| Musik
..-,-,-.-,.-,-.,.-,-.,.-,-,-.,.-,.-..---....,,..-,.,-...,,,......,.,.,....,.,.,.
zurück zum Index |
| "Rally
of Love" von 22 Pistepirrko Zwiebelsuppe in "heavy rotation" 22 Marienkäfer, so
die deutsche Übersetzung des finnischen Namens "22 Pistepirrko".
Dahinter verbirgt sich allerdings kein volkstümlicher Kinderchor,
sondern der erfolgreichste finnische Rockexport seit den Leningrad
Cowboys. Das neue Album "Rally of Love" kam weltweit am 1. Oktober in
die Läden. Im November folgt eine Tournee durch Deutschland,
Österreich und die Schweiz.
Den Namen haben sie einst
von einem zoologischen Buch adaptiert. Die zwei Brüder Asko und PK
und Sandkastenfreund Espe gründen 1981 ihre Band. Alle drei kommen
aus Utajärvi, einem klitzekleinen Dorf nahe dem Polarkreis in
Finnland. Monaten voller Dunkelheit und Schneefall im Winter folgt der
intensive Sommer, in dem die Sonne nie unterzugehen scheint. Das sind
Extreme, die ihren Musikstil prägen.
Die Band zieht in die
einzige wirkliche Stadt Finnlands,
Helsinki, und findet gefallen an Surfmusik, Country und Blues. Statt
finnisch,
singen sie bald englisch. Der Sprachwechsel gibt ihnen nun die
Möglichkeit
auch außerhalb Finnlands Gehör zu finden. Dann endlich, nach
12 Jahren, gelingt 1994 mit "Rumble City, La La Land" der bedeutende,
da
internationale Durchbruch. Die schräge Eingängigkeit
ließ
das Album zu einem Hit der alternativen Charts werden. Die Band tourt
durch
Europa, spielt vor ausverkauften Clubs.
Den letzten Erfolg
verbucht die Band 1998 mit dem
Album "Eleven": Chartplatzierungen in Finnland, aber auch in
Deutschland, Spanien, Tschechien, der Schweiz und in Frankreich.
Für MTV
macht es das unerlässlich, den Hit "Onion Soup" in die "heavy
rotation" zu nehmen. Ein Zeichen für die kommerzielle
Verwertbarkeit auch von guter, langsam gereifter Rockmusik. Selbst nach
20 Jahren im Geschäft ignorieren sie die gängigen Gesetze des
Marktes, die vorschreiben jedes Jahr oder alle anderthalb Jahre ein
Album auf den Markt zu werfen.
PK: "Wir wollen einen
guten Song machen. Wenn es dann ein Hit ist, haben wir nichts dagegen.
Ich würde auch
all das Geld nehmen. Aber das steht nicht an erster Stelle. Denn
erstmal wollen wir gute Musik machen, damit unseren Lebensunterhalt
verdienen, so dass wir nichts anderes tun müssen. Aber wir sind
nicht wirklich Popstars."
Das neue Album macht dort
weiter, wo das Letzte aufgehört hat. "Eleven" war von Trip Hop
sensibilisiertem Folk Rock erfüllt. Beim mittlerweile neunten
Album "Rally for Love" handelt es sich eindeutig um Pop. Allerdings
eine eigenwillige Version von Pop, gemixt mit ursprünglichem
Garage Rock und moderner Elektronik.
PK: "Wir sind Pop-Fans. Wir mögen viele verschiedene Arten von
Musik und benutzen sie dann. Mischen etwas mit Gefühl und Herz
dazu, machen Eigenes daraus." (10/2001) 3sat/ DENKmal |
| "Manic
Expressive" von Her Space Holiday ...musikalische Reise an Bord eines Raumschiffs... Die Zeit ist günstig
für Bands, die Pop
mit elektronischen Versatzstücken koppeln. „Space Rock“ wird Marc
Bianchis Musikstil von der Musikpresse genannt. Sein neues Album als
"Her
Space Holiday", "Manic Expressive", erscheint Mitte Oktober. Spacige
Songs,
chillig und damit genau richtig für einen Regentag, oder einen
Abend
an Bord eines Raumschiffs.
Willkommen zu einem
Konzert in der Zukunft, irgendwo im All. Das Spaceship trägt uns
durch ein schwirrend gluckerndes, piepsendes Universum. Der Blick aus
unserer Schiffsluke auf die Erde eröffnet ein trauriges,
düsteres Panorama. Der blaue Planet ist von Menschen bewohnt, die
auf Glück hoffen, solange sie leben. Und die zu Gefangenen dieser
Hoffnung werden:
„We all live lifes, we
all must leave, some are great and some are weird, and somewhere in a
trap, and somewhere in a trap...“.
Marc Bianchi war
früher Mitglied erfolgreicher Hard-Core Bands, wie "Indian Summer"
und "Calm". Doch er wollte
seine eigene Musik machen. Sein in San Francisco gegründetes
Plattenlabel "Audio Information Phenomena" wurde zur Plattform für
Bands, die ihm gefielen und für Musiker, mit denen er
zusammenarbeiten wollte. Sein Label wird zu schnell zu erfolgreich.
Also konzentriert er sich ganz und gar auf ein eigenes Projekt. Unter
einem trendigen
Bandnamen realisiert er endlich seine Träume. Mit Neele -
Sängerin und Partnerin.
„Sie zu einem aktiven
Teil der Band zu machen, hat nicht nur der Musik, sondern auch der
Beziehung geholfen. Statt uns zu entfernen, bringt uns das noch viel
näher zusammen.“, beschreibt Bianchi die Zusammenarbeit.
Das im letzten Herbst
veröffentlichte Album von Her Space Holiday hatte den Titel „Home
is where you hang yourself“ - nicht gerade optimistisch. Jetzt
erscheint die neue Produktion - „Manic Expressive“ - eine Mischung aus
vielerlei Elementen: Rock, Pop, Elektronik. Ineinander verschachtelte
Ebenen. Eingebettet ist das Ganze in die Atmosphäre eines
klassischen Konzertes. Ein
Spiel mit Erfahrungen - Stimmgemurmel oder ein kurzer leiser Applaus
zum Ende. Eine Computerstimme eröffnet die CD, lädt uns ein,
gibt kurze Kommentare und verabschiedet uns.
(09/200) 3sat/ DENKmal |
| "Alive"
von Terry Callier ...im Vaterschaftsurlaub in Vergessenheit geraten... Die 60er. Ein
amerikanischer Soul-Barde aus der boomenden Folk-Szene Chicagos. Mit 17
Jahren hat Terry Callier schon einen Plattenvertrag. In den 70ern
mischt er erfolgreich in der Chicagoer Soul-Szene mit. Eine Karriere
zeichnet sich ab...
Dann der Schnitt: „Ich
verließ die Musikszene 1983, um mich ganz der Erziehung meiner
Tochter widmen zu können, mit der Aufmerksamkeit, die sie
verdiente. Die Gitarre gespielt habe ich immer noch daheim und zwischen
1983 und 1991 habe ich vielleicht
noch sechs oder achtmal Auftritte vor Publikum gehabt.“
Die anfänglichen
Anrufe anderer Musiker und der Plattenlabels werden seltener.
Schließlich gerät Callier in Vergessenheit. Er arbeitet
Vollzeit als Computerprogrammierer an der Universität von Chicago.
Szenenwechsel: 1992,
London. Der Remix seines Songs
"I don’t want to see myself (without you)", wird ein Hit in den
Londoner
Clubs. Nach fast einer Dekade der Abwesenheit von der Musikszene, ist
er
mühelos zurück. Seine alten Platten werden wiederentdeckt.
Sein
Kultstatus in der britischen Acid-Jazz-Szene, und die Fürsprache
ihres
Masterminds Gilles Peterson, bescheren ihm 14 Jahre nach seinem letzten
musikalischen Lebenszeichen wieder einen Plattenvertrag bei einem
großen Label. Niemand ist darüber erstaunter, als der alte
Meister selbst. Es folgen Live-Gigs, Musikfestivals und mehrere
Platten.
Im April 2001 erschien
Terry Calliers Album "Alive". Es ist eine Sammlung von Live Material,
aufgenommen in einem Londoner Café. Darunter drei brandneue
Songs. Ein
Meisterwerk! Die Mischung aus Folk, Blues und Jazz sorgt für
eine atmosphärische Intensität, wie sie viele der Jungen so
wohl nicht hinbekommen dürften!
(09/ 2001) 3sat/ DENKmal |
| "2001:
a worldbeat odyssey" von den Dissidenten Überall ein bisschen Die Dissidenten gibt es
schon seit 20 Jahren. Sie haben weltweit mehrere Millionen Platten
verkauft. Doch hier in
Deutschland werden sie immer noch zum subkulturellen Untergrund
gezählt.
Warum, weiss keiner so genau...
Friedo Josch, Marlon Klein
und Uve Müllric waren in den 70ern Teile der Band Embryo. Seit den
80ern sind sie allein ein Ganzes. Sie sind weltweit unterwegs und dort,
wo sie sind, bleiben sie ein bisschen und greifen lokale Musik auf.
