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 3sat DENKmal









                                       




Musik ..-,-,-.-,.-,-.,.-,-.,.-,-,-.,.-,.-..---....,,..-,.,-...,,,......,.,.,....,.,.,.
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"Rally of Love" von 22 Pistepirrko 
 Zwiebelsuppe in "heavy rotation" 

22 Marienkäfer, so die deutsche Übersetzung des finnischen Namens "22 Pistepirrko". Dahinter verbirgt sich allerdings kein volkstümlicher Kinderchor, sondern der erfolgreichste finnische Rockexport seit den Leningrad Cowboys. Das neue Album "Rally of Love" kam weltweit am 1. Oktober in die Läden. Im November folgt eine Tournee durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.
Den Namen haben sie einst von einem zoologischen Buch adaptiert. Die zwei Brüder Asko und PK und Sandkastenfreund Espe gründen 1981 ihre Band. Alle drei kommen aus Utajärvi, einem klitzekleinen Dorf nahe dem Polarkreis in Finnland. Monaten voller Dunkelheit und Schneefall im Winter folgt der intensive Sommer, in dem die Sonne nie unterzugehen scheint. Das sind Extreme, die ihren Musikstil prägen.
Die Band zieht in die einzige wirkliche Stadt Finnlands, Helsinki, und findet gefallen an Surfmusik, Country und Blues. Statt finnisch, singen sie bald englisch. Der Sprachwechsel gibt ihnen nun die Möglichkeit auch außerhalb Finnlands Gehör zu finden. Dann endlich, nach 12 Jahren, gelingt 1994 mit "Rumble City, La La Land" der bedeutende, da internationale Durchbruch. Die schräge Eingängigkeit ließ das Album zu einem Hit der alternativen Charts werden. Die Band tourt durch Europa, spielt vor ausverkauften Clubs.
Den letzten Erfolg verbucht die Band 1998 mit dem Album "Eleven": Chartplatzierungen in Finnland, aber auch in Deutschland, Spanien, Tschechien, der Schweiz und in Frankreich. Für MTV macht es das unerlässlich, den Hit "Onion Soup" in die "heavy rotation" zu nehmen. Ein Zeichen für die kommerzielle Verwertbarkeit auch von guter, langsam gereifter Rockmusik. Selbst nach 20 Jahren im Geschäft ignorieren sie die gängigen Gesetze des Marktes, die vorschreiben jedes Jahr oder alle anderthalb Jahre ein Album auf den Markt zu werfen.
PK: "Wir wollen einen guten Song machen. Wenn es dann ein Hit ist, haben wir nichts dagegen. Ich würde auch all das Geld nehmen. Aber das steht nicht an erster Stelle. Denn erstmal wollen wir gute Musik machen, damit unseren Lebensunterhalt verdienen, so dass wir nichts anderes tun müssen. Aber wir sind nicht wirklich Popstars."
Das neue Album macht dort weiter, wo das Letzte aufgehört hat. "Eleven" war von Trip Hop sensibilisiertem Folk Rock erfüllt. Beim mittlerweile neunten Album "Rally for Love" handelt es sich eindeutig um Pop. Allerdings eine eigenwillige Version von Pop, gemixt mit ursprünglichem Garage Rock und moderner Elektronik.
PK: "Wir sind Pop-Fans. Wir mögen viele verschiedene Arten von Musik und benutzen sie dann. Mischen etwas mit Gefühl und Herz dazu, machen Eigenes daraus." 
 
(10/2001) 3sat/ DENKmal





"Manic Expressive" von Her Space Holiday 
 ...musikalische Reise an Bord eines Raumschiffs... 

Die Zeit ist günstig für Bands, die Pop mit elektronischen Versatzstücken koppeln. „Space Rock“ wird Marc Bianchis Musikstil von der Musikpresse genannt. Sein neues Album als "Her Space Holiday", "Manic Expressive", erscheint Mitte Oktober. Spacige Songs, chillig und damit genau richtig für einen Regentag, oder einen Abend an Bord eines Raumschiffs.
Willkommen zu einem Konzert in der Zukunft, irgendwo im All. Das Spaceship trägt uns durch ein schwirrend gluckerndes, piepsendes Universum. Der Blick aus unserer Schiffsluke auf die Erde eröffnet ein trauriges, düsteres Panorama. Der blaue Planet ist von Menschen bewohnt, die auf Glück hoffen, solange sie leben. Und die zu Gefangenen dieser Hoffnung werden:
„We all live lifes, we all must leave, some are great and some are weird, and somewhere in a trap, and somewhere in a trap...“.
Marc Bianchi war früher Mitglied erfolgreicher Hard-Core Bands, wie "Indian Summer" und "Calm". Doch er wollte seine eigene Musik machen. Sein in San Francisco gegründetes Plattenlabel "Audio Information Phenomena" wurde zur Plattform für Bands, die ihm gefielen und für Musiker, mit denen er zusammenarbeiten wollte. Sein Label wird zu schnell zu erfolgreich. Also konzentriert er sich ganz und gar auf ein eigenes Projekt. Unter einem trendigen Bandnamen realisiert er endlich seine Träume. Mit Neele - Sängerin und Partnerin.
„Sie zu einem aktiven Teil der Band zu machen, hat nicht nur der Musik, sondern auch der Beziehung geholfen. Statt uns zu entfernen, bringt uns das noch viel näher zusammen.“, beschreibt Bianchi die Zusammenarbeit.
Das im letzten Herbst veröffentlichte Album von Her Space Holiday hatte den Titel „Home is where you hang yourself“ - nicht gerade optimistisch. Jetzt erscheint die neue Produktion - „Manic Expressive“ - eine Mischung aus vielerlei Elementen: Rock, Pop, Elektronik. Ineinander verschachtelte Ebenen. Eingebettet ist das Ganze in die Atmosphäre eines klassischen Konzertes. Ein Spiel mit Erfahrungen - Stimmgemurmel oder ein kurzer leiser Applaus zum Ende. Eine Computerstimme eröffnet die CD, lädt uns ein, gibt kurze Kommentare und verabschiedet uns. 

(09/200) 3sat/ DENKmal




"Alive" von Terry Callier 
 ...im Vaterschaftsurlaub in Vergessenheit geraten... 

Die 60er. Ein amerikanischer Soul-Barde aus der boomenden Folk-Szene Chicagos. Mit 17 Jahren hat Terry Callier schon einen Plattenvertrag. In den 70ern mischt er erfolgreich in der Chicagoer Soul-Szene mit. Eine Karriere zeichnet sich ab...
Dann der Schnitt: „Ich verließ die Musikszene 1983, um mich ganz der Erziehung meiner Tochter widmen zu können, mit der Aufmerksamkeit, die sie verdiente. Die Gitarre gespielt habe ich immer noch daheim und zwischen 1983 und 1991 habe ich vielleicht noch sechs oder achtmal Auftritte vor Publikum gehabt.“
Die anfänglichen Anrufe anderer Musiker und der Plattenlabels werden seltener. Schließlich gerät Callier in Vergessenheit. Er arbeitet Vollzeit als Computerprogrammierer an der Universität von Chicago.
Szenenwechsel: 1992, London. Der Remix seines Songs "I don’t want to see myself (without you)", wird ein Hit in den Londoner Clubs. Nach fast einer Dekade der Abwesenheit von der Musikszene, ist er mühelos zurück. Seine alten Platten werden wiederentdeckt. Sein Kultstatus in der britischen Acid-Jazz-Szene, und die Fürsprache ihres Masterminds Gilles Peterson, bescheren ihm 14 Jahre nach seinem letzten musikalischen Lebenszeichen wieder einen Plattenvertrag bei einem großen Label. Niemand ist darüber erstaunter, als der alte Meister selbst. Es folgen Live-Gigs, Musikfestivals und mehrere Platten.
Im April 2001 erschien Terry Calliers Album "Alive". Es ist eine Sammlung von Live Material, aufgenommen in einem Londoner Café. Darunter drei brandneue Songs. Ein Meisterwerk! Die Mischung aus Folk, Blues und Jazz sorgt für eine atmosphärische Intensität, wie sie viele der Jungen so wohl nicht hinbekommen dürften! 
 
