 131 Ausstellungsexponaten, dass es bei einem Gesamtbestand von etwa 2000 Arbeiten auch noch für zukünftige Ausstellung viel Neues zu entdecken bleibt.

Die überwiegende Zahl der jetzt gezeigten Exponate war seit Jahren nicht mehr zu sehen. Vieles davon wurde einst unter dem Stiftervater Städel (1728-1816) angekauft. Meist waren es Künstler der damaligen Gegenwartskunst, sie zeigen so den originären Kunstgeschmack der Zeit. Anders ist es so mit der Füssli-Studie “Handschuhe“, die erst 1992 angekauft wurde. Sie hängt nun neben den Landschaftszeichnungen aus dem Schwerpunkt “Schweiz”, fällt aber als Körperstudie aus der Hängung heraus. In der Ausstellung selbst gibt es durchaus auch weitere Körperstudien oder Gesellschaftsstudien, so z.B. mit den kleinen feinen Zeichnungen von 1760/61 des Daniel Nikolaus Chodowieckis. Sie zeigen Frauen, wunderschön sind die Faltenwürfe der Kleider herausgearbeitet.

Doch im Ganzen fällt auf, dass es immer wieder die Landschaften sind, die Zeichner festzuhalten versuchten, ob die heimatlichen Regionen und die ferne Landschaften Italiens und der Schweiz, die sich auf den Reiseskizzen zeigen. Über der Landschaft immer das Blau des Himmels und die Wolkenberge, die sich auftürmen. So könnte auch einen Rundgang entlang der luftigen Wolkenbildungen unternommen werden, dazu lädt fast auch der hellblaue Ton der Ausstellungsarchitektur ein, der immer wieder die Himmel in ihre Wirkung verstärkt und den Besuchern von kühlen Brisen träumen  lässt.







Wendepunkte deutscher Zeichenkunst- Spätgotik und Renaissance im Städel

Zwei Damen, eine Nürnbergerin und eine Venezianerin, geleiten in die Ausstellung „Wendepunkte deutscher Zeichenkunst- Spätgotik und Renaissance im Städel„. Zu finden sind sie auf einer Grafik von Albrecht Dürer von 1504. Die Nürnbergerin, zierlich in ihrem geschnürten mittelalterlichen Wams, gebauschten faltenreichen Rock, noch ganz die süddeutsche Spätgotik repräsentierend. Groß und würdevoll daneben die Venezianerin, mit hoch unter dem Busen angesetzten gerade herunterfallendem Rock. Die italienische Renaissance nimmt ihren Einzug.

Hier wird wunderbar der Grundgedanke der Ausstellung der Graphischen Sammlung verdeutlicht. Gezeigt werden über 100 Meisterzeichnungen aus eigenem Besitz, die zwischen 1410/20 und 1550 entstanden sind. Nahezu alle großen Meister vom weichen Stil des frühen 15. Jahrhunderts bis zur manieristisch geprägten Renaissance sind vertreten, so auch Martin Schongauer, Albrecht Dürer, Hans Baldung Grien und Hans Holbein d. J.

Die Ausstellung beginnt mit der Frühzeit der Zeichenkunst. Die Blätter aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gehören schon aufgrund ihrer Seltenheit zu den besonders beachtenswerten Stücken. Meist stammen sie von namentlich unbekannten spätgotischen Meistern. Die älteste Grafik zeigt die Darstellung der Hl. Barbara von 1410/20, die noch ganz in der Tradition der Spätgotik den S-Körperschwung das faltenreiche Gewand des schönen Stils aufweist. Diese typisch opulenten Faltenwürfe kann man an weiteren Übungsblättern studieren. Vieles was aus dieser Zeit an Zeichnung erhalten ist sind Vorskizzen. Diese Zeichnungen waren wertvolles Werkstattkapital, denn sie fungierten als Musterblätter – Vorlagen – nach denen meist religiöse Gemälde geschaffen wurden. Wunderschön darunter ist ein schwarzes Musterblatt, auf dem mit weißer Tinte Zeichnungen von Greifen, Adlern, Löwen, Einhörnern und einem Hirsch jagenden Wilden Mann zu sehen ist. Eine Miniaturarbeit, dicht besetzt und reich an mittelalterlichen Figurationen.

Mit der Renaissance ändern sich Charakter und Position der Zeichnung: Das Themenspektrum erweitert sich: Das Porträt wird wichtig, antike und allegorische Sujets kommen zur Darstellung, die Landschaft wird bildwürdig. Zu Beginn der italienischen Frührenaissance stehen die nördlichen Länder Europas jedoch noch unter dem Einfluss der Spätgotik. Die künstlerischen Neuerungen aus Italien werden nur zögernd übernommen.

Mit dem Maler, Zeichner und Kupferstecher Albrecht Dürer erreicht die deutsche Renaissancekunst den Anschluss an das italienische Vorbild. Dürer unternimmt ausgedehnte Reisen nach Italien. Von ihm bewahrt das Städel nicht weniger als 13 Blätter, diese stehen im Zentrum der Ausstellung. Sie stammen aus allen Werkphasen und behandeln Porträt, Figuren- und Proportionsstudien, religiösen Darstellungen und Aktkompositionen. Mit "Adam und Eva" (1504) ist sogar ein erster Höhepunkt aus Dürers Schaffen ausgestellt. Das Werk spiegelt seine intensive Auseinandersetzung mit den von den Renaissancekünstlern entwickelten Gesetzen der Perspektive und der Proportionslehre. Adam und Eva, im Moment vor dem Sündenfall, sind nicht nur moralisch, sondern auch zeichnerisch als Idealbild des Menschen dargestellt.