Arbeiten mit Künstlern vor Ort, egal, ob in Indien, Marokko oder
sonstwo auf der Welt.
Vielleicht werden sie
deshalb so gerne in die Abteilung
Weltmusik gesteckt. Und Weltmusik kann ja gar nicht erfolgreich sein.
Sagt
man zumindestens. Dennoch sind sie in anderen Ländern längst
gefeierte Stars. Wie in Spanien, wo sie vor 250.000 Zuschauern gespielt
haben. Aber um Popularität geht es ihnen ja auch nicht. Die Fans,
die sie haben, sind ihnen treu.
Nach 20 Jahren gäbe
es woanders ein großes Bandjubiläum. Doch statt eines "Best
of"-Albums verlassen sie
sich auf die musikalische Kreativität von ausgewählten
Freunden. So haben sie DJ’s und Musiker der internationalen Clubszene
gebeten,
ihre persönlichen Lieblingstracks neu aufzumischen und
umzuarbeiten.
Mit dabei: Badmarsh, Slop Shop, Shantel, Lemongrass, Lelonek, Simbad,
Kulisch & Vana, Andreas Leifeld, Thomas Kessler und Path of Rhythm
alias Marlon Klein.
Das Ergebnis ist eine neue
CD der Band, die in diesem Fall lediglich das Ausgangsmaterial
lieferte. 10 neu abgemischte alte Songs aus 20 kreativen Jahren. 2001:
a worldbeat odyssey, ist
bei Exil Music erschienen.
(08/ 2001, DENKmal) |
| Heather
Nova Vom Hippie-Mädchen zum Popstar "Jeder Song von mir
ist eine Stimmung, die ich einmal durchlebt, ein Gefühl, das ich
einmal gehabt habe. Diese Gefühle hat jeder, und es scheint viele
Menschen zu geben, die meine Art, Gefühle in Songs
auszudrücken, nachvollziehen können."
Gefühle dominieren
Heather Novas Lieder. Etwa
die Sehnsucht geliebt zu werden oder Liebe zu schenken. Die Angst sich
in
den eigenen Fantasien zu verlieren. Man wird ganz nah ran gelassen -
scheinbar bis ins Innerste.
"Meine Songs sind
extrem persönlich, und ich habe sie ursprünglich nur
veröffentlicht, weil sie Teil meiner Selbsttherapie waren."
Vielleicht kein Wunder bei
ihrer Biografie. 1968 auf den Bermudas geboren. Eine Kindheit als
Hippie-Märchen: Kaum ist sie 7 Jahre alt, beschließen ihre
Eltern auf einem selbstgebauten Segelschiff über die Meere der
Welt zu schippern. Dort hat sie viel Zeit. Zeit, die Musik ihrer Eltern
kennen zu lernen. Die reicht
von den Beatles und den Rolling Stones über Van Morrison, Neil
Young
bis hin zu Velvet Underground. Dann mit 15 - Abbruch des Nomadenlebens,
damit sie eine Schulbildung erhält. Kontaktscheu, durch das lange
Reisen, findet der Teenager keinen Anschluss. Von der Einsamkeit der
Meere in die Außenseiterrolle. Die Folge ist, dass sie sich
verstärkt der Musik widmet und mit dem Schreiben eigener Songs
beginnt.
Das anschließende
Film- und Malerei-Studium gibt sie für ihre Musik bald auf. Zuerst
versucht Heather Nova ihr Glück bei einer Plattenfirma in New
York, doch dann entscheidet sie sich ganz wegzugehen. Nach London. Dort
lernt 1993 den Ex-Killing-Joke-Gitarristen Youth kennen und mit ihm
kommen die Kontakte zu Plattenfirmen. Das erste Album wird "Glow
Stars". In einer Auflage von 5000 Stück. Endlich ein Anfang.
Kleinere Auftritten folgen, aus denen "Blow", ein Live-Album, entsteht.
Sie begleitet bekannte Bands, wie die Cranberries, die Violent Femmes
oder Bob Mould als Support.
Der Durchbruch kommt 1995
mit dem zweiten Album "Oyster". Oyster ist ein wunderbares, ernsthaftes
Album mit handgemachter Rockmusik und vielen Balladen. Mit "Siren"
folgt 1997 ein nicht minder erfolgreiches Album.
Der schüchterne
Teenager mutiert zum Popstar. Und die Medien zelebrieren Heather Nova
als zerbrechliche Popfee,
aus einer scheinbar irrealen Traumwelt, die die harte Realität des
Musikgeschäfts erobert. Mit ihrem letzten Album "South"
geht sie ihren Weg weiter mit gefühlvollen, poetischen, leicht
angerockten Tönen. Gleichzeitig wird es ein Tick souliger und
poppiger als ihre vorherigen Album.
(08/2001, DENKmal) |
| Film
..-,-,-.-,.-,-.,.-,-.,.-,-,-.,.-,.-..---....,,..-,.,-...,,,......,.,.,....,.,.,. zurück zum Index |
| "Der
Kreis" - von Jafar
Panahi ...Goldener Löwe für einen Film über iranische Frauenschicksale... In seinem mutigen Film
folgt der Iraner Jafar Panahi verschiedenen Frauen seines Landes durch
ihren schwierigen
Alltag. Nicht nur thematisch, sondern auch filmtechnisch herausragend.
Dafür gab es 2000 bei den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen
Löwe.
Eine Tür, darin eine
Luke. Sie geht auf: „Ein Mädchen!“, so die Krankenschwester. Damit
nimmt das
Unglück seinen Lauf. Und wir sind in Jafar Panahis neuem Film
angekommen.
Verfolgen einen Tag im Iran. Von morgens bis abends:
Die Großmutter
weint. Ein Sohn war
erwartet worden. Die Schwägerin trifft draußen an der
Telefonzelle drei Frauen. Fragt nach Kleingeld. Die Schwägerin
zieht weiter, die Kamera bleibt. Ständig wird der Fokus des Films
von einer
Frau auf die nächste wechseln. Hektisch folgt die Kamera den
Blicken, den Schritten, den Frauen, fast wie in einem Dokumentarfilm.
Die Kamera hält
drauf. Aus einer flüchtigen Begegnung, einem kurzen Blickwechsel
wird der Sprung in einen neuen Handlungsstrang. Die alte Hauptfigur
wird kommentarlos verlassen.
Auf ihren Wegen
müssen sich diese Frauen immer wieder verstecken. Luken werden zum
Leitmotiv des Films. Durch eine Autoscheibe blicken die Frauen, durch
die Glasfenster einer Krankenhaustür, ständig in der Angst
entdeckt zu werden. In ihren Fluchten geraten sie an ihre auferlegten
Grenzen. Scheitern am Alltag, weil eine Frau ohne Mann keine
Busfahrkarte kaufen darf. Weil sie allein in kein Hotel einchecken
darf. Weil der Mann auch der
ersehnten Abtreibung zustimmen muss. Frauen im Iran sind
orientierungslos.
So, wie sie eigentlich sind, dürfen sie nicht sein. Jeder Versuch
sich allein einen Weg durch ihr Leben, zu bahnen, ist zum Scheitern
verurteilt, bringt sie in ernste Gefahr.
Das Schicksal der
weiblichen Filmfiguren scheint austauschbar - und dennoch ist die
Reihenfolge nicht beliebig. Jeder neue Charakter ist erfahrener,
abgeklärter als der Vorherige. Begonnen bei der naiven Nargess,
Blume so ihr Name, bis zur Mojgane,
die aufhört sich zu verstecken, die lieber ins Gefängnis geht
als sich zu beugen und dem System aufrecht entgegenblickt. Das bringt
sie in eine Gefängniszelle. Allein, ihren Blick gegen die Tür
gerichtet, öffnet sich dort wieder eine Luke: Der Ausgang für
uns, die Frauen bleiben zurück!
Jafar Panahi greift in
"Der Kreis" Tabu-Themen wie Prostitution oder Abtreibung auf. Kein
Wunder, dass er das Drehbuch nicht der Zensurbehörde vorlegen
wollte und allerlei Schwierigkeiten mit der Realisation des Filmes
hatte. Trotzdem, und glücklicherweise, hat es der Film in die
Kinos geschafft.
(09/2001) DENKmal |
|
"Italienisch für Anfänger"
von Lone Scherfig
Sechs verknitterte Dänen und ein Vollblutitaliener Lone Scherfigs neuer Film ist nicht nur der fünfte Dogma-Film, sondern auch der erste, der von einer Frau gedreht wurde. Dogma, das heißt: keine gestellten Szenen, keine unnötige Musik, keine zusätzliche Beleuchtung, keine oberflächlichen Handlungen. Während sich die Vorgängerfilme der männlichen Kollegen mit den Schattenseiten des Lebens auseinander gesetzt haben, widmet sich die dänische Regisseurin der Suche nach Liebe. Typisch, sollte man meinen! Doch die wacklige Handkamera zeigt mehr, geht ganz nah ran. Diese Liebesgeschichte ist alles andere als eine typische Romanze! Ein dänisches
Provinznest. Ort der Tristesse. Ein Tag gleicht dem anderen. Die
Bewohner sind im Kreislauf des Alltags gefangen. Ohne Aussicht auf
Besserung scheint jeder dazu verdammt,
immer wieder dieselben Probleme zu wälzen.