(09/ 2001) 3sat/ DENKmal




"2001: a worldbeat odyssey" von den Dissidenten 
Überall ein bisschen 

Die Dissidenten gibt es schon seit 20 Jahren. Sie haben weltweit mehrere Millionen Platten verkauft. Doch hier in Deutschland werden sie immer noch zum subkulturellen Untergrund gezählt. Warum, weiss keiner so genau...
Friedo Josch, Marlon Klein und Uve Müllric waren in den 70ern Teile der Band Embryo. Seit den 80ern sind sie allein ein Ganzes. Sie sind weltweit unterwegs und dort, wo sie sind, bleiben sie ein bisschen und greifen lokale Musik auf. Arbeiten mit Künstlern vor Ort, egal, ob in Indien, Marokko oder sonstwo auf der Welt.
Vielleicht werden sie deshalb so gerne in die Abteilung Weltmusik gesteckt. Und Weltmusik kann ja gar nicht erfolgreich sein. Sagt man zumindestens. Dennoch sind sie in anderen Ländern längst gefeierte Stars. Wie in Spanien, wo sie vor 250.000 Zuschauern gespielt haben. Aber um Popularität geht es ihnen ja auch nicht. Die Fans, die sie haben, sind ihnen treu.
Nach 20 Jahren gäbe es woanders ein großes Bandjubiläum. Doch statt eines "Best of"-Albums verlassen sie sich auf die musikalische Kreativität von ausgewählten Freunden. So haben sie DJ’s und Musiker der internationalen Clubszene gebeten, ihre persönlichen Lieblingstracks neu aufzumischen und umzuarbeiten. Mit dabei: Badmarsh, Slop Shop, Shantel, Lemongrass, Lelonek, Simbad, Kulisch & Vana, Andreas Leifeld, Thomas Kessler und Path of Rhythm alias Marlon Klein.
Das Ergebnis ist eine neue CD der Band, die in diesem Fall lediglich das Ausgangsmaterial lieferte. 10 neu abgemischte alte Songs aus 20 kreativen Jahren. 2001: a worldbeat odyssey, ist bei Exil Music erschienen.  

(08/ 2001, DENKmal)




Heather Nova 
Vom Hippie-Mädchen zum Popstar 

"Jeder Song von mir ist eine Stimmung, die ich einmal durchlebt, ein Gefühl, das ich einmal gehabt habe. Diese Gefühle hat jeder, und es scheint viele Menschen zu geben, die meine Art, Gefühle in Songs auszudrücken, nachvollziehen können."
Gefühle dominieren Heather Novas Lieder. Etwa die Sehnsucht geliebt zu werden oder Liebe zu schenken. Die Angst sich in den eigenen Fantasien zu verlieren. Man wird ganz nah ran gelassen - scheinbar bis ins Innerste.
"Meine Songs sind extrem persönlich, und ich habe sie ursprünglich nur veröffentlicht, weil sie Teil meiner Selbsttherapie waren."
Vielleicht kein Wunder bei ihrer Biografie. 1968 auf den Bermudas geboren. Eine Kindheit als Hippie-Märchen: Kaum ist sie 7 Jahre alt, beschließen ihre Eltern auf einem selbstgebauten Segelschiff über die Meere der Welt zu schippern. Dort hat sie viel Zeit. Zeit, die Musik ihrer Eltern kennen zu lernen. Die reicht von den Beatles und den Rolling Stones über Van Morrison, Neil Young bis hin zu Velvet Underground. Dann mit 15 - Abbruch des Nomadenlebens, damit sie eine Schulbildung erhält. Kontaktscheu, durch das lange Reisen, findet der Teenager keinen Anschluss. Von der Einsamkeit der Meere in die Außenseiterrolle. Die Folge ist, dass sie sich verstärkt der Musik widmet und mit dem Schreiben eigener Songs beginnt.
Das anschließende Film- und Malerei-Studium gibt sie für ihre Musik bald auf. Zuerst versucht Heather Nova ihr Glück bei einer Plattenfirma in New York, doch dann entscheidet sie sich ganz wegzugehen. Nach London. Dort lernt 1993 den Ex-Killing-Joke-Gitarristen Youth kennen und mit ihm kommen die Kontakte zu Plattenfirmen. Das erste Album wird "Glow Stars". In einer Auflage von 5000 Stück. Endlich ein Anfang. Kleinere Auftritten folgen, aus denen "Blow", ein Live-Album, entsteht. Sie begleitet bekannte Bands, wie die Cranberries, die Violent Femmes oder Bob Mould als Support.
Der Durchbruch kommt 1995 mit dem zweiten Album "Oyster". Oyster ist ein wunderbares, ernsthaftes Album mit handgemachter Rockmusik und vielen Balladen. Mit "Siren" folgt 1997 ein nicht minder erfolgreiches Album.
Der schüchterne Teenager mutiert zum Popstar. Und die Medien zelebrieren Heather Nova als zerbrechliche Popfee, aus einer scheinbar irrealen Traumwelt, die die harte Realität des Musikgeschäfts erobert. Mit ihrem letzten Album "South" geht sie ihren Weg weiter mit gefühlvollen, poetischen, leicht angerockten Tönen. Gleichzeitig wird es ein Tick souliger und poppiger als ihre vorherigen Album. 
 
(08/2001, DENKmal)







Film ..-,-,-.-,.-,-.,.-,-.,.-,-,-.,.-,.-..---....,,..-,.,-...,,,......,.,.,....,.,.,.
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"Der Kreis" - von Jafar Panahi 
 ...Goldener Löwe für einen Film über iranische Frauenschicksale... 

In seinem mutigen Film folgt der Iraner Jafar Panahi verschiedenen Frauen seines Landes durch ihren schwierigen Alltag. Nicht nur thematisch, sondern auch filmtechnisch herausragend. Dafür gab es 2000 bei den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwe.
Eine Tür, darin eine Luke. Sie geht auf: „Ein Mädchen!“, so die Krankenschwester. Damit nimmt das Unglück seinen Lauf. Und wir sind in Jafar Panahis neuem Film angekommen. Verfolgen einen Tag im Iran. Von morgens bis abends:
Die Großmutter weint. Ein Sohn war erwartet worden. Die Schwägerin trifft draußen an der Telefonzelle drei Frauen. Fragt nach Kleingeld. Die Schwägerin zieht weiter, die Kamera bleibt. Ständig wird der Fokus des Films von einer Frau auf die nächste wechseln. Hektisch folgt die Kamera den Blicken, den Schritten, den Frauen, fast wie in einem Dokumentarfilm.
Die Kamera hält drauf. Aus einer flüchtigen Begegnung, einem kurzen Blickwechsel wird der Sprung in einen neuen Handlungsstrang. Die alte Hauptfigur wird kommentarlos verlassen.
Auf ihren Wegen müssen sich diese Frauen immer wieder verstecken. Luken werden zum Leitmotiv des Films. Durch eine Autoscheibe blicken die Frauen, durch die Glasfenster einer Krankenhaustür, ständig in der Angst entdeckt zu werden. In ihren Fluchten geraten sie an ihre auferlegten Grenzen. Scheitern am Alltag, weil eine Frau ohne Mann keine Busfahrkarte kaufen darf. Weil sie allein in kein Hotel einchecken darf. Weil der Mann auch der ersehnten Abtreibung zustimmen muss. Frauen im Iran sind orientierungslos. So, wie sie eigentlich sind, dürfen sie nicht sein. Jeder Versuch sich allein einen Weg durch ihr Leben, zu bahnen, ist zum Scheitern verurteilt, bringt sie in ernste Gefahr.
Das Schicksal der weiblichen Filmfiguren scheint austauschbar - und dennoch ist die Reihenfolge nicht beliebig. Jeder neue Charakter ist erfahrener, abgeklärter als der Vorherige. Begonnen bei der naiven Nargess, Blume so ihr Name, bis zur Mojgane, die aufhört sich zu verstecken, die lieber ins Gefängnis geht als sich zu beugen und dem System aufrecht entgegenblickt. Das bringt sie in eine Gefängniszelle. Allein, ihren Blick gegen die Tür gerichtet, öffnet sich dort wieder eine Luke: Der Ausgang für uns, die Frauen bleiben zurück!
Jafar Panahi greift in "Der Kreis" Tabu-Themen wie Prostitution oder Abtreibung auf. Kein Wunder, dass er das Drehbuch nicht der Zensurbehörde vorlegen wollte und allerlei Schwierigkeiten mit der Realisation des Filmes hatte. Trotzdem, und glücklicherweise, hat es der Film in die Kinos geschafft. 
 
