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                                rezensionen


Das TAT / Bockenheimer Depot                               






TAT Opening

Gekommen waren sie alle, die üblichen Verdächtigen der Frankfurter Kulturprominenz: Künstler, Theaterleute, Journalisten, Studenten, Professoren der benachbarten Universität und neugieriges Theaterpublikum. Das TAT im Bockenheimer Depot lud zur Eröffnung ein, welche eine neue Ära einläuten soll. “Entstehen soll ein Ort, so facettenreich und widersprüchlich wie die Gegenwart", hatte William Forsythe angekündigt, der zugleich Intendant des Ballett Frankfurt und des TAT ist. Weniger Theater (am Turm) als frei inszenierter Raum, neue Konzepte in einem offenen Haus, in das man nun unter der Woche ab nachmittags hingehen kann, um Leute zu treffen, zu essen oder einfach, die Dinge, die dort passieren, auf sich wirken zu lassen.

Der Innenraum des Depots ist nun zweigeteilt. In der Mitte der Halle trennt eine braune Filzwand das Vorne vom Hinten. Auch die Wände und der Boden sind mit dem gleichen Material ausgelegt und geben dem Raum etwas warmes, ruhendes, im Gegensatz zu der Weite der Halle zuvor. Neben der Bar, gibt es zudem Inseln und Bänke aus Holz und Filz, auf denen man sich hinsetzen kann, oder sich, je nach Belieben, aufzumachen und weiter durch den Raum zu flanieren.

So wirkte es zumindest bei der Eröffnung, nachdem jeder Gast am Eingang noch mit dem Sticker “Fantastic to be here” ausgestattet worden war. Doch die Gäste, meist in Abendgarderobe, wie auf der Einladung erwünscht, merkten recht bald, sie waren nicht Gast einer Inszenierung, sondern waren die Inszenierung selbst. Sehen und gesehen werden. Man wartete auf den Beginn, auf eine Vorstellung, doch das blieb aus. Nur der barfüßige Mann am Piano sorgte für einen nervösen Klangteppich der Unterhaltung.

Hatte man ein bisschen Schmalclub gemixt mit ein paar Darbietungen von Forsythes Tänzern erwartet? So recht schien es dann dort selbst niemand mehr zu wissen, was er von diesem Konzept, welche das neue TAT bis dahin recht schwammig versprach, erwarten konnte. Alles und nichts schien möglich. Aber, dass so ganz und gar nichts passierte, war doch überraschend. So wurde das Nichts zum Gesprächsthema. “Weißt du, ob noch was kommt”, lautete der übliche Satz, wenn man einen neuen Gesprächspartner beim Flanieren erspähte. “Unsere Erwartungen sollen bewusst enttäuscht werden“, oder “Frustration als Konzept”, hieß es dann je später der Abend wurde. Und während man wieder mal einen neuen Standort suchte, neugierig Richtung DJ-Pult mit den noch leeren Plattentellern lugte, in der Hoffnung, dass sich dort die Erlösung finden ließe, kamen in steter Regelmäßigkeit, adrette junge Damen und Herren des Personals und boten Wasser mit Zitrone und Minze an.

Als dann letztendlich um Mitternacht das Piano verstummte und die DJane die Musikbeschallung übernahm, nahm auch das Warten sein Ende. Es wurde offenbar, das war es, mehr kommt nicht mehr! Wer mehr will, muss zu den Öffnungszeiten in der Woche kommen, wo kein Konzept vorgestellt, sondern betrieben wird.

Zur Inneneinrichtung des neuen TAT gehören dann zusätzlich zu der riesigen rechteckigen Bar, eine Bibliothek, ein Kiosk und ein Restaurant. Im hinteren Teil des Depots, hinter dem Filzvorhang, gibt es übrigens doch noch einen Bühnenraum, in dem sollen dann Veranstaltungen der Reihe “Under Construction” mit fixen Terminen und Eintrittspreisen stattfinden. Das Depot ist künftig von Mittwoch bis Sonntag immer von 14.00 bis 24.00 Uhr geöffnet. Die Veranstaltungen werden von Absolventen der HfG, jungen Theatermachern und Kulturschaffenden kuratiert. Dieses Konzept ist zunächst auf vier Monate angelegt, der Eintritt ist frei.