(OP, 12/2003)






Zusammenhang - Die Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts (Nov.2003)

Für „"Nackt! Frauenansichten, Malerabsichten, Aufbruch zur Moderne" hatte das Städel die Räume des 19. Und 20. Jahrhunderts freigeräumt. In einem ganz neuem Farbkonzept, auf leuchtend strahlenden Wänden präsentieren sich nun dort die Akte der aktuellen Sonderausstellung. Doch wohin mit den Werken, die bis dahin dort hingen? Ins Depot? Nein, viel besser war die Lösung. Zu einem überraschend einfachen Clou hatte sich das Städel entschlossen. Da nun die Sonderausstellung ins Haupthaus gezogen war, stand ja der Anbau der Ausstellungshalle leer, dorthin wurden nun die Werke des 19. und 20. Jahrhundert umgesiedelt.

Wenn schon neu, dann richtig, so wurde die zeitliche Präsentation aufgebrochen und genauso farbig und leuchtend wie in „Nackt!“ wurden die Stammwerke der Romantik, der Impressionisten, der Expressionisten, der modernen und postmodernen Kunst zu thematischen Gruppen gehängt. Lauter kleine Themenblöcke: „Musik!“, „Krieg!“, „Kinder!“, „Essen!“, „Wald!“, „Wasser!“, „Berge!“. Diese wurden nun mit Werke aus den Depot ergänzt, womit sich vollkommen neuen Zusammhänge ergaben. „Zusammenhang“ heißt dann auch der Titel der gekonnten Umhängerei. Mehr als 230 Gemälde umfasst diese Gemeinschaft aus Galerie- und Depotbestand, die das Ausstellungshaus füllt, aber auch die Sammlung der Alten Meister mit neuen Zusammenhängen beglückt. Der Meister des Paradiesgärtlein begegnet hier Max Ernst, Barthel Beham trifft Otto Dix, Rembrandt und Max Liebermann.

Die „Waldbilder“, angefangen bei Beuys Eichen (anlässlich der Documenta 7) bis hin zu Carl Friedrichs Lessings romantisierender tausendjähriger Eiche, hängen auf strahlendem Gelb.
Nur ein paar Schritte weiter, beim Themenblock „Wasser“ wandelt sich die Wandcoloration zum Hellgrün, die folgenden Bergpanoramen hängen auf Hellblau und hinten in der Halle leuchtet es Dunkelblau mit verschiedenen Landschaften bestückt. Immer wieder finden sich die Farben der knalligen Hintergründe auch im Bild wieder, stärken damit das Bild als Einzelwerk. Das ist nötig, denn die thematische Hängung verführt zum Vergleichen, ebenso zum Relativieren. Mit welchen Materialien arbeiteten die Künstler zu welcher Zeit, ähneln sich die Motive, erkennt man Traditionen oder Brüche?

Lustvoll sind die Themenblöcke zusammengestellt. Gehängt wurde, was gefällt. Weg vom chronologischen Kunstwanderweg, hin zur Neuentdeckung der Bilder. So manches im Depot verborgene oder in der Dauerausstellung ungeliebte Bild erstrahlt hier ganz neu. Entdeckungen sind zu machen, wovon gerade viele deutsche Gemälde des 19. Jahrhunderts profitieren. Spannende Vergleiche bei einer Frankfurter Stadtansicht. So hängt das expressive Bild Max Beckmanns (mit Blick von Sachsenhausen auf Main und Dom) direkt neben einer Stadtansicht mit ähnlichen Blick, kein anderer als der französische Realist Gustave Courbet hatte diese etwa 70 Jahre zuvor angefertigt.

Geht man dann in die Abteilung der Alten Meister, um die neuen Zusammenhänge auch dort zu überprüfen, ist man fast überrascht, wie dunkel die Räume plötzlich wirken. Nach all dem Farbenspiel, muss man sich an die gedämpfte Atmosphäre erst gewöhnen, obwohl doch die Abteilung der Alten Meister selbst erst vor wenigen Jahren renoviert und farblich neu konzipiert worden war. Doch im Februar wenn alles wieder an seinen angestammten Platz zurückkommt, wird sich auch dieser Eindruck wieder legen, all die farbig-neuen Raumkonzepte kommen weg und zurück kommt das gute alte Städel, wie man es von jeher kennt.








Nackt! Frauenansichten. Malerabsichten. Aufbruch zur Moderne.

Groß, von weitem gut zu sehen, hängt es schon den ganzen September an der Fassade des Städelschen Kunstinstituts. Dieses neue Ausstellungsplakat, auf dem groß und üppig eine weibliche Brust zu sehen ist. Darüber liegt der Ausstellungstitel: “Nackt!”. Als würde das Bild nicht schon für sich selbst sprechen. Dezent ist das nicht. Aber dezent ist auch weiterhin so rein gar nichts in dieser Ausstellung, in der 80 Exponate aus dem Zeitraum von 1532 bis 1940 gezeigt werden, mit Schwerpunkt auf die Malerei ab 1880. Weder die Plakate sind dezent, noch die Ausstellungsarchitektur, noch die einleitenden Worte vom Museumsleiter Dr. Herbert Beck. Obwohl doch die Kuratorin Dr. Sabine Schulze, sich so bemüht hatte, genau diese “falschen” Assoziationen (Der männliche Blick / Pornografie / Wo sind vergleichbare Männerakte?) zum Thema “Nackt!” auszublenden oder rhetorisch zu überspielen.