(09/2001) DENKmal




"Italienisch für Anfänger" von Lone Scherfig 
 Sechs verknitterte Dänen und ein Vollblutitaliener

Lone Scherfigs neuer Film ist nicht nur der fünfte Dogma-Film, sondern auch der erste, der von einer Frau gedreht wurde. Dogma, das heißt: keine gestellten Szenen, keine unnötige Musik, keine zusätzliche Beleuchtung, keine oberflächlichen Handlungen. Während sich die Vorgängerfilme der männlichen Kollegen mit den Schattenseiten des Lebens auseinander gesetzt haben, widmet sich die dänische Regisseurin der Suche nach Liebe. Typisch, sollte man meinen! Doch die wacklige Handkamera zeigt mehr, geht ganz nah ran. Diese Liebesgeschichte ist alles andere als eine typische Romanze!
Ein dänisches Provinznest. Ort der Tristesse. Ein Tag gleicht dem anderen. Die Bewohner sind im Kreislauf des Alltags gefangen. Ohne Aussicht auf Besserung scheint jeder dazu verdammt, immer wieder dieselben Probleme zu wälzen.
Die Protagonisten sind drei Männer und drei Frauen, alle schon ein bisschen lädiert vom Leben. Sie finden in einem Italienisch-Kurs der örtlichen Volkshochschule zueinander. Sprachwitz, der ganz beiläufig entsteht, wenn verknitterte Dänen bei einem Vollblutitaliener eine neue Sprachmelodie üben. Sätze, die nach Fernweh klingt, nach dem Traum von einem beschwingten Leben und poetischer Liebe.
Da ist der cholerische Halfinn, Leiter eines Stadion-Restaurants. Den Job ist er bald los, statt dessen begeistert er sich nun für Friseurbesuche. Obwohl er nie über das Haarewaschen hinaus kommt, weil Karen dort arbeitet. Die muss sich um ihre alkohol- und krebskranke Mutter kümmern. Was Karen nicht ahnt: sie hat noch eine Schwester. Olympia, die tollpatschige Bäckereiangestellte. Sie wohnt zusammen mit ihrem Vater, der ihre einzige Bezugsperson ist. Als er überraschend stirbt, sucht sie Zuflucht beim neuen Gemeindepater Andreas. Andreas leidet allerdings immer noch unter dem Tod seiner Frau. Und schließlich ist da noch der impotente Hotelangestellte Jørgen. Er ist sehr schüchtern. Hat aber ein Auge auf die italienische Kellnerin Giulia geworfen. Einfältig fragt er sie, ob sie mitkommt - ausgerechnet in den besagten Italienischkurs.
Im Verlauf der Handlung löst sich die anfängliche Perspektivlosigkeit der Figuren. Sie wachsen in ihrem Leiden. Das schafft Erleichterung. Zugleich hellt sich die Grundstimmung des Films auf. Von einer dokumentarischen Milieustudie voller isolierter Figuren, wandelt er sich zu einer optimistischen und realistischen Komödie. Nach und nach finden sich die Vereinsamten im Volkshochschulkurs ein. Dieser beschert ihnen zuletzt nicht nur ein Hobby, sondern auch ein funktionierendes soziales Umfeld. Und damit die Hoffnung auf ein Happy End. 
 
(10/ 2001) DENKmal




"Planet der Affen" von Tim Burton 
Haarige Zukunft 
 
Durch Oberons Zauberpulver wird die Welt der Menschen in Shakespeares "Sommernachtstraum" auf den Kopf gestellt. Oberon, so auch der Name der Raumstation, auf der Tim Burtons Remake "Planet der Affen" seinen Ausgang nimmt. Die Neuververfilmung des Kult-Filmes erzählt die alte Geschichte, angereichert mit einer Fülle an neuen Effekten.
Die Erde - ein Planet der Affen. Eine evolutionär verkehrte, zukünftige Welt - in der die Affen an die Macht gelangt sind. Menschen werden gejagt und zu Sklaven gemacht; sie sind der Willkür der tyrannischen Primaten ausgeliefert. Bis plötzlich ein Mann auftaucht, dem diese Rangordnung fremd ist und der von den eingespielten Unterdrückungsmechanismen unberührt bleibt. Eine Herausforderung für die Affenherrscher. Der menschliche Eindringling sorgt allein durch sein Dasein für revolutionäre Umwälzungen.
Die Romanvorlage des französischen Schriftstellers Pierre Boulle von 1963 - eine Gulliver-Geschichte:
Ein französischer Journalist landet auf einem scheinbar fremden Planeten. Die vorherrschende Zivilisation: Affen, die Auto fahren, in Städten leben, ins Kino gehen. Die Menschen hingegen sind Opfer medizinischer Experimente geworden. Sie sind unfähig zu sprechen und primitiv. Über ihre "glorreiche" Vergangenheit wissen sie längst nichts mehr. Am Ende kann der Held, der den Wert des menschlichen Lebens kennt, die herrschenden Affen vom Vorhandensein einer Intelligenz beim Homo Sapiens überzeugen. Er verlässt den Planeten mit Nova, einer der ehemaligen "Wilden".
1967 wurde der Roman von Franklin J. Shaffner verfilmt. Charlton Heston spielte den NASA-Astronauten George Taylor, der mit drei weiteren Astronauten Schiffbruch auf dem scheinbar fremden Planeten erleidet. Taylor wird gefangen genommen, kann im Versuchslabor die Aufmerksamkeit der beiden Affen-Wissenschaftler Cornelius und Zira auf sich lenken, die ihm zur Flucht verhelfen wollen. Schließlich macht der Astronaut eine schreckliche Entdeckung: Er landete nicht auf einem fremden Planeten, sondern in der Zukunft der Erde.
Die amerikanische Verfilmung deutete den Roman neu. Aus der Gulliver-Reise wurde eine Anklage gegen Rassendiskriminierung, Imperialismus und den Kalten Krieg. Heston, der perfekte amerikanische Held, wurde zum Sinnbild all dessen, an dem Amerika krankte. Die Wirkung war erstaunlich: Sammy Davis Jr. bezeichnete den Film als beste Allegorie über Rassenbeziehung, die er je gesehen habe. Vier Fortsetzungen folgten, doch keine erreichte den Ruhm des Originals.
Auch bei Tim Burtons Neuverfilmung ist der Held Leo Davidson ein Astronaut. Doch nicht mehr ein Pionier, der das Weltall erobert, sondern schlicht Mitarbeiter einer Raumstation im Jahr 2029. Er ist für das Flugtraining von Schimpansen zuständig. Als Perikles, Davidsons Lieblingsaffe als Versuchsobjekt in den Weltraum geschickt wird, versucht er, den Affen zu retten und fliegt der Raumkapsel hinterher. Es folgt der Absturz auf dem fremden Planeten.
Die Affenstadt von Tim Burtons Verfilmung ist wunderbar düster, die Affenmasken perfekt. Schwachpunkte sind eher die menschlichen Charaktere. Sie sind flach, glatt und leider nicht mehr stumm. Wären sie es doch geblieben, denn sie haben im Grunde genommen nichts zu sagen. Estella Warren in der Rolle der Daena agiert als attraktive blonde Wilde an der Seite des jungen Helden. Doch sie bleibt Störfaktor zwischen Leo Davidson und der "Menschenrechts-Aktivistin", der Schimpansin Ari (Helena Bonham Carter). Ari befreit Davidson. Im unvermeidlichen Showdown wird der Kampf um Freiheit, zwischen Affen und Menschen als gigantische Schlacht zelebriert. Und Perikles, getreu seines Namens, Stifter von Demokratie und Frieden, wird am Ende zur Schlüsselfigur. Die Schlusssequenz muss sich natürlich an der von 1968 messen lassen, die als eine der Schlüsselszenen des SF-Genres gilt. Sie ist bei Tim Burtons Verfilmung zwar monumental, aber leider absolut unverständlich.
Fazit: Viel Lärm um nichts!  

(08/ 2001, DENKmal)