Die Protagonisten sind
drei Männer und drei Frauen, alle schon ein bisschen lädiert
vom Leben. Sie finden in einem Italienisch-Kurs der örtlichen
Volkshochschule zueinander. Sprachwitz, der ganz beiläufig
entsteht, wenn verknitterte Dänen bei einem Vollblutitaliener eine
neue Sprachmelodie üben. Sätze, die nach Fernweh klingt, nach
dem Traum von einem beschwingten Leben
und poetischer Liebe.
Da ist der cholerische
Halfinn, Leiter eines Stadion-Restaurants. Den Job ist er bald los,
statt dessen begeistert er sich nun für Friseurbesuche. Obwohl er
nie über das Haarewaschen hinaus kommt, weil Karen dort arbeitet.
Die muss sich um ihre alkohol- und krebskranke Mutter kümmern. Was
Karen nicht ahnt: sie hat noch eine Schwester. Olympia, die
tollpatschige Bäckereiangestellte. Sie wohnt zusammen mit ihrem
Vater, der ihre einzige Bezugsperson ist. Als er überraschend
stirbt, sucht sie Zuflucht beim neuen Gemeindepater Andreas. Andreas
leidet allerdings immer noch unter dem Tod seiner Frau. Und
schließlich ist da noch der impotente Hotelangestellte
Jørgen. Er ist sehr
schüchtern. Hat aber ein Auge auf die italienische Kellnerin
Giulia
geworfen. Einfältig fragt er sie, ob sie mitkommt - ausgerechnet
in den besagten Italienischkurs.
Im Verlauf der Handlung
löst sich die anfängliche Perspektivlosigkeit der Figuren.
Sie wachsen in ihrem Leiden. Das
schafft Erleichterung. Zugleich hellt sich die Grundstimmung des
Films auf. Von einer dokumentarischen Milieustudie voller isolierter
Figuren, wandelt er sich zu einer optimistischen und realistischen
Komödie.
Nach und nach finden sich die Vereinsamten im Volkshochschulkurs ein.
Dieser beschert ihnen zuletzt nicht nur ein Hobby, sondern auch ein
funktionierendes soziales Umfeld. Und damit die Hoffnung auf ein Happy
End.
(10/ 2001) DENKmal |
| "Planet
der Affen"
von Tim Burton Haarige Zukunft Durch Oberons Zauberpulver
wird die Welt der Menschen in Shakespeares "Sommernachtstraum" auf den
Kopf gestellt. Oberon, so
auch der Name der Raumstation, auf der Tim Burtons Remake "Planet der
Affen" seinen Ausgang nimmt. Die Neuververfilmung des Kult-Filmes
erzählt die alte Geschichte, angereichert mit einer Fülle an
neuen Effekten.
Die Romanvorlage des französischen Schriftstellers Pierre Boulle
von 1963 - eine Gulliver-Geschichte: Die Erde - ein Planet der Affen. Eine evolutionär verkehrte, zukünftige Welt - in der die Affen an die Macht gelangt sind. Menschen werden gejagt und zu Sklaven gemacht; sie sind der Willkür der tyrannischen Primaten ausgeliefert. Bis plötzlich ein Mann auftaucht, dem diese Rangordnung fremd ist und der von den eingespielten Unterdrückungsmechanismen unberührt bleibt. Eine Herausforderung für die Affenherrscher. Der menschliche Eindringling sorgt allein durch sein Dasein für revolutionäre Umwälzungen. Ein französischer
Journalist landet auf einem
scheinbar fremden Planeten. Die vorherrschende Zivilisation: Affen, die
Auto fahren, in Städten leben, ins Kino gehen. Die Menschen
hingegen sind Opfer medizinischer Experimente geworden. Sie sind
unfähig zu
sprechen und primitiv. Über ihre "glorreiche" Vergangenheit wissen
sie längst nichts mehr. Am Ende kann der Held, der den Wert des
menschlichen Lebens kennt, die herrschenden Affen vom Vorhandensein
einer Intelligenz beim Homo Sapiens überzeugen. Er verlässt
den Planeten mit Nova, einer der ehemaligen "Wilden".
1967 wurde der Roman von
Franklin J. Shaffner verfilmt. Charlton Heston spielte den
NASA-Astronauten George Taylor, der mit drei weiteren Astronauten
Schiffbruch auf dem scheinbar fremden Planeten erleidet. Taylor wird
gefangen genommen, kann im Versuchslabor die Aufmerksamkeit der beiden
Affen-Wissenschaftler Cornelius und Zira auf sich lenken, die ihm zur
Flucht verhelfen wollen. Schließlich macht der Astronaut eine
schreckliche Entdeckung: Er landete nicht auf einem fremden Planeten,
sondern in der Zukunft der Erde.
Die amerikanische
Verfilmung deutete den Roman neu. Aus der Gulliver-Reise wurde eine
Anklage gegen Rassendiskriminierung, Imperialismus und den Kalten
Krieg. Heston, der perfekte amerikanische Held, wurde zum Sinnbild all
dessen, an dem Amerika krankte. Die Wirkung war erstaunlich: Sammy
Davis Jr. bezeichnete den Film als beste Allegorie über
Rassenbeziehung, die er je gesehen habe. Vier Fortsetzungen folgten,
doch keine erreichte den Ruhm des Originals.
Auch bei Tim Burtons
Neuverfilmung ist der Held Leo Davidson ein Astronaut. Doch nicht mehr
ein Pionier, der das Weltall erobert, sondern schlicht Mitarbeiter
einer Raumstation im Jahr 2029. Er ist für das Flugtraining von
Schimpansen zuständig. Als
Perikles, Davidsons Lieblingsaffe als Versuchsobjekt in den Weltraum
geschickt wird, versucht er, den Affen zu retten und fliegt der
Raumkapsel hinterher. Es folgt der Absturz auf dem fremden Planeten.
Die Affenstadt von Tim
Burtons Verfilmung ist wunderbar
düster, die Affenmasken perfekt. Schwachpunkte sind eher die
menschlichen
Charaktere. Sie sind flach, glatt und leider nicht mehr stumm.
Wären
sie es doch geblieben, denn sie haben im Grunde genommen nichts zu
sagen.
Estella Warren in der Rolle der Daena agiert als attraktive blonde
Wilde
an der Seite des jungen Helden. Doch sie bleibt Störfaktor
zwischen
Leo Davidson und der "Menschenrechts-Aktivistin", der Schimpansin Ari
(Helena Bonham Carter). Ari befreit Davidson. Im unvermeidlichen
Showdown wird der Kampf um Freiheit, zwischen Affen und Menschen als
gigantische Schlacht zelebriert. Und Perikles, getreu seines Namens,
Stifter von Demokratie und Frieden, wird am Ende zur
Schlüsselfigur. Die Schlusssequenz
muss sich natürlich an der von 1968 messen lassen, die als eine
der
Schlüsselszenen des SF-Genres gilt. Sie ist bei Tim Burtons
Verfilmung
zwar monumental, aber leider absolut unverständlich.
Fazit: Viel Lärm um nichts! (08/ 2001, DENKmal) |
| "Wege
in die Nacht" von Andreas Kleinert Langweile und Lynchjustiz Nachts sind alle Katzen
grau. Scheinbar. Ohne Farbe, nur in Schwarz-Weiß-Nuancen
getaucht, ist man gezwungen genauer hinzuschauen. Sich nicht vom ersten
Schein täuschen zu lassen.
Großstadt Berlin.
Nachts auf den Straßen, in den Cafés, in den U-Bahnen sind
Menschen unterwegs. Manche hetzen, wie Getriebene, andere halten inne,
scheinbar wartend. Doch
auf was?
"Wege in die Nacht" ist
ein Film, der von solchen Menschen erzählt. Vom Stehen bleiben und
Weitergehen, vom Drinnen und Draußen und von Macht und Ohnmacht.
Er zeichnet den stillen Amoklauf eines Mannes nach, der nicht loskommt
vom gestern und nicht
ankommt im heute.
Früher war Walter
Bergkamp (Hilmar Thate) Betriebsleiter einer Fabrik in der DDR. Mit der
Wende zerbricht seine sichere Welt. Er, der aktive Leiter wird zur
Passivität der Arbeitslosigkeit verdammt. Seine Frau sorgt nun
für das Auskommen, als Kellnerin in einem Café.
Während er allein mit dem Hund zuhause oder im Garten zurück
bleibt.
Er isoliert, vergräbt
sich. Steht draußen. Stumm. Vor dem Café in dem seine Frau
arbeitet. Steht draußen bei seinem Werk, eine Ruine vor den Toren
der Stadt. Hockt in seinem Gartenhaus, wo ihm nur die Gartenarbeit
bleibt. Steht vor dem Arbeitsamt, wo er es nicht schafft sich in die
Schlange der Hilfesuchenden einzureihen.