"Ritrovare" und "Fabbricia"

Zerbrechendes Glas. Und eine Regal voller Flaschen. Die stehen noch und sind unversehrt. Was ist es, was hier birst? Es ist der Beginn einer Choreografie im Bockenheimer Depot. Das Ballett Frankfurt beginnt mit einem Gastspiel zweier ehemaliger Kompaniemitglieder und heute selbständiger Choreografen Alessio Silvestrin und Mauricio de Oliveira, die ihre Arbeiten "Ritrovare" und "Fabbricia", beides Deutschlandpremieren, nicht nur inszenieren, sondern auch selbst tanzen.

Mauricio de Oliveira wurde von wissenschaftlichen Texten über Alchemie aus dem Mittelalter inspiriert zu der Choreografie "Fabbrica". In "Fabbrica" setzt de Oliveira den Körper als eine Fabrik für Experimente des Geistes. Das Stück wird von Michael Maurissens und Alessio Silvestrin getanzt, wobei Silvestrin auch die Musik für dieses Stück schrieb.

Zwei Männer auf der Bühne, ein flaches Podest und ein Regal. In ihm stehen vielerlei Flaschen. Wie in einem chemischen Labor. Der eine Tänzer schiebt das Regal vom vorderen Rand der Bühne in die hintere Ecke, nutzt dann den vollen Raum für seine Bewegungsabläufe, während der zweite das Podest betanzt. Der Tanz, zeitgenössisch, man scheint noch den Ziehvater Forsythe zu spüren, doch in vielen sanfter und harmonischer als man es vom Ballett Frankfurt gewohnt ist. Manchmal fühlt man sich an diese Holzpuppen aus dem Zeichenunterricht erinnert, an deren Gelenke, wo Körperteile in jedwelche Richtung gedreht werden können. Dies scheint auch bei den Tänzern zu passieren. Als hätten der Unterarm, die Wade, der Fuß ein Eigenleben und würden die Richtung bestimmen, überall hindrängen. Doch nicht aggressiv, stets sanft und spielerisch.

Es wird zum Rhythmus fallenden Glases getanzt. Die Flaschen auf der Bühne hingegen werden auf das Podest geräumt, mit Blättern, Skizzen, wie ein Versuchsaufbau, um dann am Ende im Aufbegehren, überall hinwirbelt zu werden. Schließlich werden Flaschen sorgfältig mit Mund oder Hand aus einer Kiste gehoben, um von der Höhe des Podests auf den darunter liegenden zweiten zu fallen, der diese mit fast akrobatischen Geschick auffängt.

Silvestrins Choreografie “Ritrovare” ist viel weit mehr konzeptuell aufgebaut als das stärker sinnliche “Fabbrica”. Es ist wie ein lebendes Lehrbuch über Visuelle Kommunikation und Erinnerung. Es wird geordnet, genauer: zugeordnet. Es tanzen Christine Bürkle, Michael Maurissens, Mauricio de Oliviera, Alessio Silvestrin. Die Musik erinnert an japanische Kendomusik, stammt aber von Silvestrin und Gaspar dos Reis (+ ca. 1674).

Wieder ein Regal, doch ohne Flaschen, sondern mit Reihen dicht an dicht gestellter Karten. Zeichen sind darauf. Und eine Wand auf der später per Beamer Projektionen laufen werden. Zum Tanz in immer neuen Paarungen kommt alsbald, dass kurze Textfragmente eingesprochen werden. Mit Beginn der Videoprojektion nähert man sich langsam dem Kern des Stückes. Dort erscheinen schnell aufeinander folgend: Schwarze Balken auf Weiß, Balken, Räume, eine Schublade, eine Treppe, eine Schlüssel. Zuerst gezeichnet, dann reine SW-Filmsequenzen, in der z.B. ein Schlüssel ergriffen wird. Gleichzeitig nimmt im Realen ein Tänzer ein Schlüssel von der Wand und legt ihn an den vorderen Bühnenrand. Beim Ablegen ertönt über Lautsprecher das Geräusch von Metall auf Holz. Hier, wie an anderen Stellen, untermalt die Musik weniger den Tanz als das multimediale Bebilderungssystem.

Die ständige Dopplung und Wiederholung wird erst final durch das Öffnen einer langen Reihe nebeneinandergelegten Kästen. In ihnen große Schilder, die jetzt in Reihen am Boden verlegt werden. Die Zeichen der Projektion (Balken, Schlüssel, Zahlenreihen) sind nun dort wiederzufinden. Bilder, die man braucht um zu Begreifen und sich Erinnern zu können, mit denen wir uns in der Welt orientieren. Durch das Betreten der stetig gleichen Wege, das Wiederholen der Erinnerung, bestücken wir unser Bewusstsein mit Sinn. So wie die Tänzer, welche zum Schluss die ausgelegte Fläche begehen und  betanzen, um dann letztlich zu entfliehn.