"Wege in die Nacht" von Andreas Kleinert 
 Langweile und Lynchjustiz 

Nachts sind alle Katzen grau. Scheinbar. Ohne Farbe, nur in Schwarz-Weiß-Nuancen getaucht, ist man gezwungen genauer hinzuschauen. Sich nicht vom ersten Schein täuschen zu lassen.
Großstadt Berlin. Nachts auf den Straßen, in den Cafés, in den U-Bahnen sind Menschen unterwegs. Manche hetzen, wie Getriebene, andere halten inne, scheinbar wartend. Doch auf was?
"Wege in die Nacht" ist ein Film, der von solchen Menschen erzählt. Vom Stehen bleiben und Weitergehen, vom Drinnen und Draußen und von Macht und Ohnmacht. Er zeichnet den stillen Amoklauf eines Mannes nach, der nicht loskommt vom gestern und nicht ankommt im heute.
Früher war Walter Bergkamp (Hilmar Thate) Betriebsleiter einer Fabrik in der DDR. Mit der Wende zerbricht seine sichere Welt. Er, der aktive Leiter wird zur Passivität der Arbeitslosigkeit verdammt. Seine Frau sorgt nun für das Auskommen, als Kellnerin in einem Café. Während er allein mit dem Hund zuhause oder im Garten zurück bleibt.
Er isoliert, vergräbt sich. Steht draußen. Stumm. Vor dem Café in dem seine Frau arbeitet. Steht draußen bei seinem Werk, eine Ruine vor den Toren der Stadt. Hockt in seinem Gartenhaus, wo ihm nur die Gartenarbeit bleibt. Steht vor dem Arbeitsamt, wo er es nicht schafft sich in die Schlange der Hilfesuchenden einzureihen.
Walter beginnt ein Doppelleben. Nachts entflieht er der Ohnmacht. Mit René und dessen Halbschwester Gina. Jungen Menschen, die in ihm etwas sehen, was er zum Weiterbestehen braucht. Die ihm Respekt zollen. Hier ist er noch wer.
In einer Welt ohne Gerechtigkeit, sorgen sie selbst für Recht. Gehen auf Streife in der nächtlichen U-Bahn. Ein Farbiger wird angepöbelt, junge Pärchen belästigt. Doch keiner hilft, traut sich aufzustehen. Darauf warten die drei, lauern auf die Chance, eingreifen zu können.
Er ist der Anführer, sitzt im Hintergrund, während René und Gina einschreiten. Gewalt gebiert Gegengewalt. Mit größter Brutalität werden die Übeltäter bestraft. Doch die Situation kulminiert. Eines Nachts bringt Walter einen Schläger dazu, aus der fahrenden U-Bahn zu springen, nicht durch Gewalt, sondern durch den Druck seiner Worte, seines Willens. Das einzige Mal, dass er seine Passivität verlässt. Und es nicht erträgt. Zu deutlich wird, dass nicht Gerechtigkeit gefordert wurde, sondern Lynchjustiz.
Der Kontakt zur Außenwelt bricht fast völlig ab. Seine Frau dringt kaum noch zu ihm durch, selbst sein Verhältnis zu Gina und René bekommt Risse. Mit einem Walkman vergräbt er sich tiefer in seine eigene Welt, getrieben von einem wilden Trommelstakkato. Während es ihn innerlich treibt, bleiben die Bilder des Filmes unerträglich ruhig und langsam. Kaum auszuhalten. Der Protagonist als Anti-Held, eine zum Scheitern verdammte tragische Figur.
Der Regisseur Andreas Kleinert sagt über seinen Film: "Für mich war das entscheidende Thema die Wertschätzung des Menschen. Was passiert, wenn man nicht das Gefühl hat gebraucht zu werden, wenn man es nicht schafft sich in der Gesellschaft irgendwo einzubringen?"
"Wege in die Nacht" war 1999 der Eröffnungsfilm der Filmfestspiele in Cannes. Mittlerweile ist der Film auch als Video erhältlich. Der Regisseur, gehört zu einer Generation, die in der DDR studierte und im vereinten Deutschland zu arbeiten begann. Doch er betont, obwohl die Handlung in Ostdeutschland spiele, gehe es ihm nicht um speziell ostdeutsche, sondern um "existentielle" Probleme. 

(09/2001, DENKmal)




"Suzhou River" von Lou Ye 
...düsteres, hypnotisches Märchen für Erwachsene... 
 
Die Geliebte stürzt sich zu Tode. Der Liebende verfällt der besessenen Suche nach ihr. Und findet letztendlich eine identische Doppelgängerin. Hört sich nach Hitchcocks "Vertigo" an, ist aber der neue Film des chinesischen Regisseurs Lou Ye: "Suzhou River", ein düsteres, hypnotisches Märchen für Erwachsene.
Shanghai. Ein Fluss. Wirbelndes, strömendes Wasser. Menschen an den Ufern, auf den Brücken, den Schiffen. Ein Ort an dem vergessene Geschichten und Geheimnisse aufeinandertreffen.
Eine Stimme aus dem Off: "Wenn Du lange genug hinschaust, zeigt Dir der Fluss alles. Er zeigt Dir Menschen, die arbeiten. Er zeigt Dir Freundschaft, Familien, Liebe. Und Einsamkeit."
Diese Stimme wird für die Zuschauer Begleiter sein. Die Kamera ist diese Stimme. Und folgt mit Vorliebe Meimei (Zhou Xun) - der Femme Fatale im Kostüm einer Meerjungfrau. Unter einer blonder Perücke verborgen, wird sie in einem Nachtclub von einem jungen Mann aufgespürt, Mardar (Jia Honhsheng). Durch diese Begegnung werden wir in Mardars tragische Geschichte hineingezogen:
Als Motorradkurier hatte er sich in Moudan, die Tochter seines Chefs verliebt. Ein Schulmädchen, mit Zöpfen. Dann aber lässt er sich auf ein übles Geschäft ein. Hilft dabei Moudan zu entführen, obwohl er sie liebt. Moudan reagiert drastisch auf den Betrug. Sie flüchtet und stürzt sich vor seinen Augen in den Fluss. In der Hand eine Meerjungfrau-Barbie. Ihre letzten Worte - eine Drohung, oder ein Versprechen? Sie werde als Meerjungfrau zurückkehren.
In der Frau aus der Nachtbar, glaubt er seine verlorene Jugendliebe wiederzufinden. Er folgt ihr, lässt nicht locker. Meimei gibt schließlich nach. Ein undurchsichtiges Wechselspiel beginnt. Ist Mardars Glaube Wirklichkeit? Oder folgt er einem Phantom?
Der Regisseur Lou Ye sagt: „In Wirklichkeit sucht der Kameramann und Erzähler während des ganzen Films die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge. Doch die Grenzen sind fließend.“ 
 
 (09/2001, DENKmal)
 
 


"Steven Spielberg und seine Filme" von Georg Seeßlen
"Ich bin nun mal nicht radikal."
- Steven Spielberg

Der bekannte Filmjournalist Georg Seesslen hat sein neues Buch Steven Spielberg und seinen Filmen gewidmet. Steven Spielberg steht für Mainstream-Kino. Schon Klaus Theweleit erklärte uns, dass Filme auf verschiedenen Ebenen diskutiert werden müssen. Dass die meisten Filme Produkt einer kommerziellen Hollywoodproduktion sind, ist nur ein Aspekt von vielen. Seesslen untersucht Spielbergs Filme daher unter verschiedenen Gesichtspunkten: Familie, Kino, Einsamkeit, Träumen und Erinnern, Zeichen und Wunder, Versöhnung und Erlösung, Märchen und Wahrheit.
Seeßlen versteht es meisterhaft und auf eine höchst spannende Weise hinter den Bildern der scheinbar wenig rätselhaften Spielberg-Filme die Ängste, Wünsche und Träume des modernen Menschen aufzudecken. Diese theoretischen Konstrukte werden mit vielen Filmbildern verdeutlicht. Im Anhang befindet sich eine ausführliche Filmographie. Das Buch "Steven Spielberg und seine Filme" wurde jetzt vom Schüren Verlag herausgegeben. 2.

(10/ 2001, DENKmal)






Kunst/-buch
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Kasimir Malewitsch 
Bauklötzchen-Menschen 
   
"Farbe, Schwarz, Weiß - das sind die drei Möglichkeiten der Farbgebung. Auf diese Weise bin ich von der gesamten Welt der malerischen Möglichkeiten zum Konstrukt des Schwarz-Farbigen-Weißen gekommen und habe so die gegenständliche Welt hinter mir gelassen, die vom Kubismus und Futurismus segmentiert und zerstäubt worden ist."
Weiß für die reine Wirkung der Welt. Das Farbige als das Ursprüngliche im Gegenstandlosen. Schwarz als der Keim des Lebens.
Als Sohn polnischer Eltern wird Kasimir Malewitsch am 23. Februar 1878 in Kiew geboren. Er ist Maler, Pionier, dann Lehrmeister. Als Erfinder des Suprematismus wird er berühmt. Die Formen des Quadrats, des Kreuzes, des Kreises gelangen bei ihm zum alleinigen Bildinhalt. Neben der reinen Geometrie beschäftigt ihn auch weiterhin der Mensch. Aber was für ein Mensch! Seine Figuren sind gesichtslose Wesen, die wie aus Bauklötzchen zusammengebaut im Raum zu schweben scheinen. Auch sie in geometrische Grundformen zerlegt. Farbige Flächen, Kegel, Trapeze, Dreiecke. Russische Bauern als Harmonien in Farbe.
Russland krempelt mit der Februarrevolution die Gesellschaft um. Der Künstler begrüßt diese Entwicklung. Wird zum Vorsitzenden der Künstlerischen Abteilung des Moskauer Sowjets der Soldatendeputierten. Doch seine Kunst ist auf Dauer mit den neuen Idealen schwer zu vereinbaren. Schließlich erklärt man ihn in den 30er Jahren während der politischen Umbrüche Russlands zur "Persona non grata". El Lissitzkij beschreibt die persönlichen Schwierigkeiten des Malerkollegen in einem Brief:
"Er altert stark und befindet sich in einer schwierigen Lage. Im Herbst wird er ins Ausland fahren und malt ständig Bilder, die er auszustellen beabsichtigt, und datiert sie mit dem Jahr 1910. Eine jämmerliche Tätigkeit. Er betreibt das alles sehr ernsthaft und glaubt fest daran, dass es ihm gelingen wird, alle zu täuschen."
Sein Malstil wandelt sich zum Gegenständlichen. Er probiert es mal impressionistisch, mal expressionistisch. Scheinbar ein Rückschritt! Eines der vielen Rätsel, das ihn und sein Werk noch heute umgibt. Die Werke, die nach 1933 entstehen, werden zu einer Mischung aus Malerei der Renaissance und sozialistischem Menschheitsbild. Im Nachhinein wird ihm das oft angelastet. Eine Datierung seiner Gemälde ist bis heute schwierig. Kunstkritische Deutungen seiner Arbeiten ein bleibendes Problem.
Das russische Museum in St. Petersburg verfügt mit etwa 140 Arbeiten über die weltweit größte Sammlung der Werke Kasimir Malewitschs - Malereien, Zeichnungen, Architekturmodelle, Kostüme und angewandte Kunst. 
 