Walter beginnt ein
Doppelleben. Nachts entflieht er der Ohnmacht. Mit René und
dessen Halbschwester Gina. Jungen Menschen, die in ihm etwas sehen, was
er zum Weiterbestehen braucht.
Die ihm Respekt zollen. Hier ist er noch wer.
In einer Welt ohne
Gerechtigkeit, sorgen sie selbst für Recht. Gehen auf Streife in
der nächtlichen U-Bahn.
Ein Farbiger wird angepöbelt, junge Pärchen belästigt.
Doch keiner hilft, traut sich aufzustehen. Darauf warten die drei,
lauern auf die Chance, eingreifen zu können.
Er ist der Anführer,
sitzt im Hintergrund, während René und Gina einschreiten.
Gewalt gebiert Gegengewalt. Mit größter Brutalität
werden die Übeltäter bestraft. Doch die Situation kulminiert.
Eines Nachts bringt Walter einen Schläger dazu, aus der fahrenden
U-Bahn zu springen, nicht durch Gewalt, sondern durch den Druck seiner
Worte, seines Willens. Das einzige Mal, dass er seine Passivität
verlässt. Und es nicht erträgt. Zu deutlich wird, dass nicht
Gerechtigkeit gefordert wurde, sondern Lynchjustiz.
Der Kontakt zur
Außenwelt bricht fast völlig ab. Seine Frau dringt kaum noch
zu ihm durch, selbst sein Verhältnis zu Gina und René
bekommt Risse. Mit einem Walkman vergräbt er sich tiefer in seine
eigene Welt, getrieben von einem wilden Trommelstakkato. Während
es ihn innerlich treibt, bleiben die Bilder des Filmes
unerträglich ruhig und langsam. Kaum auszuhalten. Der Protagonist
als Anti-Held, eine zum Scheitern verdammte tragische Figur.
Der Regisseur Andreas
Kleinert sagt über seinen Film: "Für mich war das
entscheidende Thema die Wertschätzung des Menschen. Was passiert,
wenn man nicht das Gefühl hat gebraucht zu werden, wenn man es
nicht schafft sich in der Gesellschaft irgendwo einzubringen?"
"Wege in die Nacht" war
1999 der Eröffnungsfilm der Filmfestspiele in Cannes. Mittlerweile
ist der Film auch als Video erhältlich. Der Regisseur, gehört
zu einer Generation, die
in der DDR studierte und im vereinten Deutschland zu arbeiten begann.
Doch er betont, obwohl die Handlung in Ostdeutschland spiele, gehe es
ihm
nicht um speziell ostdeutsche, sondern um "existentielle"
Probleme.
(09/2001, DENKmal) |
| "Suzhou
River" von Lou Ye ...düsteres, hypnotisches Märchen für Erwachsene... Die Geliebte stürzt
sich zu Tode. Der Liebende verfällt der besessenen Suche nach ihr.
Und findet letztendlich
eine identische Doppelgängerin. Hört sich nach Hitchcocks
"Vertigo" an, ist aber der neue Film des chinesischen Regisseurs Lou
Ye: "Suzhou
River", ein düsteres, hypnotisches Märchen für
Erwachsene.
Shanghai. Ein Fluss. Wirbelndes, strömendes Wasser. Menschen an
den Ufern, auf den Brücken, den Schiffen. Ein Ort an dem
vergessene Geschichten und Geheimnisse aufeinandertreffen. Eine Stimme aus dem Off: "Wenn
Du lange genug hinschaust, zeigt Dir der Fluss alles. Er zeigt Dir
Menschen, die arbeiten. Er zeigt Dir Freundschaft, Familien, Liebe. Und
Einsamkeit."
Diese Stimme wird für
die Zuschauer Begleiter sein. Die Kamera ist diese Stimme. Und folgt
mit Vorliebe Meimei (Zhou Xun) - der Femme Fatale im Kostüm einer
Meerjungfrau. Unter einer
blonder Perücke verborgen, wird sie in einem Nachtclub von einem
jungen Mann aufgespürt, Mardar (Jia Honhsheng). Durch diese
Begegnung
werden wir in Mardars tragische Geschichte hineingezogen:
Als Motorradkurier hatte
er sich in Moudan, die Tochter seines Chefs verliebt. Ein
Schulmädchen, mit Zöpfen. Dann aber lässt er sich auf
ein übles Geschäft ein. Hilft dabei Moudan zu entführen,
obwohl er sie liebt. Moudan reagiert drastisch auf den Betrug. Sie
flüchtet und stürzt sich vor seinen Augen in den Fluss. In
der Hand eine Meerjungfrau-Barbie. Ihre letzten Worte
- eine Drohung, oder ein Versprechen? Sie werde als Meerjungfrau
zurückkehren.
In der Frau aus der
Nachtbar, glaubt er seine verlorene
Jugendliebe wiederzufinden. Er folgt ihr, lässt nicht locker.
Meimei
gibt schließlich nach. Ein undurchsichtiges Wechselspiel beginnt.
Ist Mardars Glaube Wirklichkeit? Oder folgt er einem Phantom?
Der Regisseur Lou Ye sagt:
„In Wirklichkeit sucht der Kameramann und Erzähler
während des ganzen Films die Grenze zwischen Wahrheit und
Lüge. Doch die Grenzen sind fließend.“
(09/2001, DENKmal) |
| "Steven
Spielberg und seine Filme" von Georg Seeßlen "Ich bin nun mal nicht radikal."- Steven Spielberg Der bekannte
Filmjournalist Georg Seesslen hat sein neues Buch Steven Spielberg und
seinen Filmen gewidmet. Steven Spielberg steht für
Mainstream-Kino. Schon Klaus Theweleit erklärte uns, dass Filme
auf verschiedenen Ebenen diskutiert werden müssen. Dass die
meisten Filme Produkt einer kommerziellen Hollywoodproduktion sind, ist
nur ein Aspekt von vielen. Seesslen untersucht Spielbergs Filme daher
unter verschiedenen Gesichtspunkten: Familie, Kino, Einsamkeit,
Träumen und Erinnern, Zeichen und Wunder, Versöhnung und
Erlösung, Märchen und Wahrheit.
Seeßlen versteht es
meisterhaft und auf eine höchst spannende Weise hinter den Bildern
der scheinbar wenig rätselhaften Spielberg-Filme die Ängste,
Wünsche und Träume des modernen Menschen aufzudecken. Diese
theoretischen Konstrukte werden mit vielen Filmbildern verdeutlicht. Im
Anhang befindet sich eine ausführliche Filmographie. Das Buch
"Steven Spielberg und seine Filme" wurde jetzt vom Schüren Verlag
herausgegeben.
2.
(10/ 2001, DENKmal) |
| Kunst/-buch zurück zum Index |
| Kasimir
Malewitsch Bauklötzchen-Menschen "Farbe, Schwarz,
Weiß - das sind die drei Möglichkeiten der Farbgebung. Auf
diese Weise bin ich von
der gesamten Welt der malerischen Möglichkeiten zum Konstrukt des
Schwarz-Farbigen-Weißen gekommen und habe so die
gegenständliche Welt hinter mir gelassen, die vom Kubismus und
Futurismus segmentiert und zerstäubt worden ist."
Weiß für die
reine Wirkung der Welt. Das Farbige als das Ursprüngliche im
Gegenstandlosen. Schwarz
als der Keim des Lebens.
Als Sohn polnischer Eltern
wird Kasimir Malewitsch am 23. Februar 1878 in Kiew geboren. Er ist
Maler, Pionier, dann Lehrmeister. Als Erfinder des Suprematismus wird
er berühmt. Die Formen des
Quadrats, des Kreuzes, des Kreises gelangen bei ihm zum alleinigen
Bildinhalt. Neben der reinen Geometrie beschäftigt ihn auch
weiterhin
der Mensch. Aber was für ein Mensch! Seine Figuren sind
gesichtslose
Wesen, die wie aus Bauklötzchen zusammengebaut im Raum zu schweben
scheinen. Auch sie in geometrische Grundformen zerlegt. Farbige
Flächen,
Kegel, Trapeze, Dreiecke. Russische Bauern als Harmonien in Farbe.
Russland krempelt mit der
Februarrevolution die Gesellschaft um. Der Künstler
begrüßt diese Entwicklung. Wird zum Vorsitzenden der
Künstlerischen Abteilung des Moskauer Sowjets der
Soldatendeputierten. Doch seine Kunst ist auf Dauer mit
den neuen Idealen schwer zu vereinbaren. Schließlich erklärt
man ihn in den 30er Jahren während der politischen Umbrüche
Russlands zur "Persona non grata". El Lissitzkij beschreibt die
persönlichen Schwierigkeiten des Malerkollegen in einem Brief:
"Er altert stark und
befindet sich in einer schwierigen Lage. Im Herbst wird er ins Ausland
fahren und malt ständig Bilder, die er auszustellen beabsichtigt,
und datiert sie mit dem Jahr 1910. Eine jämmerliche
Tätigkeit. Er betreibt das alles sehr ernsthaft und glaubt fest
daran, dass es ihm gelingen wird, alle zu
täuschen."