Ein Umdenken hat eingesetzt und eine Ausstellung wie “Nackt!” illustriert dies: Der weibliche nackte Körper steht nun nicht mehr allein als Sinnbild für Männerfantasien, der visuellen Ausbeutung der weiblichen Nacktheit, sondern der Fokus geht nun bewusst auf die Präsentation eines Aktes von würdevollen, stolzen Frauen, die selbstbewusst mit ihren Körper umgehen. Natürlich kann man eine voyeuristische Lust oder Erotik vielen dieser Bildern nicht absprechen, aber gerade so, wie sie in Kombination zueinander gehängt sind, in dieser beispielhaft unbeschwerten Ausstellungsarchitektur, ist es eine Freude entlang dieser Akte zu wandeln und alle feministisch geprägten Bedenken hinter sich zu lassen. Schlicht: Die Bilder genießen, denn die Lust am Bild wird hier geweckt.

Ausgangspunkt waren zwei Bilder. Ludwig Kirchners lebensgroßer Frauenakt von 1910 und Lucas Cranachs etwa 400 Jahre ältere Venus. Kirchner selbst  bezog sich auf Cranachs Venus als Vorbild für das Aktbild seiner Lebensgefährtin Doris Große. Doch als diese Werke, perfekt für eine kleine Kabinettausstellung, erstmals nebeneinander hingen, wurde schnell klar, dass zwischen diesen Werken doch eine ganze Menge passiert ist. Dieses Dazwischen ist nun gefüllt mit Arbeiten von Renoir, Rodin, Marc, Schiele, Degas, Cezanne, Picasso, Dix. Es zeigt weniger Künstlerinnen, aber immerhin sind ein Selbstporträt von Paula Modersohn-Becker, ein Aktbild der Klimt-Schülerin Broncia Koller und ein Halbakt der Malerin Gwen John zu sehen.

Ergänzt sind die Malereien, Zeichnungen und Skulpturen durch zeitgenössische Positionen, die in den zwei Außenräumen der Ausstellungen, positioniert sind. Die Fotografie eines entlang der Wirbelsäule vernarbten Frauenkörpers (“Every One #14“, 1994) von Sophie Ristelhueber und die Videoinstallation von Katarzyna Kozyra (“Badehaus“, 1997) die in einen Budapester Dampfbad Frauen filmte, was natürlich an das Gemäld Ingres (“Odalisken”) erinnert.

Die Räume selbst stechen farblich heraus. Es ist ein grelles Rot, ein türkises Grün und ein Fliederton, in deren Mitte unterteilen hellgraue Stellwände den Raum in kleinere Einheiten. Seitlich gibt es neben zwei Räumen zum Katalog lesen und mit Videos, noch zwei kapellenartige Räume, die allesamt im schönsten Grasgrün (zusätzlich mit hellgrünen Teppich) eine solch giftigen Kontrast zu den anderen Räumen bilden, dass man aus dem Staunen kaum herauskommt. Wie gesagt dezent ist das nicht. Doch diese schrägen Farbkompositionen lassen die Farben der Bilder leuchten, machen sie frisch und lebendig und kontrastieren die diversen Töne der Haut der Frauenakte auf das vortrefflichste.








Laura Padgett: “Conversation pieces”

Sie kennt das Museum. Sie kennt es sogar sehr gut. Laura Padgett gibt seit Jahren kunsthistorische Führungen im Städelmuseum. Und dort, wo normalerweise barocke Malerei hängt, hängen nun ihre eigenen Arbeiten. Fotografien von barocken Porzellanfiguren. Die passen natürlich wunderbar an diesen Platz. Zwei schmale Räume sind der Ausstellung “Conversation Pieces” eingeräumt. Allesamt Fotoarbeiten, die während eines Stipendienaufenthalts der hessischen Kulturstiftung in London entstanden sind.

Die Miniaturen stammen aus dem Victoria & Albert Museum. Der nächste Raum, nur ein paar Stufen hoch, zeugt davon, dass dieses nicht die einzigste Kulturinstitution gewesen war, die einen Besuch lohnte. Denn die nun eher kleinformatigen Fotoarbeiten, Schwarz-Weiß-Fotografien auf Barytpapier, zeigen das Sir Johns Sloane’s Museum in London. Beide Institutionen sind unterschiedlich präsentiert. Während Laura Padegett im V&A Museum digital fotografierte, die Ergebnisse hängen auf einer mintfarbenen Wand (was für das Städel äußert unkonventionell ist), sind die Fotografien des Sloane’s Museum analog fotografiert und hängen gediegen an dunkelroten Wänden. Eine Ecke im mintenen Raum blieb weiß, dort hängen großzügig aufs Papier gesetzt schwarz-weiße Video-Stills. Die Computerausdrucke zeigen nun keine toten Exponate, sondern Kinder, welche ausgelassen durch Wasserfontänen springen. Selbstvergessenes Spielen im öffentlichen Raum. Dies deutet nicht mehr auf die Kunsthistorikerin, sondern auf die Künstlerin, die sie ja auch ist. Nach einem Studium in New York und an der Städelschule, war sie Dozentin für Fotografie an der Hochschule für Gestaltung. Erst danach setzte sie ihren Abschluss in Kunstgeschichte nach und lehrt seitdem immer wieder an verschiedenen Universitäten.