(09/ 2001, DENKmal)




Aufgebrochene Ideale 
...Ausstellung über surreale Weiblichkeit...

"Femme Fatal. Die Unheimliche Frau. Weiblichkeit im Surrealismus" - so der Titel der Ausstellung, die noch bis 18. November in der Kunsthalle Bielefeld läuft. Ein Titel der neugierig macht! Wird hier ein Blick auf die unbekanntere Künstlerinnenszene im Dunstkreis der Pariser Surrealisten geworfen?
Weit gefehlt! Es geht weniger um Frauen, als um Frauenbilder. Der männliche Blick und dessen Okkupierung von Frauen. Die klassischen Vertreter des Surrealismus sind hier zu sehen: André Breton, Salvador Dali, René Magritte, Francis Picabia, Hans Bellmer oder Man Ray. Ihr Postulat: Die Kunst als rein psychischer Automatismus, Denkdiktat ohne jede Kontrolle durch die Vernunft, die Allgegenwart des Traums.
Und in diesem Traum spielen Frauenfiguren eine tragende Rolle, ob als idealisiertes Fantasieobjekt, als Traumwesen, als Inbegriff des Kindlichen. Hexe oder Muse. Sie werden zur Personifizierung des Irrationalen.
Cindy Sherman bemerkt heute scharfsinnig über diese Frauengestalten: "Wo immer eine Frau auftauchte, sie war stets wunderschön. Es war solch eine Macho-Bewegung, dass sogar die Künstlerinnen die Frauendarstellung ihrer Kollegen verherrlichten."
Es überrascht kaum, dass in Bretons eigenen Betrachtungen über den Surrealismus und die Malerei von über siebzig Einträgen nur sechs Frauen gewidmet waren. Und es sind nicht die Künstlerinnen, wie Meret Oppenheim, Dorothea Tanning, Kay Sage, Leonora Carrington, Claude Cahun oder Léonor Finni. Künstlerinnen aus dem Kreis der Surrealisten.
Léonor Fini: "...die Mitgliedschaft war mir immer lästig, und ich erkannte eher was mich unterschied, als das, was mich mit ihnen verband. Sie waren eher bestrebt „fromme Anhänger“ zu finden.“
Die Arbeiten dieser Künstlerinnen nehmen das Frauenbild der männlichen Kollegen auf. In ihren Werken inszenieren sie rätselhafte Selbstbildnisse, verkörpern das Mystische. Müssen sich später emanzipieren, sich von den Vaterfiguren lösen.
Die folgenden Künstlerinnengenerationen behalten die Selbstinszenierung bei, nutzen aber den männlichen Blick bewusst für ihre Arbeiten. Valie Export etwa provoziert in den 60er Jahren mit ihrer Performance der „Aktionshose“, die die Scham freilässt. Cindy Sherman steigert den Blick auf weibliche Rollen und Körper ins Monströse. Spielerisch eignen sich Künstlerinnen die Freudsche Konstruktion des Unheimlichen an. Werden selbst unheimlich. Zeigen rohe Körperlichkeit bis hin zu Angriffen auf die Männlichkeit.
Die Ausstellung zeigt Vorbilder, Leitbilder und einfach viele, viele Bilder. Unter anderem Fotos, wie Shermans "Untitled 302" von 1994. Ebenso das Foto "Belehrender Blick in den Brustkorb"von 1944. Es zeigt eine der Wachsfiguren der Wiener NS-Propaganda-Ausstellung "Rassenporträts". Beide Fotos, schauen unter die Oberfläche eines weiblichen Ideals.

(09/ 2001, DENKmal)




"Close to the eyes" von Xiao Hui 
Gesichterweltreise... 

Xiao Huis Lebensgeschichte klingt wie ein Roman: Sie wird 1957 in Tianjin, China, geboren. Kindheit während der Kulturrevolution. Als Tochter zweier Musiker, zählt sie zu den "Bürgerlichen". Ihre Kindheit ist von staatlicher Überwachung geprägt. Die Familie steht unter permanent unter Beobachtung. Später wird sie es sein, die beobachtet. Nicht heimlich, sondern sehr direkt:
"Im traditionell chinesischen Denken heißt es, es sei unhöflich einem Fremden in die Augen zu blicken. Ich schau Leute immer direkt an, wann immer mich ein Gesicht interessiert, besonders, wenn ich zu neuen Plätzen reise."
Die Familie rät ihr zur Architektur, sie würde lieber Film studieren. 1986 erhält sie eines der seltenen Stipendien für ein Auslandsstudium. Sie geht mit ihrem Mann Lin nach Deutschland. 1991 gibt sie die Architektur ganz auf und widmet sich seitdem der Fotografie.
Ein anderes Leben beginnt. Viele Reisen. Eine wird zum tragischen Wendepunkt. Ein Autounfall auf dem Weg nach Prag. Sie wird schwer verletzt, Lin, ihr Mann, "Licht ihres Lebens", stirbt! Seitdem ist eines ihrer Hauptthemen das Alleinsein, die Einsamkeit und die Sehnsucht nach der Heimat. Xiao Hui fühlt sich als Chinesin in Europa, bis sie entdeckt, dass ihre Freiheit darin liegt überall zuhause zu sein.
Ihre Fotos erzählen von dieser Heimat in der Welt. Portraits von Menschen aller Kulturkreise. Jeglichen Alters. Schwarzweiß. Sie hält Blicke fest, Blicke direkt in die Kamera. Während sie fotografiert, hört sie den Menschen zu. Diese Geschichten kann man auch in ihren Fotografien nachspüren.
Ihr Fotobuch "Close to the Eyes" ist bei Prestel erschienen. 94 Portraits, von Menschen, denen sie auf ihren Reisen begegnet ist und ihre eigene Lebensgeschichte. Leise und poetisch. 
 
(09/2001, DENKmal, Nowak/ Achenbach)




Man Ray 
Mensch-Lichtstrahl 

Die Fotografie. Ein Abbild der Wirklichkeit. Was ist zu sehen? Ein Mann. Eine Frau. Ein gedeckter Kaffeetisch. In der Mitte ein Kreis. Eine Linse? Durch die wir gerade sehen. Wir blicken in die Linse und sehen das Abbild. Ist es real? Ja und Nein. Was bleibt, ist das Bild, die Fotografie...
"Ich male, was nicht fotografiert werden kann. Ich fotografiere, was ich nicht malen möchte."
Man Ray: Mensch-Lichtstrahl. Sein Name, selbst gewählt. So ganz anders als sein jüdisch mittelständisch geprägtes Elternhaus in New York. Dem entflieht er schon früh und probiert sich in verschiedenen Berufen aus. Doch nirgendwo bleibt er lang. In dem Moment, wo man ihn besonders lobt, ihm mehr Arbeit und mehr Verantwortung übertragen will, da ist er schon weg, kommt nie wieder. Er verweigert sich allen Erwartungen - seien es seine Malerei, seine Objekte, Fotografien oder seine Filme.
Ein Maler will er sein. Dafür geht er 1921 nach Paris. Marcel Duchamps kennt er schon aus New York und dieser führte ihn auch sofort in die Pariser Dada-Bewegung ein. Er beteiligt sich 1925 an der ersten Pariser Surrealismus-Ausstellung. Der Surrealismus prägt ihn und seine Werke. Seinen Ideen bleibt er bis ins hohe Alter treu.
Seine Pionierleistung für die Fotografie ist die Entdeckung der Rayographie. Sie fällt ihm durch Zufall beim Entwickeln anderer Fotografien zu. Dabei entstehen weiße Abbildungen von Objekten auf dem schwarz belichteten Papier. Gleich einer Fotografie des Wesens der Dinge. Immer wieder steht er vor dem Problem, dass Fotografie nicht als eigene Kunstgattung anerkannt wird. Und auch er selbst unterscheidet. Zwischen künstlerischer Fotografie, die er als Kunstwerk signierte und der Auftragsfotografie, für die er sich schon früh reich entlohnen lässt.
Sein Pariser Atelier wird zum Spiegelbild der Kunst- und Intellektuellenszene der 20er und 30er Jahre. Hier treffen sich Marcel Duchamp, einer seiner engsten Freunde, Picasso, Braque, Max Ernst, Salvador Dali und Meret Oppenheim. Kiki, ungekrönte Königin und Muse der Künstlerclique am Montparnasse, ist seine damalige Lebensgefährtin. Sie ist das Model seiner berühmtesten Frauenakte. Man Ray verkehrt im Salon von Gertrude Stein und in Sylvia Beachs Pariser Buchhandlung "Shakespeare and Company".
Einzug der deutschen Truppen in Paris. Ein zwingender Anlass Frankreich zu verlassen und zurück in die Staaten zu reisen. Diesmal nach Kalifornien, wo er 1946 Juliet Browner heiratet, die ihn zu zahllosen Aufnahmen inspiriert.
Als er 1951 wieder nach Paris zurückkehrt, widmet er sich verstärkt seiner Malerei. Als Künstler wird er jedoch bis ins hohe Alter vor allem über seine Fotografie definiert.
Man Ray wäre dieses Jahr 111 Jahre geworden.
"Es ist mir nicht gelungen, nicht geboren zu werden. Meine Eltern trennten sich eine Woche nach ihrer Hochzeit und trafen sich erst ein Jahr später zufällig wieder. Damals haben sie beschlossen, mich in die Welt zu setzen. Seitdem ist es nicht zu leugnen, dass ich 1890 in Philadelphia geboren wurde."