Sein Malstil wandelt sich
zum Gegenständlichen. Er probiert es mal impressionistisch, mal
expressionistisch. Scheinbar ein Rückschritt! Eines der vielen
Rätsel, das ihn und sein Werk noch heute umgibt. Die Werke, die
nach 1933 entstehen, werden
zu einer Mischung aus Malerei der Renaissance und sozialistischem
Menschheitsbild. Im Nachhinein wird ihm das oft angelastet. Eine
Datierung seiner Gemälde ist bis heute schwierig. Kunstkritische
Deutungen seiner Arbeiten ein bleibendes Problem.
Das russische Museum in
St. Petersburg verfügt mit etwa 140 Arbeiten über die
weltweit größte Sammlung der Werke Kasimir Malewitschs -
Malereien, Zeichnungen, Architekturmodelle, Kostüme und angewandte
Kunst.
(09/ 2001, DENKmal) |
| Aufgebrochene Ideale ...Ausstellung über surreale Weiblichkeit... "Femme Fatal. Die
Unheimliche Frau. Weiblichkeit im Surrealismus" - so der Titel der
Ausstellung, die noch bis 18.
November in der Kunsthalle Bielefeld läuft. Ein Titel der
neugierig
macht! Wird hier ein Blick auf die unbekanntere Künstlerinnenszene
im Dunstkreis der Pariser Surrealisten geworfen?
Weit gefehlt! Es geht
weniger um Frauen, als um Frauenbilder. Der männliche Blick und
dessen Okkupierung von
Frauen. Die klassischen Vertreter des Surrealismus sind hier zu sehen:
André Breton, Salvador Dali, René Magritte, Francis
Picabia, Hans Bellmer oder Man Ray. Ihr Postulat: Die Kunst als rein
psychischer Automatismus, Denkdiktat ohne jede Kontrolle durch die
Vernunft, die Allgegenwart des Traums.
Und in diesem Traum
spielen Frauenfiguren eine tragende Rolle, ob als idealisiertes
Fantasieobjekt, als Traumwesen, als Inbegriff des Kindlichen. Hexe oder
Muse. Sie werden zur Personifizierung des Irrationalen.
Cindy Sherman bemerkt
heute scharfsinnig über diese Frauengestalten: "Wo immer eine
Frau auftauchte, sie war
stets wunderschön. Es war solch eine Macho-Bewegung, dass sogar
die Künstlerinnen die Frauendarstellung ihrer Kollegen
verherrlichten."
Es überrascht kaum,
dass in Bretons eigenen Betrachtungen über den Surrealismus und
die Malerei von über siebzig Einträgen nur sechs Frauen
gewidmet waren. Und es sind
nicht die Künstlerinnen, wie Meret Oppenheim, Dorothea Tanning,
Kay Sage, Leonora Carrington, Claude Cahun oder Léonor Finni.
Künstlerinnen aus dem Kreis der Surrealisten.
Léonor Fini: "...die
Mitgliedschaft war mir immer lästig, und ich erkannte eher was
mich unterschied, als das, was mich mit ihnen verband. Sie waren eher
bestrebt „fromme Anhänger“ zu finden.“
Die Arbeiten dieser
Künstlerinnen nehmen das
Frauenbild der männlichen Kollegen auf. In ihren Werken
inszenieren sie rätselhafte Selbstbildnisse, verkörpern das
Mystische. Müssen sich später emanzipieren, sich von den
Vaterfiguren lösen.
Die folgenden
Künstlerinnengenerationen behalten
die Selbstinszenierung bei, nutzen aber den männlichen Blick
bewusst
für ihre Arbeiten. Valie Export etwa provoziert in den 60er Jahren
mit ihrer Performance der „Aktionshose“, die die Scham freilässt.
Cindy
Sherman steigert den Blick auf weibliche Rollen und Körper ins
Monströse.
Spielerisch eignen sich Künstlerinnen die Freudsche Konstruktion
des
Unheimlichen an. Werden selbst unheimlich. Zeigen rohe
Körperlichkeit bis hin zu Angriffen auf die Männlichkeit.
Die Ausstellung zeigt
Vorbilder, Leitbilder und einfach viele, viele Bilder. Unter anderem
Fotos, wie Shermans "Untitled 302" von 1994. Ebenso das Foto
"Belehrender Blick in den Brustkorb"von 1944. Es zeigt eine der
Wachsfiguren der Wiener NS-Propaganda-Ausstellung
"Rassenporträts". Beide Fotos, schauen unter die Oberfläche
eines weiblichen Ideals.
(09/ 2001, DENKmal) |
| "Close
to the eyes" von Xiao Hui Gesichterweltreise... Xiao Huis
Lebensgeschichte klingt wie ein Roman: Sie wird 1957 in Tianjin, China,
geboren. Kindheit während der
Kulturrevolution. Als Tochter zweier Musiker, zählt sie zu den
"Bürgerlichen". Ihre Kindheit ist von staatlicher Überwachung
geprägt. Die Familie steht unter permanent unter Beobachtung.
Später wird sie es sein, die beobachtet. Nicht heimlich, sondern
sehr direkt:
"Im traditionell
chinesischen Denken heißt es, es sei unhöflich einem Fremden
in die Augen zu blicken. Ich schau Leute immer direkt an, wann immer
mich ein Gesicht interessiert, besonders, wenn ich zu neuen
Plätzen reise."
Die Familie rät ihr
zur Architektur, sie würde
lieber Film studieren. 1986 erhält sie eines der seltenen
Stipendien
für ein Auslandsstudium. Sie geht mit ihrem Mann Lin nach
Deutschland.
1991 gibt sie die Architektur ganz auf und widmet sich seitdem der
Fotografie.
Ein anderes Leben beginnt.
Viele Reisen. Eine wird
zum tragischen Wendepunkt. Ein Autounfall auf dem Weg nach Prag. Sie
wird
schwer verletzt, Lin, ihr Mann, "Licht ihres Lebens", stirbt! Seitdem
ist
eines ihrer Hauptthemen das Alleinsein, die Einsamkeit und die
Sehnsucht nach der Heimat. Xiao Hui fühlt sich als Chinesin in
Europa, bis sie entdeckt, dass ihre Freiheit darin liegt überall
zuhause zu sein.
Ihre Fotos erzählen
von dieser Heimat in der
Welt. Portraits von Menschen aller Kulturkreise. Jeglichen Alters.
Schwarzweiß. Sie hält Blicke fest, Blicke direkt in die
Kamera. Während sie fotografiert, hört sie den Menschen zu.
Diese Geschichten kann man auch in ihren Fotografien nachspüren.
Ihr Fotobuch "Close to the
Eyes" ist bei Prestel erschienen. 94 Portraits, von Menschen, denen sie
auf ihren Reisen
begegnet ist und ihre eigene Lebensgeschichte. Leise und
poetisch.
(09/2001, DENKmal, Nowak/ Achenbach) |
| Man
Ray Mensch-Lichtstrahl Die Fotografie. Ein
Abbild der Wirklichkeit. Was
ist zu sehen? Ein Mann. Eine Frau. Ein gedeckter Kaffeetisch. In der
Mitte
ein Kreis. Eine Linse? Durch die wir gerade sehen. Wir blicken in die
Linse
und sehen das Abbild. Ist es real? Ja und Nein. Was bleibt, ist das
Bild,
die Fotografie...
"Ich male, was nicht
fotografiert werden kann. Ich fotografiere, was ich nicht malen
möchte."
Man Ray:
Mensch-Lichtstrahl. Sein Name, selbst gewählt. So ganz anders als
sein jüdisch mittelständisch geprägtes Elternhaus in New
York. Dem entflieht er schon früh und probiert sich in
verschiedenen Berufen aus. Doch nirgendwo bleibt er lang. In dem
Moment, wo man ihn besonders lobt, ihm mehr Arbeit und mehr
Verantwortung übertragen will, da ist er schon weg, kommt
nie wieder. Er verweigert sich allen Erwartungen - seien es seine
Malerei, seine Objekte, Fotografien oder seine Filme.
Ein Maler will er sein.
Dafür geht er 1921 nach Paris. Marcel Duchamps kennt er schon aus
New York und dieser
führte ihn auch sofort in die Pariser Dada-Bewegung ein. Er
beteiligt
sich 1925 an der ersten Pariser Surrealismus-Ausstellung. Der
Surrealismus
prägt ihn und seine Werke. Seinen Ideen bleibt er bis ins hohe
Alter
treu.
Seine Pionierleistung
für die Fotografie ist
die Entdeckung der Rayographie. Sie fällt ihm durch Zufall beim
Entwickeln
anderer Fotografien zu. Dabei entstehen weiße Abbildungen von
Objekten
auf dem schwarz belichteten Papier. Gleich einer Fotografie des Wesens
der
Dinge. Immer wieder steht er vor dem Problem, dass Fotografie nicht als
eigene
Kunstgattung anerkannt wird. Und auch er selbst unterscheidet. Zwischen
künstlerischer Fotografie, die er als Kunstwerk signierte und der
Auftragsfotografie,
für die er sich schon früh reich entlohnen lässt.