Wenn man das weiß, ist es schwierig sich von diesem Hintergrundwissen zu trennen und nur die Arbeiten für sich selbst sprechen zu lassen. Das können diese natürlich, ohne Frage. Aber sieht man die grobe Auflösung der Miniatur-Fotografien, bei denen die Details (denn es sind stets Details, die sie zum Motiv erwählt hat) schon sehr viel malerisches haben, dann nickt man nur verstehend mit dem Kopf, wenn Laura Padgett erklärt, dass sie ursprünglich aus der Malerei kommt. Die Ausschnitte sind so gewählt, dass man auf Gestik, die Körpersprache, die Dinge, die in den Händen liegen oder das Muster der Kleider fokussiert ist. Padgett befreit die etwa 10 cm großen Figuren von ihrem Maß. Der Fotografie spürt man die “Miniatur” nicht mehr an. Es könnten Skulpturen sein. Sie sind so fein gearbeitet, dass sie auch in der Vergrößerung der Fotografie wirken und funktionieren. Auffallend sind die Farben. Sie leben, sind vital, vom Magenta, vom Cyan und vom Weiß des Porzellans. Und dies wird durch das Mint der Wand extrem gesteigert.

Anders die Wirkung der Schwarz-Weiß-Fotografien des Sloane-Hauses. Die kleinen Räume des Hauses, in denen die Privatsammlung des betuchten Sir John Sloane bis heute original erhalten ist, sind voller Sammlungsobjekte, die an den Wänden hängen, alten Büchern in schweren Glasvitrinen, dunkles englisches Mobiliar. Für dieses Haus wählte sie Blicke durch Türfluchten, durch Vitrinen hindurch, nach oben an die Wand fotografiert, auf der ein runder Spiegel den Blick auf den rückliegenden Raum preisgibt. Immer wieder ein Bild im Bild. Rahmungen durch Vitrinen, Türen und immer wieder Spiegel, die den Blick in den Raum öffnen. Fast ein geheimer, kindlicher versteckter Blick, welcher in eine verbotene Welt voller Mysterien führt.









Rembrandt Rembrandt - Die Radierungen

“Jetzt kommt Rembrandt zu Rembrandt”, erklärt Herbert Beck, Leiter des Städels, augenzwinkernd den Titel, der zur Zeit erfolgreich laufenden Rembrandt-Ausstellung. Über 80.000 Besucher kann man sich bis dato freuen. Mit dem zweiten “Rembrandt” (jetzt ist das Geheimnis gelüftet) ist die zweite zum Künstler gerade eröffnete Ausstellung im Haus gemeint. Um die Radierungen Rembrandts, die im Besitz des Hauses sind, dreht es sich im Trakt der Graphischen Sammlung. Da das Haus alle wichtigen Blätter habe und sonst auch fast Vollständigkeit in den Arbeiten vorweisen kann, zumindest, was die Radierungen angeht, ist es eine eindrucksvolle Präsentation geworden. Man kann chronologisch die Ausformung von Rembrandts Schaffen verfolgen.

Dabei sind die 70 ausgewählten Radierungen (insgesamt besitzt das Städel 340 Blätter, manches sogar in verschiedenen Zuständen) um zwei Zeichnungen ergänzt. Ebenso um 10 weitere Radierungen anderer Künstler, darunter beispielsweise Dürer.

Rembrandt, selbst Sammler, hatte eine umfangreiche eigene Grafik-Sammlung und an vielen der Bildmotive der Vorgänger maß er sich, gleich eines Künstlerwettstreites, was man im direkten Vergleich der Blätter schön nachvollziehen kann. Wie kaum ein anderer Künstler war er in der Lage lediglich mit dem in die Kupferplatte geätzten Strich grafische Blätter von eindrucksvoller Dichte und räumlicher Tiefe zu schaffen.

Die Aquatinta war zu seiner Zeit noch nicht bekannt. Er hat virtuos in der Radierung gearbeitet - von den mit nur wenigen Strichen gezeichneten Figuren bis zu den feinsten Schraffuren, die jeden Gegenstand in seiner Materialität erfassen, und deren tiefste Schwärzen nur am Original zu sehen sind. Gerade in den dunkel gehalten Blättern, die verschiedene Schwarztönen zeigen, findet sich viel malerisches. Er arbeitet fein die Farbnuancen heraus, setzt gekonnt Lichter oder Reflektionen, um dramatische Effekte zu erzielen.

Die Bildmotive sind größtenteils religiös geprägt, ebenso Portraits, natürlich sind auch Selbstportraits darunter, aber auch Landschaft und in seinen späten Jahren Frauenakte, wie ein sinnliches Aufbegehren gegen den eigenen körperlichen Verfall. Mangelhafte Geschäftsführung und aufwendiger Lebensstil, vor allem seine Sammelleidenschaft, führten Rembrandt 1656 zum wirtschaftlichen Ruin; Habe und Haus wurden im Konkursverfahren versteigert.

Rembrandts grafisches Werk steht hinsichtlich des Umfangs und der Qualität gleichberechtigt neben den Gemälden. Selten war die Gelegenheit so günstig, beides, Gemälde, sowie Grafiken, so nah beieinander in Frankfurt ausgestellt zu sehen.