Richard Siegals Choreografien

X ist in der mathematischen Gleichung eine unbekannte Variable. Es wird in Relation gesetzt zu festen Zahlen oder zu anderen Variablen. Dieser gedachte Wert bestimmt das Ergebnis, beeinflusst das Ganze. Richard Siegal, langjähriger Tänzer am Ballett Frankfurt, hat sich des mathematischen Begrifflichkeit bedient und die Titel seiner drei Choreografien die just im Bockenheimer Depot aufgeführt wurden, alle mit dem X versehen. "x(angels) reconsidered", “xcongruentox” und “x(albee)” sind somit choreographische Aufgaben, bei denen das X verdeutlicht, dass es Möglichkeiten eines Themas sind. So zeigt "x(albee)" eine Siegal-Version von Edward Albees “Wer hat Angst vor Virgina Woolf” oder “xcongruentox” zeichnet die tänzerische Umsetzung einer schizoiden Doppelung der Persönlichkeit nach.

Den Einstieg nimmt man mit "x(angels)", getanzt von Ayman Harper, Natalie Thomas, und Richard Siegal selbst. Mit minimalistischer Tonkulisse, ein andauerndes tempoveränderndes Klicken, zu dem die Tänzer sich unterschiedlich positionieren. Sie beginnen isoliert, verwachsen zu einem Ganzen, agieren gemeinsam, um dann verschiedene Paarkombinationen auszutangieren. Ein leichtes Vorspiel zu den zwei folgenden Stücken, die weniger die tänzerische Positionierung von Raum und Körpern behandeln, sondern stark inhaltlich konzipiert sind.

“x congruent to x” beginnt unvermittelt, denn, noch sich in der ersten Choreografie wähnend, beginnt bei plötzlich blendenden Licht der Bühnenumbau. Die von Bühnenarbeitern hereingetragen Spiegel und Scheinwerfer bleiben, sind Inventar der beginnenden Choreografie. Das von Siegal zusammen mit Crystal Pite folgende Duett wird zu der Musik von Diane Labrosse inszeniert. Siegal, vorne am Bühnenrand sitzend, zeichnet mit Kreide Linien und Wortreihen auf den Boden. Der Spiegel deutet es schon an, es geht um die Doppelung des Selbst, einen psychischen Prozess der Erinnerung und der Selbstwahrnehmung. Siegal liest den Text am Boden, deklariert am Spiegel stehend weiter, spinnt damit den narrativen Rahmen.

Eine Geschichte um eine Jugenderinnerung, eine verflossene Freundschaft. Fast als Illustration der Worte tanzt dazu leichtfüßig Crystal Pite, füllt den Raum mit ihrem rhythmischen Tanz. Die Grenzen der Akteure lösen sich, verschmelzen ineinander, so dass man nicht weiß, ob Pite und Siegal zwei Bilder einer Persönlichkeit sind. Ein Gedanke, der durch die wiederholte Pose, siamesischen Zwillingen gleich, am Kopf zusammenhängend, bestätigt scheint. Den komplexen inneren Abläufe, kann man allerdings nur schwer folgen. Zu fragil ist das Spiel um Psyche und Persönlichkeit, so bleibt das Stück rätselhaft und uneindeutig.

Die letzte Choreografie startet gefälliger. Visuell reizvoll, bietet eine geraffte Kurzfilmversion von “Wer hat Angst vor Virginia Woolf” mit Burton/Taylor den Einstieg. "x(albee)", nach dem Autor benannt, der diese bitterböse Parabel auf die Unmöglichkeit des menschlichen Zusammenlebens geschrieben hat. Durch das schnelle Vorspulen und plötzliche Verlangsamen des Films gewinnt dieser an skuriller Komik, bis hin zur Groteske. Auf der Bühne doppeln nun Siegals Tänzer die zwei Paare der Vorlage. Der Tanz folgt dem Spiel der psychischen Demontage. Allerdings um ein weiteres Paar ergänzt. Zuschauern, die in die sich stetig wiederholenden Interaktionen der Akteure gedrängt werden. Anfangs noch isoliert abseits tanzend, zum Ende hineingezogen in das desaströse Reigen. Bis schließlich alle, von ihren Rollen befreit, kraftvoll den Bühnenraum erobern.



*** Die Artikel sind manchmal nicht in dieser Form gedruckt worden. Gekürzte oder veränderte Passagen sind in den Texten hier noch enthalten.


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