Sein Pariser Atelier wird
zum Spiegelbild der Kunst-
und Intellektuellenszene der 20er und 30er Jahre. Hier treffen sich
Marcel
Duchamp, einer seiner engsten Freunde, Picasso, Braque, Max Ernst,
Salvador
Dali und Meret Oppenheim. Kiki, ungekrönte Königin und Muse
der
Künstlerclique am Montparnasse, ist seine damalige
Lebensgefährtin. Sie ist das Model seiner berühmtesten
Frauenakte. Man Ray verkehrt im Salon von Gertrude Stein und in Sylvia
Beachs Pariser Buchhandlung "Shakespeare and Company".
Einzug der deutschen
Truppen in Paris. Ein zwingender Anlass Frankreich zu verlassen und
zurück in die Staaten zu reisen. Diesmal nach Kalifornien, wo er
1946 Juliet Browner heiratet, die ihn zu zahllosen Aufnahmen
inspiriert.
Als er 1951 wieder nach
Paris zurückkehrt, widmet er sich verstärkt seiner Malerei.
Als Künstler wird er jedoch bis ins hohe Alter vor allem über
seine Fotografie definiert.
Man Ray wäre dieses Jahr 111 Jahre geworden. "Es ist mir nicht
gelungen, nicht geboren zu werden. Meine Eltern trennten sich eine
Woche nach ihrer Hochzeit
und trafen sich erst ein Jahr später zufällig wieder. Damals
haben sie beschlossen, mich in die Welt zu setzen. Seitdem ist es nicht
zu leugnen, dass ich 1890 in Philadelphia geboren wurde."
(08/ 2001, DENKmal) |
| Falsche
Fotos -
Echte Träume Denke ich an Afrika, so denke ich an... Meistens sind es
Klischees, die einem in Verbindung mit Afrika durch den Kopf gehen.
Irgendwo zwischen brüllenden Löwen vor untergehender Sonne,
verhungernden Kindern, edlen Wilden und ständigen
Bürgerkriegen, bleibt wirkliches Wissen über Afrika und
seinen Kulturen auf der Strecke. Statt die alten Mythen
zu pflegen, gibt es nun die Möglichkeit sich neuen Geschichten zu
stellen. Geschichten über die Fotografie. Sechs westafrikanische
Fotografen zeigen in der Kunsthalle Wien ihren Blick, ihren Alltag,
ihre
Geschichte.
Das liegt im Trend der
Zeit. Ausstellungen zu afrikanischer
und asiatischer zeitgenössischer Kunst boomen. So brachte das
französische
Kulturmagazin "Revue Noire" schon 1991 ein Sonderheft zum Thema
"Afrikanische
Fotografie" heraus. Seitdem sind die Abzüge von afrikanischen
Gebrauchsfotografen gesuchte Sammelobjekte.
Sechs Fotografen, unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen
Erfahrungshintergründen und Ansätzen: Seydou Keita (1923, Mali):
Keita ist der "Klassiker" der westafrikanischen Studiofotografie. In
Westafrika entsteht ein
lokaler Markt für Gruppen- und Passfotografien, die das Fotoalbum
zum Urgrund moderner Familiensagas werden lassen. Die
großformatigen Schwarzweißaufnahmen verzichten auf jedes
koloniale Dekor und huldigen einem afrikanischen Schönheitsideal:
Bekleidung und
Haartracht, Accessoires und Posen fungieren dabei als soziale Codes.
Malick Sidibé
(1936, Mali): Schwarzweiss-Fotografien der 60er und 70er Jahre. Jazz
und afro-amerikanischer Lifestyle werden in den afrikanischen
Metropolen gierig aufgesogen und ‘afrikanisiert’. Der Fotograf macht
sich die afrikanischen Nächte, ihre Partys und ihr reges Clubleben
zum Sujet. Diese zeigen ausgelassenes Treiben am Niger und stilbewusste
Teenager die stolz mit ihren amerikanischen Plattencovern posieren.
Philipp Kwame Apagya
(1958, Ghana): Kolonial geprägt waren Studiofotografien
zunächst mit bemalten Hintergründen versehen, wie drapierten
Vorhängen und klassischen Säulen. In den letzten Jahren haben
sich diese laienhaft angelegten Hintergründe stark verändert.
An Traumorten, die Werbespots entstammen könnten, möchte man
jetzt fotografiert werden. In einem Wohnzimmer mit einem HiFi-Schrank,
der nichts zu wünschen übrig lässt, in
einem schicken Büro mit Computerausstattung oder vor der Skyline
einer modernen Metropole. Man ist, was man hat! Selbst wenn es nur so
aussieht, als ob.
Bouna Medoune Seye(1956,
Senegal): Mit dokumentarischem Blick, spiegelt er seine Welt. Ganz nah,
scheint man mitten in einer afrikanischen Großstadt zu sitzen.
Dazu gehören die Bettler und Obdachlose der Reihe "Les trotoirs de
Dakar", ebenso wie "Zone
Rap" eine Serie zur Hip-Hop-Szene Dakars oder seine Video-Arbeit
"Pieds".
Dorris Haron Kasco (1966,
Elfenbeinküste): Die Außenseiters Abidjans sind das
Hauptthema des 33-jährigen Fotografen. Dem Überlebenskampf
der Straßenkinder und geistig Behinderten seiner Heimatstadt
widmete er zwei Langzeitstudien. Dabei entstanden befremdliche,
manchmal belustigende Portraits von Menschen, die frei und scheinbar
unbeobachtet durch die Großstadtstrassen streifen.
Boubacar Touré
Mandémory (1956, Senegal):
Seine Fotografien zeigen dokumentarisch einen urbanen Alltag.
Exzentrische
Perspektiven, Detailaufnahmen, Verwischungen, Serien die Bewegung und
Zeit
zu Form verfestigen. Ein angeschnittener Arm, ein Bein in Bewegung, im
Hintergrund der Blick in Straßenpanoramen.
In ihrer Heimat arbeiten
diese Fotografen oft als
"Handwerker", besonders die Studiofotografen, deren Portraitstudios
sozialer
Treffpunkt der Nachbarschaft sind. Zum Künstler ernannt, werden
sie
oft erst auf dem europäischen Kunstmarkt. Zur der
zwiespältigen Situation des afrikanischen Künstlers meint D.
H. Kasco: "Der Künstler nimmt in der afrikanischen
Gesellschaft eine Randstellung ein. Mit meinen Fotos vollbringe ich
jedoch keine künstlerische Arbeit. Ich will auch nicht als
moralisierend gelten. Ich versuche lediglich, mich mit kritischem Blick
der Gesellschaft zu nähern, in der ich lebe."
Vom 7. September bis
11.November 2001 zeigte die Kunsthalle Wien "Flash Afrique", Fotografie
aus Westafrika.
(09/2001, DENKmal) |
| Frank
Lloyd Wright: "Die Lebendige Stadt" Der Katalog "Die
Lebendige Stadt" entstand in Verbindung mit der Ausstellung, die 1998
ursprünglich für das Haupthaus des Vitra Design Museums in
Weil am Rhein konzipiert wurde. Auf 330 Seiten sind Skizzen und
Pläne, die Fotografien der gebauten Häuser und heutige
Bestandsaufnahmen zu sehen.
Es gibt zusätzlich
einen theoretischen Teil, der zum einen in die Funktionen der einzelnen
Gebäude unterteilt ist, zum anderen noch Abhandlungen über
Wrights Gesamtwerk bietet. Die Aufsätze sind von Jean-Louis Cohen,
David De Long, Michael
Desmond, David Hanks, Richard Joncas, Bruce Brooks Pfeiffer, Jack
Quinan
und herausgegeben wurde das gesamte Werk von David G. De Long beim
Skira Verlag.
1958, ein Jahr vor seinem
Tod, veröffentlichte Wright das theoretische Werk "Die lebendige
Stadt". Sie wirkt noch heute so, als ob er unserer Zeit um Dekaden
voraus gewesen wäre: suburbane Zergliederung und das Ende der
traditionellen Innenstädte. Blasengeformte Fahrzeuge auf drei
Rädern, geometrische Wohnstrukturen, Antennen und Flugobjekte aus
dem Inventar der Science-Fiction. Hubschrauber, die überall landen
können, sollten das Flugzeug ersetzen und alle Großbauten
mit einem Garten umgeben sein. Eine lebendige Stadt der besonderen Art
und nicht unumstritten. Wright hatte sie jedoch nie als Stadtplan
konzipiert, den es wirklich umzusetzen galt.
Die im Katalog beschriebene Ausstellung war 2001 im Berliner Vitra
Design Museum zu sehen. (10/2001, DENKmal) |
| Sean
Scully : Konstante Streifen Ein Mann steht am Strand.