 
“Rembrandt-Rembrandt” -  Malerei Rembrandts

Nur einen Straßenzug entfernt liegt die Rembrandtstrasse. Ins Städel Museum führt sie nicht, doch wegen Rembrandt lohnt sich derzeit der Weg dorthin allemal. Ab 1. Februar wird dort die größte Rembrandt-Ausstellung gezeigt, die es seit 20 Jahren in Deutschland gab. Insgesamt 47 Gemälde sind auf zwei Etagen des Seitenflügels verteilt. Das Städel erwartet, mit dieser Schau, die einen chronologischen Überblick des Lebenswerks zeigt, an den Publikumserfolg (man erinnere sich: 180.000 Besucher) der Van-Gogh-Ausstellung anschließen zu können.

Doch anders als noch bei Van Gogh sind fast ausschließlich Werke Rembrandts, von dessen Anfängen um 1626 bis zu seinem Tod 1669, zu sehen. Dies unterscheidet sich wohltuend von einer zunehmenden Tendenz zu Werksausstellungen bekannter Künstler, bei denen nur wenige Meisterwerke mit Bildern der Schüler und druckgraphischen Werk gestreckt sind. Ein Gemälde der Ausstellung ist erst jetzt Rembrandt zugeschrieben worden. Immer wieder gibt es Änderungen um die Zuschreibungen, welcher Rembrandt nun echt sei oder doch nur aus seiner Schule stamme. Während es noch 1900 etwa 1000 echte Rembrandt gezählt wurden, schwand die Zahl bis 2000 auf ca. 240 Werke. Zurzeit wächst die Zahl der Originale wieder, wie der “Titus”, eine Leihgabe des Louvres beweist.

Die ganze Ausstellung gibt einen hervorragenden Überblick über das Gesamtwerk des Künstlers und ist die einzige Station in Europa im Anschluss an das Kyoto Nationalmuseum, wo die Werke bis Januar gezeigt wurden. Dort besuchten 300 000 Interessenten die vom Städel und vom Kyoto National Museum gemeinsam organisierte Präsentation. In Deutschland sind zusätzliche Bilder zu sehen, mehr als in Kyoto. Das Frankfurter Museum besitzt schon drei Werke des Malers, die Gemäldesammlung Alte Meister in Kassel steuerte sieben Werke bei. Insgesamt 30 Leihgeber aus aller Welt schickten ihre Werke auf Reisen.

Rembrandt arbeitete als etablierter Historienmaler in Leiden und war ein begehrter Porträtmaler in Amsterdam. Er starb jedoch, vom Glück verlassen, verarmt. Die Genre der Bilder umspannen Historienbildern biblischer oder literarischer Thematik, mit einigen Landschaften und vor allem mit Porträts. Zu sehen sind unter anderem “Die Blendung Simsons” von 1636, welches das Städel bereits 1905 erwerben konnte oder auch “Saskia als Flora”. Die bekannten Selbstporträts des Malers kommen aus verschiedenen Museen von Kassel, über Liechtenstein und Leiden bis St. Petersburg.

Die Ausstellung findet ihren Höhepunkt im letzten Raum des Obergeschosses. Zwei Bilder stehen dabei im Zentrum: das 1656 entstandene Gemälde "Jakob segnet die Söhne Josefs" aus der Kasseler Gemäldegalerie und die "Anatomie des Dr. Johan Deijman" aus demselben Jahr, heute im Amsterdamer Historischen Museum. Zwei drastische Pole, die Blutdramatik des Anatomiefragments und daneben die friedliche Jacobssegnung, spannend die Werke im Kontrast zu sehen. Die Räume sind abgedunkelt und Licht kommt von Spots aus der Höhe. Die Bilder hängen nicht an der Wand, sondern davor auf grauen Panelen, die einzige Farbe ist das changierende Braun und Kupfer des Linoleums. Es wird deutlich mit hell-dunkel Kontrast gearbeitet, die das Ziel haben, die einzelnen Bilder ins rechte Licht zu setzen, allerdings manchmal auf Kosten des Zusammenspiels der Werke untereinander.








art meets nightlife
Das Städel zu Gast im King Kamehameha Club

In Zeiten knapper Kassen müssen sich die etablierten Kulturinstitutionen etwas einfallen lassen. Dazu zählt nicht nur Anwerbung von Sponsoren, sondern auch der Besucher der Zukunft muss umworben werben, damit dieser die Angebote des Museums auch wahrnimmt, schließlich gibt es eine große Konkurrenz der Unterhaltungs- und Medienbranche, die den Musenstätten gerade das jüngere Publikum abwirbt.

Das Städelsche Kunstmuseum liegt im Trend der Zeit. Mit einer neuen Veranstaltungsreihe verlässt das Museum seine gewohnte Heimstätte und begibt sich auf das Parkett der Musikclubs, namentlich: “art meets nightlife- das Städel zu Gast im King Kamehameha Club“. Der King Kamehameha Club (kurz KingKa”) ist einer der populärsten Musikclubs, an Wochenenden auch Discothek, die es derzeit in Frankfurt gibt. So ganz neu ist das Konzept jedoch nicht, schon öfter gab es Kooperationen zwischen Museen und Clubs. Aber eine Veranstaltungsreihe zu konzipieren, bei der sich Club und Museum regelmäßig gegenseitig einladen, ist dann doch was Neues.

Das Konzept scheint vielversprechend, so wurden bei der Maecenas Sommernacht letztes Jahr im August, bei der der “KingKa” zu Gast im Städel war, an einem Abend 200 neue Städel-Mitglieder geworben. Dies ist ein neues jüngeres Publikum, für das jetzt aber auch Veranstaltungen geboten werden müssen, wie z.B. die Reihen “Art after Work” oder der “Städel-Club“.