(08/ 2001, DENKmal)




Falsche Fotos - Echte Träume

Denke ich an Afrika, so denke ich an...
Meistens sind es Klischees, die einem in Verbindung mit Afrika durch den Kopf gehen. Irgendwo zwischen brüllenden Löwen vor untergehender Sonne, verhungernden Kindern, edlen Wilden und ständigen Bürgerkriegen, bleibt wirkliches Wissen über Afrika und seinen Kulturen auf der Strecke. Statt die alten Mythen zu pflegen, gibt es nun die Möglichkeit sich neuen Geschichten zu stellen. Geschichten über die Fotografie. Sechs westafrikanische Fotografen zeigen in der Kunsthalle Wien ihren Blick, ihren Alltag, ihre Geschichte.
Das liegt im Trend der Zeit. Ausstellungen zu afrikanischer und asiatischer zeitgenössischer Kunst boomen. So brachte das französische Kulturmagazin "Revue Noire" schon 1991 ein Sonderheft zum Thema "Afrikanische Fotografie" heraus. Seitdem sind die Abzüge von afrikanischen Gebrauchsfotografen gesuchte Sammelobjekte.
Sechs Fotografen, unterschiedlichen Alters, mit verschiedenen Erfahrungshintergründen und Ansätzen:
Seydou Keita (1923, Mali): Keita ist der "Klassiker" der westafrikanischen Studiofotografie. In Westafrika entsteht ein lokaler Markt für Gruppen- und Passfotografien, die das Fotoalbum zum Urgrund moderner Familiensagas werden lassen. Die großformatigen Schwarzweißaufnahmen verzichten auf jedes koloniale Dekor und huldigen einem afrikanischen Schönheitsideal: Bekleidung und Haartracht, Accessoires und Posen fungieren dabei als soziale Codes.
Malick Sidibé (1936, Mali): Schwarzweiss-Fotografien der 60er und 70er Jahre. Jazz und afro-amerikanischer Lifestyle werden in den afrikanischen Metropolen gierig aufgesogen und ‘afrikanisiert’. Der Fotograf macht sich die afrikanischen Nächte, ihre Partys und ihr reges Clubleben zum Sujet. Diese zeigen ausgelassenes Treiben am Niger und stilbewusste Teenager die stolz mit ihren amerikanischen Plattencovern posieren.
Philipp Kwame Apagya (1958, Ghana): Kolonial geprägt waren Studiofotografien zunächst mit bemalten Hintergründen versehen, wie drapierten Vorhängen und klassischen Säulen. In den letzten Jahren haben sich diese laienhaft angelegten Hintergründe stark verändert. An Traumorten, die Werbespots entstammen könnten, möchte man jetzt fotografiert werden. In einem Wohnzimmer mit einem HiFi-Schrank, der nichts zu wünschen übrig lässt, in einem schicken Büro mit Computerausstattung oder vor der Skyline einer modernen Metropole. Man ist, was man hat! Selbst wenn es nur so aussieht, als ob.
Bouna Medoune Seye(1956, Senegal): Mit dokumentarischem Blick, spiegelt er seine Welt. Ganz nah, scheint man mitten in einer afrikanischen Großstadt zu sitzen. Dazu gehören die Bettler und Obdachlose der Reihe "Les trotoirs de Dakar", ebenso wie "Zone Rap" eine Serie zur Hip-Hop-Szene Dakars oder seine Video-Arbeit "Pieds".
Dorris Haron Kasco (1966, Elfenbeinküste): Die Außenseiters Abidjans sind das Hauptthema des 33-jährigen Fotografen. Dem Überlebenskampf der Straßenkinder und geistig Behinderten seiner Heimatstadt widmete er zwei Langzeitstudien. Dabei entstanden befremdliche, manchmal belustigende Portraits von Menschen, die frei und scheinbar unbeobachtet durch die Großstadtstrassen streifen.
Boubacar Touré Mandémory (1956, Senegal): Seine Fotografien zeigen dokumentarisch einen urbanen Alltag. Exzentrische Perspektiven, Detailaufnahmen, Verwischungen, Serien die Bewegung und Zeit zu Form verfestigen. Ein angeschnittener Arm, ein Bein in Bewegung, im Hintergrund der Blick in Straßenpanoramen.
In ihrer Heimat arbeiten diese Fotografen oft als "Handwerker", besonders die Studiofotografen, deren Portraitstudios sozialer Treffpunkt der Nachbarschaft sind. Zum Künstler ernannt, werden sie oft erst auf dem europäischen Kunstmarkt. Zur der zwiespältigen Situation des afrikanischen Künstlers meint D. H. Kasco:  "Der Künstler nimmt in der afrikanischen Gesellschaft eine Randstellung ein. Mit meinen Fotos vollbringe ich jedoch keine künstlerische Arbeit. Ich will auch nicht als moralisierend gelten. Ich versuche lediglich, mich mit kritischem Blick der Gesellschaft zu nähern, in der ich lebe."
Vom 7. September bis 11.November 2001 zeigte die Kunsthalle Wien "Flash Afrique", Fotografie aus Westafrika.
 
(09/2001, DENKmal)  
 



Frank Lloyd Wright: "Die Lebendige Stadt" 
 
Der Katalog "Die Lebendige Stadt" entstand in Verbindung mit der Ausstellung, die 1998 ursprünglich für das Haupthaus des Vitra Design Museums in Weil am Rhein konzipiert wurde. Auf 330 Seiten sind Skizzen und Pläne, die Fotografien der gebauten Häuser und heutige Bestandsaufnahmen zu sehen.
Es gibt zusätzlich einen theoretischen Teil, der zum einen in die Funktionen der einzelnen Gebäude unterteilt ist, zum anderen noch Abhandlungen über Wrights Gesamtwerk bietet. Die Aufsätze sind von Jean-Louis Cohen, David De Long, Michael Desmond, David Hanks, Richard Joncas, Bruce Brooks Pfeiffer, Jack Quinan und herausgegeben wurde das gesamte Werk von David G. De Long beim Skira Verlag.
1958, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte Wright das theoretische Werk "Die lebendige Stadt". Sie wirkt noch heute so, als ob er unserer Zeit um Dekaden voraus gewesen wäre: suburbane Zergliederung und das Ende der traditionellen Innenstädte. Blasengeformte Fahrzeuge auf drei Rädern, geometrische Wohnstrukturen, Antennen und Flugobjekte aus dem Inventar der Science-Fiction. Hubschrauber, die überall landen können, sollten das Flugzeug ersetzen und alle Großbauten mit einem Garten umgeben sein. Eine lebendige Stadt der besonderen Art und nicht unumstritten. Wright hatte sie jedoch nie als Stadtplan konzipiert, den es wirklich umzusetzen galt.
Die im Katalog beschriebene Ausstellung war 2001 im Berliner Vitra Design Museum zu sehen.