Hinter ihm das Meer und der Horizont. Zu seinen Füßen eine
Zeichnung im Sand. Eine flüchtige Spielerei eines Kindes? Ein
Gitter aus Vertikalen und Horizontalen. Der Mann ist der Schöpfer
und hört nicht auf. Gleich noch zwei daneben. Fertig! Sichtbar nur
einen kurzen Augenblick. Bis das Wasser kommt und alles wieder
zerstört.
Der Mann, Sean Scully, ein Maler: "Man kann an einen Ort
zurückkehren, an dem man einmal gewesen ist, aber man kann nicht
an einen Ort zurückkehren und etwas auf genau dieselbe Weise
erneut tun. Man bekommt nie die Gelegenheit, etwas noch einmal zu tun,
noch nicht einmal denselben Atemzug. Sobald man es getan hat, ist es
vorbei, und irgendwie spiegelt sich das in meinem Werk. Meine Bilder
sind ein Versuch, diesen Prozeß aufzuhalten."
1945 wird Sean Scully in
Dublin geboren. Studium in London, 1975 dann die Übersiedlung in
die USA. Studiert weiter in Harvard, Massachusetts. Später
Lehrtätigkeit in Princeton. Das Licht, auf seinen Reisen nach
Marokko, Mexiko, Spanien habe ihn stark beeinflusst und inspiriert.
Die Konstante in seinem
Werk: Immer wieder Streifen! Erst einer, daneben ein zweiter, ein
dritter. Sie laufen vertikal
hinunter. Werden von horizontalen Streifen auf- und eingefangen. Bilden
Quadrate und Rechtecke. Sieht es nicht aus wie gekachelter Boden,
Parkett,
Dielen? Dann: eine Bretterwand. Wenn nur die Farben nicht wären!
Immer wieder Weiß und Schwarz. Die ganze Palette vom hellen Gelb
bis bläulichen Grau. Und dann Rot, Braun oder Gelb, zum Teil
übermalt
mit Schwarz und Weiß. Diese Schichtung generiert
Pastelltöne,
bei denen die dunkleren stärkeren Farben unter dem Weiß
hindurchscheinen. Und die Konstante: Der Streifen!
Das Motiv des Streifens
wiederholt sich nicht nur
in dem malerischen Werk dieses irischen Künstlers. Auch seine
Pastelle, Aquarelle sind von den Streifenkompositionen geprägt.
Selbst
die Fotografien, früher als Skizzen für spätere
Gemälde benutzt, werden durchzogen von geometrisch angeordneten
Farbflächen. Hier sind es vielfach Bretterwände, farbig
angelegt, durchbrochen von Türen und Fensterläden. Selbst
Landschaftsfotografien werden zur Anordnung von vertikalen Streifen:
Strand, Meer, und Himmel. 3 Streifen in 3 Farben. Wie seine Malerei.
Wiederholung überall, doch nie wird das zu Sehende gleich.
Sean Scully selbst
behauptet, seine Kunst sei ein
Ergebnis des Einflusses von Matisse, Mondrian und Rothko.
Sean Scully hat mehr als
Streifen zu bieten. Der irische Maler hat sich besonders in den letzten
10 Jahren experimentell auf Motivsuche gemacht. So konnte man in der
Sean Scully-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst eine
große Bandbreite an künstlerischen Arbeiten aus dem Zeitraum
von 1990 bis 2000 finden. Zu der Münchner Ausstellung ist beim
Richter Verlag ein reich illustrierter Katalog
erschienen. "Sean Scully. Gemälde, Pastelle, Aquarelle,
Fotografien.
1990-2000".
300 Abbildungen auf 272
Seiten. Zusätzlich Essays von Armin Zweite, Bernd Klüser,
Francisco Jarauta, Hans-Michael Herzog und Maria Müller. Scullys
Oevre, seine künstlerischen Medien und das Verhältnis zur
Zeit sind die Themen dieser theoretischen Auseinandersetzung.
(08/2001, DENKmal) |
| Sonstiges zurück zum Index |
| Buntes
mit Soße: 100 Jahre Kabarett Ein französischer
Vorspeisen-Teller steht ihm Pate, dem Namen "Kabarett": Mit
Fächern für Grünes, Buntes, Gemischtes, Pikantes und in
der Mitte Platz für die alles verbindende Soße. Diese Rolle
übernimmt der Präsentator.
Nicht Clown, nicht
Musiker, nicht Literat und doch
alles ein bisschen, nur böser, subtiler, manchmal politischer. Der
Kabarettist. Eine merkwürdige Sorte Mensch, die zwischen den
Genren agiert. Er beobachtet, zielt und trifft. Denn wehtun muss es ja.
Nicht nach billigen Effekten suchend, sondern mit Blick auf die Ursache
der Dinge. Sonst verkommt es zur gefälligen Comedy. Der laute
Nachfolger und scheinbare Konkurrent des Kabarett.
Blüht also das
Kabarett, insbesondere das politische, nur noch im Schatten der in den
Medien inszenierten "Comedians"? Sind angestammte Fernsehformate die
letzten Reservate für den
gepflegt bösen Humor? Gleich Schutzgebieten einer von Ausrottung
bedrohten Art. Das Kabarett ist tot! Hoch lebe das Kabarett!
Abgeguckt hatte man sich diese Kunstform aus Paris, wo schon 20 Jahre früher das Cabaret "Chat noir" auf dem Montmartre eröffnete. Als Geburtsstunde des deutschen Kabaretts gilt die Gründung des "Überbrettls" von Ernst von Wolzogen in Berlin am 18. Januar 1901. Dem "Überbrettl" folgte "Schall und Rauch", wo Max Reinhardt das wilhelminische Theater veralberte. In München attackierte bald darauf auch Frank Wedekind die bürgerliche Moral. Berlin und München wurden zu Hochburgen des inszenierten Humors: Otto Reutter, Claire Waldoff, Karl Valentin und Joachim Ringelnatz. Die 30er Jahre wurden zur
Bewährungsprobe für den politischen Witz, an der viele
Künstler scheiterten oder zerbrachen. Nach dem Krieg folgt die
Renaissance. Man durfte
wieder politisch sein und schöpfte aus dem Vollen. Das
Ko(m)mödchen setzt neue Maßstäbe. Günter Neumanns
"Insulaner" swingten im kalten Krieg, Wolfgang Neuss polterte zum
Wirtschaftwunder. Die
Berliner Stachelschweine und die Münchner Lach- und
Schießgesellschaft lehrten das breite Publikum bis heute, was
Kabarett sein kann.
( 09/2001, DENKmal) |
| Hans
Albers Schiffchen und Rosen Er ist blond,
blauäugig und auf ewig eine Ikone des deutschen Volksschauspiels.
Hans Philipp August Albers wird am 22. September 1891 in Hamburg-St.
Georg geboren. Hans Albers - der
Name löst sofort Assoziationen aus: Hamburg, Reeperbahn,
Schifferkneipe, blaue Strahleaugen und "Johnny, komm bald wieder..."
Die Großschlachterei
seines Vaters sollte er übernehmen. Doch Sohn Hans nimmt heimlich
Schauspielunterricht, tourt mit Wanderbühnen durch das Land. 1913
ist er wieder in Hamburg, spielt auf den großen Bühnen die
großen Rollen. Dann Berlin. Hier wird er als Komödiant, als
halsbrecherischer Allroundkünstler bekannt.
Seine ersten Rollen
erhält er beim Stummfilm, als Lebemann, Verführer oder
Hochstapler. Albers schafft es, sich vom Stummfilm zum Tonfilm zu
retten. Der Ruhm bleibt. Der ganz große Durchbruch kommt 1932 mit
den Kinofilm "F.P.1 antwortet nicht".
Machtübernahme durch
die Nationalsozialisten. Hans Albers zieht sich zurück in sein
Anwesen am Starnberger See. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin
Hansi Burg, einer Halbjüdin. Sie flieht 1938 über die Schweiz
nach London.
Josef Goebbels
"reformiert" den deutschen Film und auch Albers gerät in den
Dienst der Nazi-Propagandamaschinerie und erhält die höchsten
Gagen. Als Star spielt er in den übelsten Propagandafilmen:
"Trenck, der Pandur" (1940) und "Carl Peters" (1941) gehören dazu.
In den Drehpausen ist er in Bayern und züchtet Rosen. Abgeschirmt
vom Alltag des "Dritten Reiches".
Der Farbfilm, "Große
Freiheit Nr. 7" wird 1943 im Bombenhagel Hamburgs gedreht und
schließlich in Prag zuende gebracht. Die Story vom Seebär,
der im Tingeltangel singt und
sich um die Geliebte des toten Bruders kümmert, passt jedoch nicht
ins Nazi-Weltbild. Der Film wird verboten. Erst nach dem Krieg kommt
er ins Kino.