Um weiterhin Publikumsgruppen zu erreichen, braucht man einen Ort, wo eine Stimmung entstehen kann, die das Subversive mit der Hochkultur kombiniert und in eine Club- Atmosphäre überführt. Dies ist vergleichbar mit einer "Einflugschneise" in das Kulturangebot, ein "trojanisches Pferd" der Hochkultur. Allerdings ist das Publikum – sowohl das jüngere als auch das ältere – heute immer weniger bindungsbereit im Hinblick auf Kulturangebote. Doch man hat den virtuellen Angeboten im Netz und denen im Kino etwas voraus: Das Live- Erlebnis. Den Kontakt kann man durchaus als Präsenz am "Point of Interest" pflegen, wie jetzt bei den “art meets nightlife“-Abenden im “King Ka”.

Bei freiem Eintritt ist das Städel nun am 2. Mittwoch des Monats zu Gast im Club im Frankfurts "wilden Osten". Ab April wird gewechselt und das Städel wird dreimal Veranstaltungsort für den Musikclub. Das Programm beinhaltet Live-Musik, Lichtbild-Installationen und multimedial präsentierte Ausschnitte aus der Städel-Sammlung. Die Atmosphäre in der alten Unions-Brauereihalle ist gediegen, ein Club mit Cocktailbaratmosphäre. Stilvolles Ambiente, gemischtes Publikum von „schick und schön“ bis zum intressierten Studenten. Sehen und gesehen werden ist die Devise.

Das “KingKa” ist seit seinem Beginn um den Jazz bemüht, der traditionell zu Frankfurt gehörte. Nun fand sich dieses Anliegen auch bei dem ersten Städelabend im Januar ein, mit Max Beckmann als Leitmotiv. Der Maler, der lange Zeit in Frankfurt lebte und arbeitete hatte ein Faible für den Jazz. So lag es nahe seine Arbeiten, wie das Bild “Stilleben mit Saxophonen” als Lichtbild zu projizieren. Bildmotive wurden eingeleuchtet auf Screens und Gazé-Stoffen, die von der Decke der Halle hingen, gepaart mit Beckmann-Zitaten zu Jazz. Zusätzlich wurde noch Live-Music geboten, den “Peng Peng Club- mit Oskar Canton”, der für die  jazzige Musikbeschallung sorgte.








Zum 100. Geburtstag von E. W. Nay

Der Maler Ernst Wilhelm Nay (1902-1968) gehört zu den bedeutenden deutschen Malern der Moderne des 20. Jahrhunderts. Sein Werk trug maßgeblich zur Etablierung der Moderne in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Doch zuvor war seine Künstlerexistenz durch die Nationalsozialisten noch zunehmend bedroht gewesen. 1937 belegte man ihn sogar mit Berufsverbot. Im selben Jahr bereiste Nay einer Einladung Edvard Munchs folgend die Lofoten. Der Aufenthalt wurde für Nay zum künstlerischen Wendepunkt. Hier fand er zu seinem Stil, entfernte sich allmählich vom Gegenständlich-Figurativen und wandte sich großflächigen Farbfeldern zu. "In den hellen Nächten entstanden aus den Fermaten der bergigen Meeresinseln die ersten dynamisch-rhythmischen Gestaltungen, die später - vom Gegenstand unabhängig - zum geistigen Hauptthema meiner Kunst werden sollten", notierte er 1961.

Nay lebte nach dem Zweiten Weltkrieg sechs Jahre lang in Hofheim im Taunus. Dort begann nach 1945 die eigentlich abstrakte Phase seiner Malerei, deren Höhepunkt die so genannten "Scheibenbilder" sind. Sie begründeten seinen internationalen Ruhm und bilden zugleich den eigentlichen Kern seines Oeuvres. Die Grafischen Sammlungen des „Städels“ besitzen dank persönlicher Kontakte zum Künstler zahlreiche seiner Werke.  Die "documenta" räumte ihm gleich dreimal - 1955, 1959 und 1964 - prominente Standorte ein. In Paris, London und New York waren Ausstellungen seiner expressiven Werke zu sehen, und 1956 vertrat er die Bundesrepublik bei der Biennale von Venedig. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere - während der "documenta" 1964 - wurden freilich auch kritische Stimmen laut: Nay sei beliebig, dekorativ, simpel. Der Künstler reagierte verletzt, malte jedoch konsequent weiter. Doch auf die Euphorie folgte der Sturz, die vierte documenta lud ihn aus.

Diese kleine Retrospektive mit Zeichnungen und Drucken aus der Distanz von 34 Jahren nach dem Tod des Künstlers gibt neue Einblicke auf das Werk von Ernst Wilhelm Nay. Schwerpunkt der Ausstellung bilden 17 weit gehend unbekannte Bleistiftzeichnungen aus den 40er Jahren. Die Studien sind nach Angaben von Kuratorin Jutta Schütt bisher weitgehend unbekannt.

Es sind Werkzeichnungen, Vorarbeiten zu später entstanden Gemälden, denen man die Verwendung im Atelier bei genauen Schauen ansieht: ob Spuren von Reißnägeln in den Ecken oder ein Schuhabdruck. Anhand von chronologischer Hängung wird Nay's konsequente Entwicklung dem Besucher der Ausstellung verständlich. Die ausgestellten Werke reichen von figürlich expressiven Grafiken ("Lofoten"-Bilder)  bis hin zur Abstraktion der Scheibenbilder. Der späte Nay, mit den wenig bekannten Arbeiten aus seinen drei letzten Lebensjahren, wird jedoch vernachlässigt. Ausstellungsbegleitend wird ein Film des Bayerischen Fernsehens von 1974 mit persönlichen Stellungnahmen des Künstlers zu seinem Werk gezeigt: "E. W. Nay - Vom Gestaltwert der Farbe".