(10/2001, DENKmal)




Sean Scully :  Konstante Streifen 

Ein Mann steht am Strand. Hinter ihm das Meer und der Horizont. Zu seinen Füßen eine Zeichnung im Sand. Eine flüchtige Spielerei eines Kindes? Ein Gitter aus Vertikalen und Horizontalen. Der Mann ist der Schöpfer und hört nicht auf. Gleich noch zwei daneben. Fertig! Sichtbar nur einen kurzen Augenblick. Bis das Wasser kommt und alles wieder zerstört.
Der Mann, Sean Scully, ein Maler:
"Man kann an einen Ort zurückkehren, an dem man einmal gewesen ist, aber man kann nicht an einen Ort zurückkehren und etwas auf genau dieselbe Weise erneut tun. Man bekommt nie die Gelegenheit, etwas noch einmal zu tun, noch nicht einmal denselben Atemzug. Sobald man es getan hat, ist es vorbei, und irgendwie spiegelt sich das in meinem Werk. Meine Bilder sind ein Versuch, diesen Prozeß aufzuhalten."
1945 wird Sean Scully in Dublin geboren. Studium in London, 1975 dann die Übersiedlung in die USA. Studiert weiter in Harvard, Massachusetts. Später Lehrtätigkeit in Princeton. Das Licht, auf seinen Reisen nach Marokko, Mexiko, Spanien habe ihn stark beeinflusst und inspiriert.
Die Konstante in seinem Werk: Immer wieder Streifen! Erst einer, daneben ein zweiter, ein dritter. Sie laufen vertikal hinunter. Werden von horizontalen Streifen auf- und eingefangen. Bilden Quadrate und Rechtecke. Sieht es nicht aus wie gekachelter Boden, Parkett, Dielen? Dann: eine Bretterwand. Wenn nur die Farben nicht wären! Immer wieder Weiß und Schwarz. Die ganze Palette vom hellen Gelb bis bläulichen Grau. Und dann Rot, Braun oder Gelb, zum Teil übermalt mit Schwarz und Weiß. Diese Schichtung generiert Pastelltöne, bei denen die dunkleren stärkeren Farben unter dem Weiß hindurchscheinen. Und die Konstante: Der Streifen!
Das Motiv des Streifens wiederholt sich nicht nur in dem malerischen Werk dieses irischen Künstlers. Auch seine Pastelle, Aquarelle sind von den Streifenkompositionen geprägt. Selbst die Fotografien, früher als Skizzen für spätere Gemälde benutzt, werden durchzogen von geometrisch angeordneten Farbflächen. Hier sind es vielfach Bretterwände, farbig angelegt, durchbrochen von Türen und Fensterläden. Selbst Landschaftsfotografien werden zur Anordnung von vertikalen Streifen: Strand, Meer, und Himmel. 3 Streifen in 3 Farben. Wie seine Malerei. Wiederholung überall, doch nie wird das zu Sehende gleich.
Sean Scully selbst behauptet, seine Kunst sei ein Ergebnis des Einflusses von Matisse, Mondrian und Rothko. 
Sean Scully hat mehr als Streifen zu bieten. Der irische Maler hat sich besonders in den letzten 10 Jahren experimentell auf Motivsuche gemacht. So konnte man in der Sean Scully-Ausstellung im Münchner Haus der Kunst eine große Bandbreite an künstlerischen Arbeiten aus dem Zeitraum von 1990 bis 2000 finden. Zu der Münchner Ausstellung ist beim Richter Verlag ein reich illustrierter Katalog erschienen. "Sean Scully. Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Fotografien. 1990-2000".
300 Abbildungen auf 272 Seiten. Zusätzlich Essays von Armin Zweite, Bernd Klüser, Francisco Jarauta, Hans-Michael Herzog und Maria Müller. Scullys Oevre, seine künstlerischen Medien und das Verhältnis zur Zeit sind die Themen dieser theoretischen Auseinandersetzung.
 
(08/2001, DENKmal)







Sonstiges
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Buntes mit Soße: 100 Jahre Kabarett

Ein französischer Vorspeisen-Teller steht ihm Pate, dem Namen "Kabarett": Mit Fächern für Grünes, Buntes, Gemischtes, Pikantes und in der Mitte Platz für die alles verbindende Soße. Diese Rolle übernimmt der Präsentator.
Nicht Clown, nicht Musiker, nicht Literat und doch alles ein bisschen, nur böser, subtiler, manchmal politischer. Der Kabarettist. Eine merkwürdige Sorte Mensch, die zwischen den Genren agiert. Er beobachtet, zielt und trifft. Denn wehtun muss es ja. Nicht nach billigen Effekten suchend, sondern mit Blick auf die Ursache der Dinge. Sonst verkommt es zur gefälligen Comedy. Der laute Nachfolger und scheinbare Konkurrent des Kabarett.
Blüht also das Kabarett, insbesondere das politische, nur noch im Schatten der in den Medien inszenierten "Comedians"? Sind angestammte Fernsehformate die letzten Reservate für den gepflegt bösen Humor? Gleich Schutzgebieten einer von Ausrottung bedrohten Art. Das Kabarett ist tot! Hoch lebe das Kabarett!
Abgeguckt hatte man sich diese Kunstform aus Paris, wo schon 20 Jahre früher das Cabaret "Chat noir" auf dem Montmartre eröffnete. Als Geburtsstunde des deutschen Kabaretts gilt die Gründung des "Überbrettls" von Ernst von Wolzogen in Berlin am 18. Januar 1901. Dem "Überbrettl" folgte "Schall und Rauch", wo Max Reinhardt das wilhelminische Theater veralberte. In München attackierte bald darauf auch Frank Wedekind die bürgerliche Moral. Berlin und München wurden zu Hochburgen des inszenierten Humors: Otto Reutter, Claire Waldoff, Karl Valentin und Joachim Ringelnatz.
Die 30er Jahre wurden zur Bewährungsprobe für den politischen Witz, an der viele Künstler scheiterten oder zerbrachen. Nach dem Krieg folgt die Renaissance. Man durfte wieder politisch sein und schöpfte aus dem Vollen. Das Ko(m)mödchen setzt neue Maßstäbe. Günter Neumanns "Insulaner" swingten im kalten Krieg, Wolfgang Neuss polterte zum Wirtschaftwunder. Die Berliner Stachelschweine und die Münchner Lach- und Schießgesellschaft lehrten das breite Publikum bis heute, was Kabarett sein kann.

( 09/2001, DENKmal)




Hans Albers 
Schiffchen und Rosen 
 
Er ist blond, blauäugig und auf ewig eine Ikone des deutschen Volksschauspiels. Hans Philipp August Albers wird am 22. September 1891 in Hamburg-St. Georg geboren. Hans Albers - der Name löst sofort Assoziationen aus: Hamburg, Reeperbahn, Schifferkneipe, blaue Strahleaugen und "Johnny, komm bald wieder..."
Die Großschlachterei seines Vaters sollte er übernehmen. Doch Sohn Hans nimmt heimlich Schauspielunterricht, tourt mit Wanderbühnen durch das Land. 1913 ist er wieder in Hamburg, spielt auf den großen Bühnen die großen Rollen. Dann Berlin. Hier wird er als Komödiant, als halsbrecherischer Allroundkünstler bekannt.
Seine ersten Rollen erhält er beim Stummfilm, als Lebemann, Verführer oder Hochstapler. Albers schafft es, sich vom Stummfilm zum Tonfilm zu retten. Der Ruhm bleibt. Der ganz große Durchbruch kommt 1932 mit den Kinofilm "F.P.1 antwortet nicht".
Machtübernahme durch die Nationalsozialisten. Hans Albers zieht sich zurück in sein Anwesen am Starnberger See. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Hansi Burg, einer Halbjüdin. Sie flieht 1938 über die Schweiz nach London.
Josef Goebbels "reformiert" den deutschen Film und auch Albers gerät in den Dienst der Nazi-Propagandamaschinerie und erhält die höchsten Gagen. Als Star spielt er in den übelsten Propagandafilmen: "Trenck, der Pandur" (1940) und "Carl Peters" (1941) gehören dazu. In den Drehpausen ist er in Bayern und züchtet Rosen. Abgeschirmt vom Alltag des "Dritten Reiches".
Der Farbfilm, "Große Freiheit Nr. 7" wird 1943 im Bombenhagel Hamburgs gedreht und schließlich in Prag zuende gebracht. Die Story vom Seebär, der im Tingeltangel singt und sich um die Geliebte des toten Bruders kümmert, passt jedoch nicht ins Nazi-Weltbild. Der Film wird verboten. Erst nach dem Krieg kommt er ins Kino.
Kriegsende. Hansi Burg kehrt zurück und Hans Albers spielt wieder Theater. Kritiker und Publikum sind begeistert. Auf der Höhe seines Ruhms sucht er Besinnung - am Starnberger See, mit der Rosenzucht. Und an langen Abenden baut er winzige Schiffchen in Glasflaschen. Dazu lässt er ein Tonband laufen - mit Schiffstuten und Nebelhörnern. Die Klangkulisse des Hamburger Hafens. Sein Traum - ein Haus mit Elbblick für den Lebensabend - wird sich nicht mehr erfüllen.
"Immer durfte ich nur heiter siegen und heiser singen. Ich durfte nicht altern, nicht sterben und nun ist es doch so weit", sagt er zu seiner Lebensgefährtin. Hans Albers stirbt am 24. Juli 1960 in der Nähe von München. Beerdigt wird er in Hamburg. 
 