Kriegsende. Hansi Burg
kehrt zurück und Hans Albers spielt wieder Theater. Kritiker und
Publikum sind begeistert. Auf der Höhe seines Ruhms sucht er
Besinnung - am Starnberger See, mit der Rosenzucht. Und an langen
Abenden baut er winzige Schiffchen in Glasflaschen. Dazu lässt er
ein Tonband laufen - mit Schiffstuten und Nebelhörnern. Die
Klangkulisse des Hamburger Hafens. Sein Traum - ein Haus mit Elbblick
für den Lebensabend - wird sich nicht mehr erfüllen.
"Immer durfte ich nur
heiter siegen und heiser singen. Ich durfte nicht altern, nicht sterben
und nun ist es doch
so weit", sagt er zu seiner Lebensgefährtin. Hans Albers
stirbt
am 24. Juli 1960 in der Nähe von München. Beerdigt wird er in
Hamburg.
(09/2001, DENKmal) |
| Serviertöchter
mit brauner Würze ...wie "Maggi" das Nationalgefühl der Schweizer kittet... Von einem, der auszog das
Fürchten zu lernen.
Und die Angst in der Heimat fand. Christoph Marthaler ist der neue
Intendant
am Schauspielhaus Zürich. Als er als junger Künstler die
Schweiz
verließ, hätte er sich nie vorstellen können jemals
Intendant
eines Stadttheaters zu werden. All die Verwaltungsarbeit, die
bürokratische
Hierachie waren sein Feindbild schlechthin.
Doch auch vom
Vagabundieren könne man müde werden, so Marthaler jetzt. Und
das Angebot der Stadt Zürich
war offenbar zu gut, um es abzulehnen. Das alte plüschige
Stadttheater ist frisch renoviert - die „Schiffsbauhallen“, altes
Industriedenkmal, kamen als weitere Bühne hinzu. Nun sind
Spielstätte, Bar
und Kulturzentrum unter einem Dach.
Sein erstes Stück "Hotel Angst" hatte gestern Abend Premiere: Ein
Speisesaal auf zwei Ebenen. Von der Decke bröckelt der Putz. Eine
schimmelige Hotelhölle zwischen Alp und Traum.
Ein Hotel als Chiffre
für die Schweiz. Die Schweizer - ein Volk aus „Gemeinderäten“
und „Serviertöchtern“. Was aber hält das Land zusammen? -
„Maggi“ die braune Würze. Die Gemeinderäte schimpfen,
jammern, zetern. Über die „Diktatur der EU“, die „Ausländer“,
egal ob Inder, Türke oder Kölner. Am Stammtisch singen sie
„süßliche Heimatlieder“, oder
ertüchtigen sich mit gemeinsamer Akrobatik. Errichten
Menschenpyramiden
in Feinrippunterwäsche. Wenn es gar zu bunt wird, sind wieder
die Serviertöchter da, geben den wirren Herren Injektionen aus
Maggi-Würzflaschen. Und immer wieder findet sich die Zeit für
ein Lied, einen Tanz oder eine Slapstickeinlage. Ein bunter Abend
zwischen
Commedia dell’Arte, Musical und Clownerie.
Das Hotel - eigentlich
eine Heimstatt für Fremde. Aber die Gäste werden gequält
oder vertrieben: „Willkommen, aber wehe, wenn ihr bleibt“. Anspielungen
auf aktuelle Ereignisse,
das Anti-Ausländer-Referendum, welches an diesem Wochenende in
der Schweiz zur Abstimmung kommt. Die Freiheit bleibt den Schweizern
selbst vorbehalten.
Mit Marthalers
Rückkehr entbrennt die Frage, ob es die Heimkehr des verlorenen
Sohns ist oder des unbequemen Kosmopoliten, der der Schweiz den Spiegel
vorhalten will.
(09/2001, DENKmal) |
| "Lichtbildvortrag"
von "Shift!" ...mit dem Käfer nach Italien... Eine alte Kiste voller
Urlaubsfotos! Wie alt mögen sie sein: 15, 20 Jahre oder gar
älter? Die Farben leicht vergilbt, teils in schwarz-weiß.
Menschen, damals jung, jetzt nur noch
Erinnerung.
Fotos erzählen
Geschichten. Geschichtenerzähler beschreiben Fotos. Die wurden von
Künstlern zu einem Video-Clip verarbeitet. Das Endprodukt - ein
kleines Paket. Ein Videoband mit
zehn Kurzfilmen, ergänzt durch Faltblätter. Jeder Clip, jedes
Faltblatt eine andere Geschichte. Manche poetisch, manche abstrakt und
manche absurd.
Im Käfer gen Italien.
Aus Fotos werden Bilder, ständig in Bewegung. Zwei Männer und
eine Frau im Käfer unterwegs nach Italien. Nostalgie. Traumbilder,
die zu schwinden drohen, ineinander fließen. Aus dem Off die
Briefe von Elena an ihren
Geliebten: "Neun Jahre. Wie fremd ich mir selbst bin auf den
Bildern.
Im flatternden moosgrünen Kleid, roten Schuhen. Ein rotes Tuch
zum Abschied. Wir haben nie geredet, wie eure Reise weiterging. Als ich
fort war, und ihr allein wart mit euren Tellerchen und Becherchen. Was
aus der Zärtlichkeit wurde, die uns überwältigt hatte...
Fast jede Nacht habe ich von euch geträumt auf dieser Reise. Und
wusste beim Aufwachen nicht mehr, ob es euch wirklich gibt."
Nicht immer sind die Clips narrativ. Da wird mal ein
Foto mittels Computergrafik zur strengen Farbgrafik.Dann eine Sammlung von Dias. Jedes zeigt eine Blume, mit Datum und Ort versehen. Magnolien im Mai. Tulpen aus Lahngarten. Forsythien in Pretoria. Eine Serie
Schwarz-Weiß-Portraits, bei denen ein Kopf im anderen
verschwimmt, wurde mit abstrakten Wortfetzen versehen.
Straßenansichten in
Venedig. Ein Mann mit grauem Anzug und brauner Aktentasche. Titel der
Geschichte: "Der
Don geht" . 20 Bildern als Loop; immer zeitgenau kommentiert. Die
Kindheit des Erzählers: Der Don ist ein Teil davon? Er geht, doch
wohin?
Zum Schluss die Einsicht: "Erst viel später, an einem anderen
Ort, weit von Venedig entfernt, habe ich mich an ihn erinnert und
verstanden. Wie schön es ist, manchmal zu gehen und nach Dingen zu
sehen, die man kennt und mag. Nur um zu schauen, ob sie noch da sind
und zu hoffen, dass sie sich nicht verändert haben."
Das ganze Paket hat einen
Namen - "Lichtbildvortrag". Wie diese drögen Diaschauen damals -
nach dem Urlaub: "Ach weißt du noch!", sagt Papa und Mutter
lächelt. Die einst anonymen
Fotos greifen in den Geschichten des "Lichtbidvortag" auf kollektive
Erinnerungen zurück. An Kindheit, Eltern, Urlaub.
"Lichtbildvortrag" ist die
zwölfte Publikation der unabhängigen Berliner Zeitschrift
"Shift!", die vom Gestalten Verlag vertrieben wird.
(09/ 2001, DENKmal) |
| Vorwärts-Zurück...
Bei seinem Namen bekommen
nicht nur Tanzfans leuchtende Augen. Vielleicht springt der
52-jährige Mikhail Baryshnikov nicht mehr so hoch wie früher,
aber er ist immer noch einer der bekanntesten russischen
Balletttänzer.
1989 tritt er von der
Leitung des American Ballet Theatre zurück. Die Prinzenrollen des
klassischen Repertoires hat er ein für allemal abgestreift. Ein
klarer Schnitt. Er bricht auf zur Moderne, die er nun genauso
stilsicher interpretiert wie die
traditionellen Partien.
Er tanzt zunächst bei
Mark Morris in Brüssel. Kurz darauf gründeten sie gemeinsam
die Kompanie White Oak Dance Project. Den Namen hat sie von ihrem
Standort. Einer Plantage in Florida, die ihnen ein Mäzen als
Trainingsort zur Verfügung gestellt hat.
Beim diesjährigen
Internationalen Tanzfest in Berlin ist das White Oak Dance Project
dabei. Am 21.-23. August
2001 stellen sie dort ihre Produktion PASTForward- the influence of
the post-moderns vor. Sieben prominente Choreografen des New Yorker
Judson Dance Theater werden hier wieder in Erinnerung gerufen: Die
Gründermitglieder dieser postmodernen Tanzgruppe beginnen ihre
Arbeit 1962, in der Judson Church in Manhattan. Dabei durchbrechen sie
die Grenzen des modernen
Tanzes der 60er und 70er Jahre.
Das Stück ist also
zum Teil Geschichtsstunde, zum Teil Tanz-Projekt. "PASTForward" ist
aber auch ein Tribut an
Choreografen wie Trisha Brown, Lucinda Childs, Simone Forti, David
Gordon, Deborah Hay, Steve Paxton and Yvonne Rainer.
14 Revivals. 2 neue
Arbeiten. 8 Tänzer. Und unter den Tänzern wieder sein Name:
Bariyshnikov. Wie damals, nur anders.
(08/2001, DENKmal) |