Die Welt eine Bühne - Radierungen von Jacques Callot

Die Ausstellung "Die Welt eine Bühne- Radierungen von Jaques Callot" der Graphischen Sammlung im Städel zeigt nun exquisite Blätter des Künstlers, zum größten Teil aus den eigenen Beständen des Museums. Callot ist der Erste, der die Radierung in ihrer technischen Besonderheit zu einer selbstständigen Kunst erhebt. Er ist ein Meister der Bewegung, der aus einem echt barocken Gefühl, die Vielgestaltigkeit des Lebens einzufangen sucht, mit einem außerordentlichen Sinn für das Flüchtige, Eilende und einer merkwürdigen und ihm eigenen Mischung von Naturalismus und Phantastik. Die Blätter zeigen Porträts von Bettlern, Ländliche Szenerien und Stadtansichten. Der großformatige "Jahrmarkt von Impruneta" zeugt von einer Liebe zum Detail, mit der Callot der Technik der Radierung zu ganz neuer Qualität verhilft.

Als zweiter Sohn einer wohlhabenden Familie wird Jaques Callot 1592 in Lothringen geboren. Nach einer Lehre bei einem Goldschmied und Münzschneider reist er nach Rom, wo er zum Kupferstecher ausgebildet wird. 1611 beginnt sein Aufenthalt in Florenz als Schützling der Medici. Hier förderte Cosimo II. eine lebhafte künstlerische Szene. Callot trifft auf ein kreatives inspirierendes Umfeld im Kreise von Künstlern, Wissenschaftlern und Architekten am Hofe Cosimos. Darunter auch Galileo Galilei, zeitweise sein Zimmernachbar, der dort mit Linsen und Gläsern experimentiert.

Diese neuen technischen Hilfsmittel verändern die Wahrnehmung von Welt. Vornehme Menschen sind mit Ferngläsern und Brillen bestückt. Mit der Lupe kann man sich Drucke nun ganz in Detail betrachten. Der Raum gewinnt eine andere Bedeutung. Künstler wie Callot setzen dies bewusst in ihren Arbeiten ein. Insbesondere da der Kupferstecher Callot hier die Radierung für sich entdeckt, mit der sich viel kleinteiliger, detaillierter arbeiten lässt, als mit anderen Drucktechniken.

1621, mit dem Tod des mäzenatischen Cosimo, nähert sich das ausschweifende Leben in Florenz dem Ende zu. Callot kehrt in seine Geburtsstadt Nancy zurück. 1622 gilt er als größter Meister realistischer Darstellungen. Callot entwirft Lehrstücke, barocke Allegorien zum Zwecke, die Soldaten zu disziplinieren. Seine Bitterkeit gegen den Krieg steigt mit zunehmendem Alter. "Schrecken des Krieges" besteht aus sechs kleinen und achtzehn größeren Kupferstichen, die 1632 und 1633 entstehen. Diese Bilder werden von niemandem in Auftrag gegeben, doch ihr Verkauf macht ihn reich.

Unter seinen Drucken stehen oft Verszeilen in der Art der beliebten Moritatenbücher seiner Zeit. Die Botschaft der Bilder ist der Verzweiflung nahe. Was die "Schrecken des Krieges" zu einem der großartigsten Bücher über den Krieg macht, ist seine Darstellung des Krieges als höchstes Grauen. Heim, Kirche und Menschheit gehen gemeinsam zugrunde, die stabilsten und zerbrechlichsten Teile der Gesellschaft gehen in Rauch auf. Der Tod ist hier der absolute "Gleichmacher".

Callot selbst stirbt 1633 in Nantes und hinterlässt etwa 1400 Radierungen. 200 Radierungen davon kann man noch bis zum 25. August in der Graphischen Sammlung besichtigen.









Farbe und Form

Wer ist Sophie Taeuber? "Das Publikum rief nach der Polizei, nach dem Irrenarzt und nach dem Verbandskasten. Man drohte, zischte und weinte, Frauen fielen in Ohnmacht." So beschrieb ein Beobachter die Szenerie rund um die ersten Aufführungen des Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse in Zürich. Man schrieb das Jahr 1916, und das babysprachliche Wort "Dada" war in aller Munde als Bezeichnung für eine neuartige Kunstrichtung. Mit von der Partie war Sophie Taeuber. Die zierliche Frau versetzte mit tänzerischen Einlagen die Zuschauer, unter ihnen Lenin, in Erstaunen.

Ein Jahr zuvor hatte sie Hans Arp, einen der späteren Protagonisten der Dada-Bewegung, kennen gelernt. Sie verliebten sich, und er führte sie ins Milieu der Avantgarde-Künstler ein. Zwischen den beiden entstand eine fruchtbare Arbeitsgemeinschaft. Er schrieb, sie gestaltete. Für Taeuber war dies nur das halbe, das Nacht-Leben. Am Tag ging sie einer durchaus bürgerlichen Arbeit nach: Sie unterrichtete an der Kunstgewerbeschule. Dass die Frau für den Lebensunterhalt des Paares sorgte, erschien ihr nicht ungewöhnlich.