(09/2001, DENKmal) 
 


Serviertöchter mit brauner Würze 
...wie "Maggi" das Nationalgefühl der Schweizer kittet... 

Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen. Und die Angst in der Heimat fand. Christoph Marthaler ist der neue Intendant am Schauspielhaus Zürich. Als er als junger Künstler die Schweiz verließ, hätte er sich nie vorstellen können jemals Intendant eines Stadttheaters zu werden. All die Verwaltungsarbeit, die bürokratische Hierachie waren sein Feindbild schlechthin.
Doch auch vom Vagabundieren könne man müde werden, so Marthaler jetzt. Und das Angebot der Stadt Zürich war offenbar zu gut, um es abzulehnen. Das alte plüschige Stadttheater ist frisch renoviert - die „Schiffsbauhallen“, altes Industriedenkmal, kamen als weitere Bühne hinzu. Nun sind Spielstätte, Bar und Kulturzentrum unter einem Dach.
Sein erstes Stück "Hotel Angst" hatte gestern Abend Premiere: Ein Speisesaal auf zwei Ebenen. Von der Decke bröckelt der Putz. Eine schimmelige Hotelhölle zwischen Alp und Traum. 
Ein Hotel als Chiffre für die Schweiz. Die Schweizer - ein Volk aus „Gemeinderäten“ und „Serviertöchtern“. Was aber hält das Land zusammen? - „Maggi“ die braune Würze. Die Gemeinderäte schimpfen, jammern, zetern. Über die „Diktatur der EU“, die „Ausländer“, egal ob Inder, Türke oder Kölner. Am Stammtisch singen sie „süßliche Heimatlieder“, oder ertüchtigen sich mit gemeinsamer Akrobatik. Errichten Menschenpyramiden in Feinrippunterwäsche. Wenn es gar zu bunt wird, sind wieder die Serviertöchter da, geben den wirren Herren Injektionen aus Maggi-Würzflaschen. Und immer wieder findet sich die Zeit für ein Lied, einen Tanz oder eine Slapstickeinlage. Ein bunter Abend zwischen Commedia dell’Arte, Musical und Clownerie.
Das Hotel - eigentlich eine Heimstatt für Fremde. Aber die Gäste werden gequält oder vertrieben: „Willkommen, aber wehe, wenn ihr bleibt“. Anspielungen auf aktuelle Ereignisse, das Anti-Ausländer-Referendum, welches an diesem Wochenende in der Schweiz zur Abstimmung kommt. Die Freiheit bleibt den Schweizern selbst vorbehalten.
Mit Marthalers Rückkehr entbrennt die Frage, ob es die Heimkehr des verlorenen Sohns ist oder des unbequemen Kosmopoliten, der der Schweiz den Spiegel vorhalten will.

 (09/2001, DENKmal)




"Lichtbildvortrag" von "Shift!" 
 ...mit dem Käfer nach Italien... 

Eine alte Kiste voller Urlaubsfotos! Wie alt mögen sie sein: 15, 20 Jahre oder gar älter? Die Farben leicht vergilbt, teils in schwarz-weiß. Menschen, damals jung, jetzt nur noch Erinnerung.
Fotos erzählen Geschichten. Geschichtenerzähler beschreiben Fotos. Die wurden von Künstlern zu einem Video-Clip verarbeitet. Das Endprodukt - ein kleines Paket. Ein Videoband mit zehn Kurzfilmen, ergänzt durch Faltblätter. Jeder Clip, jedes Faltblatt eine andere Geschichte. Manche poetisch, manche abstrakt und manche absurd.
Im Käfer gen Italien. Aus Fotos werden Bilder, ständig in Bewegung. Zwei Männer und eine Frau im Käfer unterwegs nach Italien. Nostalgie. Traumbilder, die zu schwinden drohen, ineinander fließen. Aus dem Off die Briefe von Elena an ihren Geliebten: "Neun Jahre. Wie fremd ich mir selbst bin auf den Bildern. Im flatternden moosgrünen Kleid, roten Schuhen. Ein rotes Tuch zum Abschied. Wir haben nie geredet, wie eure Reise weiterging. Als ich fort war, und ihr allein wart mit euren Tellerchen und Becherchen. Was aus der Zärtlichkeit wurde, die uns überwältigt hatte... Fast jede Nacht habe ich von euch geträumt auf dieser Reise. Und wusste beim Aufwachen nicht mehr, ob es euch wirklich gibt."
Nicht immer sind die Clips narrativ. Da wird mal ein Foto mittels Computergrafik zur strengen Farbgrafik.
Dann eine Sammlung von Dias. Jedes zeigt eine Blume, mit Datum und Ort versehen. Magnolien im Mai. Tulpen aus Lahngarten. Forsythien in Pretoria.
Eine Serie Schwarz-Weiß-Portraits, bei denen ein Kopf im anderen verschwimmt, wurde mit abstrakten Wortfetzen versehen.
Straßenansichten in Venedig. Ein Mann mit grauem Anzug und brauner Aktentasche. Titel der Geschichte: "Der Don geht" . 20 Bildern als Loop; immer zeitgenau kommentiert. Die Kindheit des Erzählers: Der Don ist ein Teil davon? Er geht, doch wohin? Zum Schluss die Einsicht: "Erst viel später, an einem anderen Ort, weit von Venedig entfernt, habe ich mich an ihn erinnert und verstanden. Wie schön es ist, manchmal zu gehen und nach Dingen zu sehen, die man kennt und mag. Nur um zu schauen, ob sie noch da sind und zu hoffen, dass sie sich nicht verändert haben."
Das ganze Paket hat einen Namen - "Lichtbildvortrag". Wie diese drögen Diaschauen damals - nach dem Urlaub: "Ach weißt du noch!", sagt Papa und Mutter lächelt. Die einst anonymen Fotos greifen in den Geschichten des "Lichtbidvortag" auf kollektive Erinnerungen zurück. An Kindheit, Eltern, Urlaub.
"Lichtbildvortrag" ist die zwölfte Publikation der unabhängigen Berliner Zeitschrift "Shift!", die vom Gestalten Verlag vertrieben wird. 
 
 (09/ 2001, DENKmal)
 
 


Vorwärts-Zurück...

Bei seinem Namen bekommen nicht nur Tanzfans leuchtende Augen. Vielleicht springt der 52-jährige Mikhail Baryshnikov nicht mehr so hoch wie früher, aber er ist immer noch einer der bekanntesten russischen Balletttänzer.
1989 tritt er von der Leitung des American Ballet Theatre zurück. Die Prinzenrollen des klassischen Repertoires hat er ein für allemal abgestreift. Ein klarer Schnitt. Er bricht auf zur Moderne, die er nun genauso stilsicher interpretiert wie die traditionellen Partien.
Er tanzt zunächst bei Mark Morris in Brüssel. Kurz darauf gründeten sie gemeinsam die Kompanie White Oak Dance Project. Den Namen hat sie von ihrem Standort. Einer Plantage in Florida, die ihnen ein Mäzen als Trainingsort zur Verfügung gestellt hat.
Beim diesjährigen Internationalen Tanzfest in Berlin ist das White Oak Dance Project dabei. Am 21.-23. August 2001 stellen sie dort ihre Produktion PASTForward- the influence of the post-moderns vor. Sieben prominente Choreografen des New Yorker Judson Dance Theater werden hier wieder in Erinnerung gerufen: Die Gründermitglieder dieser postmodernen Tanzgruppe beginnen ihre Arbeit 1962, in der Judson Church in Manhattan. Dabei durchbrechen sie die Grenzen des modernen Tanzes der 60er und 70er Jahre.
Das Stück ist also zum Teil Geschichtsstunde, zum Teil Tanz-Projekt. "PASTForward" ist aber auch ein Tribut an Choreografen wie Trisha Brown, Lucinda Childs, Simone Forti, David Gordon, Deborah Hay, Steve Paxton and Yvonne Rainer.
14 Revivals. 2 neue Arbeiten. 8 Tänzer. Und unter den Tänzern wieder sein Name: Bariyshnikov. Wie damals, nur anders.

(08/2001, DENKmal)



                   
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