Wer ist also diese Sophie Taeuber-Arp? Künstlerin, Kunsthandwerkerin, Tänzerin, Lehrerin und Ehefrau. Die Ehefrau Hans Arps zu sein war ihr Glück, denn die Künstler ergänzten sich in ihren Arbeiten und beeinflussten sich gegenseitig. Aber es war auch ihr Verhängnis, hinter dem dominanten Hans Arp immer im Hintergrund zu stehen. Eine Rolle, in die sie sich anscheinend freiwillig begab. Das Laute war nicht das Ihre.

Charakteristisch für ihre frühen Werke sind geometrische reduzierte Kompositionen. Sie setzt Farbfelder nebeneinander, ordnete Kreise, Quadrate und Dreiecke vertikal und horizontal an. Diese Bildersprache setzte Sophie Taeuber anhand verschiedener Materialien um. Sie arbeitete mit Stoff, Glas und Stift, schnitzte bizarre Köpfe und Figuren aus Holz.

In der aktuellenn Ausstellung im Frankfurter Städel "Farbe und Form: Sophie Taueber im Dialog mit Hans Arp" wird der Vielzahl der Materialien und ihren Arbeiten im Stoff-Design und Kunsthandwerk jedoch wenig Beachtung geschenkt. Man beschränkt sich auf Gouachen, Zeichnungen und vereinzelte Kleinplastiken. Umso prominenter hebt sich der Teil mit den Werken Hans Arps hervor. In Anzahl gleichwertig stehen die Arbeiten der zwei Eheleute nebeneinander in zwei Räumen der Ausstellung. Ein wunderbarer Vergleich, doch ob der wirklich nötig war, bleibt als Frage offen. Wäre es nicht eine Cance gewesen, die Ausstellung noch stärker auf Sophie Taeubers Werk und ihre Biographie auszurichten, mit einzelnen Hans-Arp Stücken als Kontrapunkte? Schließlich ist ja auch auf der Schweizer 50-Franken-Note, nicht Hans Arps Kopf, neben dem ihren abgebildet.










Avantgarde 1360

Eines der ältesten Werke der Galerie, eine Marienkrönung des mittleren 14. Jahrhunderts ist wieder mit drei zugehörigen Tafeln vereint, die fast 200 Jahre getrennt waren. Zu den frühen Zeugnissen postgotischer Malerei gehören vier beidseitig bemalte Tafelbilder von 1360. Einst die beweglichen Flügel eines Baldachinaltars, wurden die Tafeln um 1800 getrennt und in Einzelszenen zersägt. Eines der Fragmente befindet sich im Städel, ein weiteres in der Berliner Gemäldegalerie. Eine dritte Szene wurde kürzlich in einer schottischen Privatsammlung aufgespürt, eine vierte schließlich im Deutschen Historischen Museum Berlin erkannt. Diese vier Fragmente werden im Rahmen der Ausstellung erstmals wieder zusammengeführt. Zusätzlich wurde dem Museum Wiesbaden eine Marienskulptur entliehen, um der ursprünglichen Wirkung vom Flügelaltar mit Marienskulptur unter einem Baldachin so nahe wie möglich zu kommen.

Auch wenn die Tafeln und die Skulptur sehr wirkungsvoll in das Kabinett gesetzt sind, in einem schlichten grauen vitrinenartigen Rahmen, der von beiden Seiten einsehbar ist, so braucht man doch ein bisschen Phantasie, um den originären Endruck wiederaufleben zu lassen. Dass der einst etwa eineinhalb Meter hohe Altar, wie eine "riesige Goldschmiedearbeit" erschienen sein mag, kann man an der Präsentation im Kabinett bei weiten nicht nachvollziehen.

Dafür lässt sich wunderbar vergleichen, wie der Zahn der Zeit an den einst zusammenhängenden Kunstwerk genagt hat. Die beidseitig bemalten Tafeln mit Leinwand auf Eichenholz wurden mit dem Ziel getrennt, mehrere kleine Tafelbilder mit Motiven der Innenseite zu erhalten. So wurde bei der Trennung der Motive keine Rücksicht auf die Rückseiten genommen, so dass die dortigen Heiligenmotive in der Mitte zerschnitten wurden. Heute lässt sich genau erkennen, dass Partien im Brustbereich unwiederbringlich verloren gegangen sind. Als Einzelbild waren sie gänzlich dazu verdammt Rückseite zu sein. So ist auch ihr Zustand ein vollkommen anderer als der der Vorderseiten, auf denen die Aufmerksamkeit lag.

Zudem gibt es zwischen den Berliner und den Städel-Tafeln bemerkenswerte Unterschiede. Auf den ersten Blick besser erhalten wirken die Städel-Tafeln. Doch der Anschein täuscht. Die Tafeln wirken heller und strahlender, so sind jedoch bei Restaurierungen auch originale Farbschichten verloren gegangen. Man sollte sich bei einer genauen Betrachtung besonders den Bildhintergrund der Rückseiten anschauen, der beim Städel silbern und bei den Berlinern, wohl sehr düster, aber immer noch golden und mit Sternen verziert zu erkennen ist. Den Städel-Tafeln wurde der gelbe Firniss und die Sterne sozusagen wegrestauriert. Für solche genauen Betrachtungen und einen neuen Blick auf ein altes Inventar des Städelschen Kunstinstitutes bietet sich noch bis Ende Mai Gelegenheit.


*** Die Artikel sind manchmal nicht in dieser Form gedruckt worden. Gekürzte oder veränderte Passagen sind in den Texten hier noch enthalten.


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